Westjordanland: Inmitten eskalierender Gewalt benötigen immer mehr Menschen medizinische Hilfe

24.08.2026
Die Gewalt im Westjordanland weitet sich aus: Mindestens 77 Palästinenser:innen sind laut dem Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) in diesem Jahr im Westjordanland von israelischen Streitkräften und Siedlern getötet worden – mehr als im gesamten Jahr 2025. Darüber hinaus prägen Vertreibungen und eingeschränkte Bewegungsfreiheit das Leben vieler Menschen. Das hinterlässt Spuren in der körperlichen und psychischen Gesundheit.

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In der ersten Jahreshälfte führten die Teams von Ärzte ohne Grenzen fast 2.000 individuelle Beratungsgespräche und über 400 Gruppentherapiesitzungen für mentale Gesundheit durch. Bei den Mitarbeitenden gingen außerdem fast 170 Meldungen über Vorfälle ein, bei denen Palästinenser:innen verletzt wurden, ihre Häuser beschädigt oder Angriffe auf die Wasser- und Sanitärversorgung beobachtet wurden. Ärzte ohne Grenzen reagierte 27-mal mit Soforthilfe, um Betroffene mit lebenswichtigen Gütern zu unterstützen und psychologische Hilfe zu leisten.

Gesundheitssystem unter wachsendem Druck

Während die Gewalt eskaliert, ist medizinische Hilfe für viele Menschen kaum noch zugänglich. Die angespannte Sicherheitslage und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit mit Straßensperrungen und Kontrollpunkten führen dazu, dass selbst nahegelegene Gesundheitseinrichtungen im Notfall schwer zu erreichen sind. 
 
Das Gesundheitssystem steht außerdem unter Druck, weil die israelische Regierung Steuereinnahmen in Höhe von mehreren Milliarden Dollar gegenüber der Palästinensischen Autonomiebehörde zurückhält. Einige Einrichtungen mussten schließen, in anderen fehlt es an Personal.  
Private Gesundheitsleistungen sind derweil für viele Menschen kaum bezahlbar: „Aufgrund der wirtschaftlichen Lage können sich viele Menschen private Gesundheitsdienste nicht leisten. Wir stellen deshalb eine steigende Nachfrage nach unsere medizinische Arbeit fest“, so Mohammad Haroub, Assistent der medizinischen Koordination von Ärzte ohne Grenzen in Hebron.  

Massive Hürden für die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen

Ärzte ohne Grenzen musste seine Aktivitäten im ersten Quartal 2026 um mehr als die Hälfte verringern, weil Israels Behörden der Organisation eine erneute Registrierung verweigert hatten. So sind inzwischen einige Gebiete, in denen es oft zu gewaltsamen Angriffen kommt, für Mitarbeitende der Organisation nicht mehr zu erreichen – etwa der Stadtteil H2 in Hebron und die Dörfer in den Hügeln von Masafer Yatta.  

Um weiterhin so gut wie möglich für die Menschen in der Gegend da zu sein, hat Ärzte ohne Grenzen mittlerweile neue Einrichtungen eröffnet, die nahe der Grenze zu Area C liegen – einem Gebiet, das vollständig unter israelischer Kontrolle steht. Jedoch bleibt die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen im Westjordanland trotz weitgehender Anpassungen eine tägliche Herausforderung:  „Wir wissen nie, ob wir eine Klinik überhaupt erreichen können, die Lage ändert sich ständig“, sagt Elisa Tamimi, Referentin für humanitäre Fragen von Ärzte ohne Grenzen in Hebron. „Manchmal werden ganze Gebiete für einen Tag, zwei Tage oder sogar eine Woche abgeriegelt. Das hat enorme Auswirkungen auf das Leben der Menschen.“ 

Joan Tubau, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen für die Palästinensischen Gebiete, fordert: „Die israelischen Behörden müssen alle Maßnahmen einstellen, die dazu führen, dass Palästinenser:innen aus ihren Häusern vertrieben werden. Sie müssen den ungehinderten Zugang für medizinische und humanitäre Hilfe sicherstellen. Und sie müssen die Zivilbevölkerung schützen und das Völkerrecht einhalten.“
 

Werner Reiter

Werner Reiter

Press Officer