Warnung vor humanitärer Katastrophe in Borno

30.06.2022

Seit Mai verzeichnet Ärzte ohne Grenzen einen massiven Zustrom unterernährter Kinder in das Ernährungszentrum in Maiduguri in Nigeria, was auf eine alarmierende Ernährungskrise im Bundesstaat Borno hindeutet. Ärzte ohne Grenzen fordert dringend eine Aufstockung der humanitären Hilfe, bevor der Höhepunkt der Ernährungskrise erreicht ist, der weitaus gravierender ausfallen könnte als in den Vorjahren.

„Es ist von entscheidender Bedeutung, dass jetzt - vor dem saisonal bedingten Höhepunkt der Mangelernährung in der Region - Maßnahmen ergriffen werden, um eine weitere Eskalation zu vermeiden", erklärt Shaukat Muttaqi, Einsatzleiter in Nigeria. „Wir stehen erst ganz am Anfang der saisonalen Mangelernährung und schon jetzt ist unsere Einrichtung mit mehr Patient:innen überlastet, als wir seit der Eröffnung des Projekts im Jahr 2017 monatlich je gesehen haben. Die bisherigen Trends zeigen uns, dass das Schlimmste noch bevorsteht. Dies ist ein riesiges Warnzeichen. Wenn nicht dringend Schritte unternommen werden, um sich auf den bevorstehenden Höhepunkt vorzubereiten, wird es zu Todesfällen in Maiduguri kommen.“

Kapazitäten ausgeweitet, aber nicht genug

Ärzte ohne Grenzen hat heuer bisher 2.140 mangelernährte Kinder im stationären therapeutischen Ernährungszentrum aufgenommen - etwa 50 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Sechs Wochen lang, im Mai und Juni, waren es mehr mangelernährte Patient:innen als jemals zuvor seit der Eröffnung des Projekts im Jahr 2017. Bis Mai verzeichnete das ambulante therapeutische Ernährungsprogramm einen 25-prozentigen Anstieg der Aufnahmen im Vergleich zum letzten Jahr. Daher hat Ärzte ohne Grenzen die bestehende Kapazität von 120 auf 200 Betten erweitert. Trotz dieser Notmaßnahme gab es im Juni an einigen Tagen nicht genügend Betten für alle Kinder, die aufgenommen werden mussten.

Auch andere humanitäre Organisationen sind an ihrer Kapazitätsgrenze angekommen. In einigen Fällen mussten Organisationen aufgrund fehlender Mittel ihre Hilfeleistungen einschränken - unter anderem wurden 16 dringend benötigte ambulante therapeutische Ernährungszentren geschlossen. Wenn sich die derzeitige Entwicklung fortsetzt, werden die noch bestehenden Kliniken überlastet und noch mehr Kinder vom Tod bedroht sein.

Präventionsmaßnahmen gefordert

„Am dringendsten müssen wir eine Erhöhung der Krankenhauskapazität für die Behandlung von stark mangelernährten Kindern erreichen. Parallel dazu müssen jedoch auch die Interventionen auf Gemeindeebene ausgeweitet werden, um einem möglichen Worst-Case-Szenario zuvorzukommen“, sagt Muttaqi. „Das bedeutet etwa den Ausbau von ambulanten Ernährungsprogrammen, Prävention anderer Krankheiten durch Immunisierungen sowie die Schaffung von Zugang zu Wasser und Hygiene.“

Mangelernährung ist ein chronisches Problem im Bundesstaat Borno. Es wird zusätzlich durch die Auswirkungen der Vertreibungen, die schlechte Sicherheitslage, Armut und den mangelnden Zugang zu Gesundheitsversorgung verschlechtert. Erschwerend kommen Ausbrüche von Krankheiten wie Cholera oder Masern sowie Malaria hinzu, wo es an Impfangeboten und Präventionsmaßnahmen mangelt. Am höchsten sind die Mangelernährungszahlen üblicherweise zwischen Juni und September. Es ist jene Phase zwischen der Erntezeit und der Aussaat.  

„Nachdem sich die Jahreszeit mit den üblicherweise höchsten Mangelernährungszahlen nun einem Höhepunkt nähert, stehen wir in Borno vor einer Katastrophe, die tausende Kinderleben in Gefahr bringen könnte“, betont Htet Aung Kyi, die als Ärztin und medizinische Koordinatorin für Ärzte ohne Grenzen in Nigeria im Einsatz ist. „Wir dürfen keine Zeit verlieren. Die humanitäre Hilfe muss umgehend ausgeweitet und Mangelernährung bekämpft werden. Gleichzeitig müssen andere Gesundheitsrisiken wie Masern oder Cholera präventiv gemindert werden.“

Patricia Otuka-Karner

Leiterin Pressestelle