Ein Mitarbeiter aus unserer Klinik in Kundus berichtet vom Arbeitsalltag in Afghanistan. Zwischen Nächten im Bunker und Momenten der Hoffnung.
13.09.2021

Am 8. August endeten die Kämpfe in der Stadt Kundus im Nordosten Afghanistans. Während der Kämpfe verwandelte Ärzte ohne Grenzen seine Büroräume in eine provisorische Trauma-Station, um die vielen Verwundeten zu behandeln. Am 16. August wurden alle Patient:innen von dort in unsere neu eröffnete Trauma-Klinik verlegt. Die lokale Bevölkerung benötigt weiterhin dringend medizinische Hilfe. Ein Mitarbeiter des Kundus-Teams von Ärzte ohne Grenzen berichtet über seine Erfahrungen, während der Kämpfe und die Arbeit, die er heute leistet:

Es ist viel los, aber es läuft, wir rekrutieren neues Personal, und die Bauarbeiten um uns herum sollten bald abgeschlossen sein. Aber beginnen wir von vorne: Dem Abend, an dem die Kämpfe in der Stadt Kundus ausbrachen... 

Nachts im Bunker

An diesem ersten Abend wurde ununterbrochen bombardiert und geschossen. Wir liefen in den Bunker und blieben dort die ganze Nacht. An Schlaf war nicht zu denken. Die Patient:innen konnten nicht mehr zu uns in die Klinik kommen, da auf den Straßen gekämpft wurde.

Am nächsten Morgen erhielten wir die Nachricht, dass mehrere Patient:innen in der Klinik eintreffen würden. Wir konnten aber nicht hin, weil auf der Straße zwischen dem Bunker und der Klinik Kämpfe wüteten. Unsere Kolleg:innen brauchten dringend unsere Hilfe: Ein Patient mit Schusswunden in Brust und Bauch musste schnellstmöglich operiert werden. 

Wir rannten

Es kam ein Moment, in dem die Schüsse weniger wurden - drei von uns rannten auf die andere Seite der Straße zum Operationssaal. Der Patient hatte gerade seinen Puls verloren, also begannen wir mit der Wiederbelebung, während der Anästhesist nach einem Atemweg suchte. Ich schnitt zwei Löcher in den Brustkorb, damit das Blut abfließen und sich die Lunge ausdehnen konnte, während ein anderer Kollege versuchte, die Blutung unterhalb des Brustbeins zu stoppen. Wir konnten schnell feststellen, dass die Kugel einen Teil des Herzens getroffen hatte. Es gab keine Möglichkeit, ihn zu retten.

Kunduz Emergency Trauma Unit
MSF
Unser Team im OP.

Harte Tage

Das war der Beginn meines vermutlich schlimmsten Arbeitstages. Vielen Kolleg:innen ging es sicher genauso. Wir waren völlig überfordert. Es kamen noch viele andere Patient:innen, die operiert werden mussten: viele Schussverletzte und Menschen mit Verletzungen von Bombenangriffen.

Oft kommen wir in den OP und stellen fest, dass es nicht mehr viel gibt, was wir tun können, um diese Person zu retten.

Es war ein sehr langer Tag. Viele unserer Mitarbeiter:innen konnten die Klinik an diesem Tag nicht erreichen. So musste das Team der Nachtschicht auch noch den ganzen Tag durcharbeiten. Wer konnte, schlief kurz. Wir wechselten uns ab.

„Ich brauche jetzt deine Hilfe!“

Gegen 6:30 Uhr am nächsten Morgen rief mich ein Arzt aus der Notaufnahme über Funk an und sagte: "Ich brauche jetzt deine Hilfe". Da sich die Kämpfe zu diesem Zeitpunkt etwas beruhigt hatten, lief ich über die Straße zur Notaufnahme. Sie war hoffnungslos überfüllt. 

Vier Patient:innen mussten dringend notoperiert werden - und das zur gleichen Zeit. Wir begannen mit der lebensrettenden Operation an zwei Patienten, während wir alles taten, um die anderen beiden am Leben zu erhalten. Am Ende starb ein Patient, aber drei überlebten, was immer noch ziemlich beeindruckend war - sie hatten alle sehr schwere Schusswunden und Bombenverletzungen.
 

Ein besonders komplizierter Fall

Einer unserer Patienten war ein kleiner Junge. Er wurde von seinem Vater in die Notaufnahme gebracht und hatte bereits einen Verband am Arm. Er weinte nicht und schaute nur still geradeaus. Der Junge wirkte, also würde es ihm soweit gut gehen. 

Der Vater erzählte mir, dass sein Sohn von einer verirrten Kugel getroffen wurde, während er draußen spielte.

Da die aus dem Verband herausragenden Finger gut durchblutet und warm aussahen, nahm ich mir die Zeit, dem Personal zu zeigen, wie man die Hand richtig auf Nervenschäden untersucht. Seltsamerweise schien der Junge an seiner ganzen Hand nichts zu spüren, was darauf schließen ließ, dass alle Nerven durchtrennt waren.

Blankes Entsetzen

Ich wickelte vorsichtig den Verband von seinem Arm ab. Ich erinnere mich an den Moment, als ich den Verband öffnete und man ein klaffendes Loch im Unterarm des Kindes sah. Der Arm war mehr Loch als übriges Gewebe. Der Vater erzählte mir, dass sein Sohn von einer verirrten Kugel getroffen wurde, während er draußen spielte. 

Ich erinnere mich an die Gesichter des Personals: blankes Entsetzen! Mit so einer Verletzung hätte niemand gerechnet. Wir versuchten die Hand zu stabilisieren, aber das war leichter gesagt als getan. Hand und Arm waren nur noch über eine Arterie verbunden, alle Nerven waren durchtrennt.
 

Eine Chance geben

Wir waren uns einig, dass eine Amputation wahrscheinlich die beste Lösung war. Der Vater war damit nicht einverstanden. Er wollte der Sache eine Chance geben. Wir taten unser Bestes, um die Wunde zu säubern und das Gewebe am Leben zu erhalten. Mithilfe eines Metallbügels sollte der Knochen ruhig gehalten werden, um so die Heilungschancen zu steigern. 

Bis heute ist die Hand des Jungen immer noch da. Richtig bewegen wird er die Hand nie wieder können, das steht fest. Aber immerhin, die Hand ist noch da, und das ist schon etwas, womit wir nicht gerechnet hatten.
 

Nachdem die Kämpfe sich beruhigten

Nachdem die Kämpfe weniger wurden, kamen noch mehr Patient:innen zu uns. Viele von ihnen hatten bereits eine Art Notfallbehandlung in den umliegenden Krankenhäusern erhalten. Oft fehlt dort allerdings die Ausstattung für die notwendige Behandlung. Viele landen in unserer Notaufnahme. 

Oft kommen wir in den OP und stellen fest, dass es nicht mehr viel gibt, was wir tun können, um diese Person zu retten. Aber wir versuchen es trotzdem. Wir versuchen, sie zu stabilisieren. Wir versuchen, die Dinge mit einer Operation in Ordnung zu bringen.
 

Umzug in das neue Krankenhaus

Seit 2018 wird in Kundus eine neue Trauma-Klinik von Ärzte ohne Grenzen gebaut. Vor zwei Wochen haben wir die Patient:innen aus unserer provisorischen Klinik in die neue Klinik überwiesen. Es ist ein großer Schritt, die Klinik zu eröffnen, auch wenn sie noch nicht ganz fertig ist.

Patient:innen mit frischen Schuss- und Explosionsverletzungen kommen kaum mehr. Jetzt sehen wir vor allem Komplikationen bei Kriegsverletzten, die eine Nachbehandlung benötigen, und auch Verkehrsunfälle. 
 

Kunduz Emergency Trauma Unit
Stig Walravens/MSF
Ein Patient mit kompliziertem Knochenbruch wird behandelt.

Das Rad am Laufen halten

In der neuen Klinik leisten wir unsere medizinische Arbeit, während die Bauarbeiten noch andauern. Aber die Geschwindigkeit, mit der das Bau-Team arbeitet, ist wirklich erstaunlich. Sie verstehen es wirklich, Probleme zu lösen. Wir haben gesehen, wie ein Krankenpfleger eine Patientin auf einer Trage schieben wollte und Probleme hatte, die Trage über den Schotter vor der Klinik zu fahren. Im Handumdrehen waren Leute da, die den Schutt mit Beton auffüllten. 

Und so sieht es im Moment aus - alle Teams helfen sich gegenseitig und versuchen gemeinsam, alles am Laufen zu halten.