Nigeria: Humanitäre Katastrophe abseits des Scheinwerferlichts spitzt sich zu

28.06.2021

2,5 Millionen Menschen im Norden von Nigeria wurden aufgrund der Gewalt aus ihren Dörfern vertrieben. Im Bundesstaat Borno leben sie in sogenannten Festungsstädten, einem Konzept, das mittelalterlich anmutet. Die Zahlen sexueller Gewalt im Bundesstaat Zamfara sind erschreckend hoch. Manche Regionen sind seit Jahren von der Außenwelt abgeschnitten, mit massiven medizinisch-humanitären Folgen. Der Österreicher Marcus Bachmann war als Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen vor Ort.

„Man weiß eigentlich kaum, wo man beginnen soll. Immer mehr Menschen haben aufgrund von Konflikten keinen oder extrem beschränkten Zugang zu Basisversorgung, wie medizinischer Hilfe. Die humanitäre Lage ist extrem angespannt und der Trend geht weiter abwärts“, warnt Marcus Bachmann. Der Österreicher hat kürzlich seine Tätigkeit als Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in Nigeria beendet. Es war sein jüngster Einsatz des erfahrenen Nothelfers. „Besonders tragisch ist, dass wir hier auch die Grenzen der humanitären Hilfe erleben. Es gibt Orte im Norden des Landes, in die seit gut fünf Jahren keine Hilfe gelangt ist. Die Sicherheitslage macht das derzeit schlicht unmöglich.“

Enorm hohe sexuelle Gewalt

Ärzte ohne Grenzen warnt vor den Folgen der zunehmenden Gewalt für die Menschen im Nordwesten Nigerias. „Bisher war, wenn überhaupt, der Bundesstaat Borno aufgrund der schlechten Sicherheitslage und dem enormen Bedarf an humanitärer Hilfe in den Schlagzeilen. Jetzt beobachten wir, wie im Nordwesten Nigerias, ganz besonders im Bundesstaat Zamfara die Gewalt eskaliert und massive Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen hat. Die Zahlen an Erkrankungen, die auf zu wenig Essen, Trinken und fehlende medizinische Versorgung wie Impfungen zurückzuführen sind, sind enorm“, erläutert Bachmann. „Immer wieder kommen Kinder in sehr schlechtem Zustand im von uns unterstützten Krankenhaus in Anka in Zamfara an. In den ersten vier Monaten 2021 behandelten unsere Teams in Anka, Zurmi und Shinkafi rund 10.300 Kinder wegen schwerer akuter Mangelernährung, Masern, Malaria, Durchfallerkrankungen und Infektionen der Atemwege. Das sind 54 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.“

Die von Ärzte ohne Grenzen betriebene Kinderstation mit 150 Betten im Krankenhaus in Anka ist voll belegt. „Wir befürchten aber, dass das Schlimmste erst bevorsteht. Die Familien erzählen uns, dass sie nicht in der Lage waren ihre Felder zu bestellen, wodurch die Ernährungssicherheit gefährdet ist. Gepaart mit der bevorstehenden Regensaison, in der auch Malaria saisonal stark zunimmt, erwarten wir einen Anstieg an Patient:innen.“ Ähnlich ist die Situation in Shinkafi, wo Ärzte ohne Grenzen eine Station für schwer mangelernährte Kinder mit 39 Betten betreibt und ein Quarantänezelt für andere Krankheiten sowie eine Klinik für Überlebende sexueller Gewalt. Auch in Zurmi unterstützt Ärzte ohne Grenzen ein therapeutisches Ernährungszentrum mit 30 Betten für Kinder und eine weitere Klinik für Opfer von sexueller Gewalt. Sowohl in Zurmi als auch Shinkafi bereiten wir eine Verdopplung der Betten für die Regenzeit (Juli-Dezember) vor (wie schon im Vorjahr). In all diesen Städten bieten die Teams auch psychologische Versorgung an.

Unzureichende Versorgung mit Nahrungsmitteln

Die Menschen, die es in die Gesundheitseinrichtungen von Ärzte ohne Grenzen schaffen, berichten, dass der Anstieg der Gewalt sie dazu gebracht hat, aus ihren Häusern, ihren Höfen und von Weideflächen zu fliehen. Einige haben in Zamfaras größeren Städten wie Anka Schutz gesucht, wo sie in formellen und informellen Lagern Zuflucht suchen. Die Lebensbedingungen in diesen Lagern sind katastrophal, es gibt keine regelmäßige Nahrungsversorgung, keine angemessenen Unterkünfte und keine ausreichenden Wasser- und Sanitäreinrichtungen. Andere Menschen sind in Dörfern geblieben aus Angst, auf den unsicheren Straßen unterwegs zu sein. Viele scheuen sich daher auch, Gesundheitsversorgung aufzusuchen – Angehörige machen sich erst auf den Weg, wenn die Patient:innen in einem sehr schweren oder kritischen Zustand sind, oft erreichen sie die Krankenhäuser zu spät.  

Über 124.000 Menschen waren laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) im Februar 2021 im Bundesstaat Zamfara intern vertrieben – das sind 12.000 mehr als noch im August letzten Jahres. Viele davon leben in der Stadt Anka, wo Ärzte ohne Grenzen innerhalb weniger Wochen 1.599 Neuankommende verzeichnet hat. „Unsere Daten lassen darauf schließen, dass in den letzten 12 Monaten mindestens in jedem dritten Haushalt eine Frau bei der Geburt oder ein Kind unter fünf Jahren verstorben ist. Das sind enorm hohe Zahlen wie wir sie kaum anderswo finden“, so Bachmann. „Und besonders schlimm ist auch die massiv hohe sexuelle Gewalt. Bewaffnete gehen von Haus zu Haus, und Mädchen und Frauen sowie manchmal auch Männer werden von ihnen gekidnappt und oft wochenlang sexuell missbraucht, bevor sie freigelassen werden. Viele haben dann keinen Zugang zu medizinischer oder psychologischer Betreuung. Die hundert Überlebenden von sexueller Gewalt, die wir in Zamfara zwischen Jänner und April behandelt haben, sind nur die Spitze des Eisbergs – viele erreichen unsere Kliniken nicht.“

Massiver humanitärer Notstand

Insgesamt sind im Norden Nigerias etwa 2,5 Millionen Menschen vertrieben worden. In der gesamten von diesem Konflikt betroffenen Region der Sahel-Zone sind es gar über vier Millionen. Im Bundesstaat Borno lebt der Großteil der ursprünglich 5,8 Millionen Einwohner:innen heute in sogenannten 26 Festungsstädten. Dort versuchen sie, sich vor der Gewalt zu schützen. Sie sind für ihr Überleben zu fast 100 Prozent von humanitärer Hilfe abhängig. Die Sicherheitslage ist katastrophal, sie erhalten kaum Unterstützung und kämpfen täglich um ihr Überleben.

Bachmann: „Was wir im Norden Nigerias sehen, ist ein massiver humanitärer Notstand, der umgehend mehr Beachtung finden muss. Wir fordern die Behörden aber auch die internationale Staatengemeinschaft und Geberorganisationen auf, dringend ihre Verantwortung für die Menschen in der Region wahrzunehmen. Alle Konfliktparteien müssen den humanitären Raum respektieren und Zugang zu allen, die Hilfe benötigen, gewähren.“

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen arbeiten in elf Bundesstaaten in Nigeria: Borno, Jigawa, Zamfara, Sokoto, Benue, Ebonyi, Kano, Bauchi, Katsina, Kebbi und Rivers. Die medizinische Hilfsorganisation ist seit 1996 durchgehend in Nigeria im Einsatz.

Patricia Otuka-Karner

Leiterin Pressestelle