Die Gynäkologin Sabrina Das erzählt von der Trauer und der Hoffnung der Mütter und der Mitarbeiter:innen auf einer Entbindungsstation in der Stadt Taiz im Jemen.

15.07.2021

Sabrina Das ist Gynäkologin und Geburtshelferin aus Großbritannien. Sie erzählt von Trauer und Hoffnung der Mütter und der Mitarbeiter:innen auf einer Entbindungsstation in der Stadt Taiz im Jemen, wo sie derzeit auf einer Entbindungsstation von Ärzte ohne Grenzen arbeitet.

Insha'allah ist ein Ausdruck, der hier in jedem zweiten Satz verwendet wird. Es bedeutet wörtlich "So Gott will" und wird dort verwendet, wo ich das Wort "hoffentlich" verwenden würde.   

Jemenitische Kolleg:innen erklärten mir, dass es in der islamischen Kultur üblich ist, endgültige Aussagen zu vermeiden, da nur Gott weiß, was tatsächlich in der Zukunft geschehen wird. Wenn ich also zum Beispiel die Ärzt:innen in unserem Krankenhaus frage: "Wer hat um 15 Uhr Zeit, zu einer Lehrveranstaltung zu kommen?", antworten diejenigen, die kommen wollen: "Insha'allah kann ich kommen".  

Für mein englischsprachiges Ohr klingt das wie "Vielleicht kann ich kommen, wenn die Umstände es erlauben.", aber das Team hat mir geholfen, zu verstehen, dass es eigentlich "Ich kann kommen" bedeutet. Die Ungewissheit ist in die arabische Sprache eingewoben.   

Ungewissheit

Ich habe über Ungewissheiten nachgedacht.  

In Großbritannien, wo ich normalerweise arbeite, fragen mich Frauen, wie sie sicherstellen können, dass "alles nach dem Geburtsplan verläuft". Selbst gewöhnliche geburtsbedingte Komplikationen - ein Notkaiserschnitt, eine assistierte vaginale Geburt oder Blutungen nach der Geburt - können dazu führen, dass Frauen sich verunsichert fühlen, weil nicht alles nach Plan gelaufen ist.

Im Jemen ist die Zahl derjenigen Frauen, die schwere Komplikationen bei der Geburt erleiden, aufgrund des fehlenden Zugangs zur Schwangerschaftsvorsorge jedoch viel höher.

Die Aufnahmekriterien für unsere Neugeborenenstation basieren auf der Pflege, die wir anbieten können. Die Station kann Ernährung über Sonden, Sauerstofftherapie, Antibiotika zur Behandlung von Infektionen und Phototherapie bei Gelbsucht leisten. Atemunterstützung, die sehr frühgeborene Babys benötigen, können wir hingegen leider nicht anbieten. Daher versterben diese kleinen Frühgeborenen leider meist kurz nach der Geburt.  

Mentale Gesundheit von Müttern

Totgeburten, Neugeborenen- oder Kindstod kommen hier häufig vor. Wenn wir auf der Geburtsstation Visite machen, bieten wir deshalb allen Frauen, die ihr Baby verloren haben, routinemäßig psychologische Unterstützung an. Dafür haben wir in unserem Krankenhaus in Taiz ein eigenes Team. Einige der Mütter nehmen diese Begleitung an, aber die meisten lehnen sie ab. Das könnte an dem Stigma liegen, das gegen die Annahme von psychosozialer Unterstützung herrscht: Das gibt es in vielen Kulturen, auch in meiner eigenen, in Großbritannien.  

Oder - wie mir eine Krankenschwester erklärte - es könnte daran liegen, dass in der jemenitischen Kultur viele Frauen und Familien den Tod eher akzeptieren. Sie sagte, dass der Tod für viele Menschen ein alltägliches Ereignis ist und als Teil des Lebens gesehen wird.  

Diese Woche musste ich die Schwangerschaft einer Frau mit schwerer Präeklampsie abbrechen. Ihr Blutdruck war sehr hoch und wir hatten Probleme, ihn zu kontrollieren. Sie war etwa in der 28. Woche schwanger, und obwohl ihr Blutdruck nach der Geburt sank, hat ihr Baby es – wie leider erwartet - nicht geschafft. Ich sagte ihr, dass mir ihr Verlust sehr leid täte. Sie lächelte mich an und sagte: "Es ist ok. Allah hat ihn gebraucht." Insha'allah wird ihr nächstes Baby überleben.   

Unerreichbar

In Wirklichkeit ist natürlich jede Familie anders. Eine Frau, die ich diese Woche traf, hatte sehr frühe Anzeichen einer Chorioamnionitis (eine Infektion in der Gebärmutter, die sich auf das Baby überträgt) entwickelt, nachdem ihre Fruchtblase ein paar Tage zuvor geplatzt war.  

Sie war ebenfalls in der 28. Schwangerschaftswoche. Ihr Baby wog bei der Ultraschalluntersuchung weniger als ein Kilogramm. Normalerweise würden wir die Wehen einleiten, sobald sich die Infektion festgesetzt hat, aber in ihrem Fall dachte ich, wir würden ihr noch einen Tag Zeit geben, um zu sehen, ob sich ihre Symptome beruhigen, da das Baby noch so klein war. Ein paar Stunden später hatte Allah seine Entscheidung getroffen und die Wehen setzten ein.  

10th anniversary for Al-Salam Hospital
Nuha Haider/MSF
Die Frühgeborenen erhalten in unseren Kliniken eine spezielle Neugeborenenversorgung.

Als das Baby geboren wurde, war es zwar klein, aber ansonsten gesund, und die Familie entschied sich, ihre finanziellen Mittel zusammenzulegen, um die sehr teure, private, neonatale Intensivpflege mit Atemunterstützung für ihr Baby zu bezahlen. Dies ist etwas, das für die meisten jemenitischen Familien unerschwinglich ist. Aufgrund des Zusammenbruchs des öffentlichen Gesundheitssystems im Land, werden viele Leistungen nur noch vom privaten Gesundheitssektor angeboten - und nur für diejenigen, die es sich leisten können. 

Die Mutter erzählte mir, dass sie das Gold, das sie zu ihrer Hochzeit bekommen hatte, verkaufen würde, um die private Neugeborenenversorgung zu bezahlen. Sie verstand, dass dies eine potentiell lange und teure Reise für ihr Baby und ihre Familie war.  

Insha'allah wird es das Opfer wert sein. Und Insha'llah wird ihre nächste Schwangerschaft besser verlaufen.

 

Stark und gesund

Diese Woche haben wir einen Kaiserschnitt bei einer anderen Schwangeren durchgeführt, die unter kritischem Blutverlust litt. Zusätzlich hatte sie eine sogenannte Plazenta accrete. Dabei wächst die Plazenta in die vorherige Kaiserschnittnarbe hinein. Eine Hysterektomie (Entfernung der Gebärmutter) war notwendig.  

Sie hat zwei Söhne, hatte aber zuvor schon vier Kinder verloren. Diesmal wurde ihr dritter Sohn lebend und gesund entbunden. Trotz allem, was sie durchgemacht hatte, war sie voller Dankbarkeit, dass wir ihr Baby sicher zur Welt bringen und ihr Leben retten konnten.  

Die Frauen hier haben keinen einfachen Zugang zu guten Gesundheitsinformationen. Diese Frau wollte ihren Sohn nicht stillen, weil sie meinte, dass ihre Babys, die gestorben waren, zuvor gestillt wurden. Sie hatte Angst, dass sie durch das Stillen sterben würden. Wir besprachen gemeinsam, dass ihre Babys mit geringerer Wahrscheinlichkeit sterben würden, wenn sie gestillt würden, und ermutigten sie, es zu versuchen. Wir halfen ihr, Anzeichen zu verstehen, wann sie ihr Baby ins Krankenhaus bringen muss.

Insha'allah wird er zu einem starken und gesunden Kind heranwachsen.    

Hoffnung auf bessere Zeiten

Jetzt während des Ramadans sind die Tage ruhig.  

Der Verkehr und die alltägliche Hektik sind tagsüber weniger, und jeden Abend ertönt über Lautsprecher die Gebetsmusik aus den Moscheen, die die Zeit des Iftar ankündigt, bei dem alle mit ihren Familienangehörigen das Fasten brechen.   

Im Krankenhaus sagen mir die Mitarbeiter:innen: "Wir sind hier eine Familie", und wenn auf den Stationen nicht viel los ist, sind sie alle im Personalraum und brechen gemeinsam ihr Fasten. Jeder bringt eine köstliche Speise mit, die auf den Boden des Personalraums gestellt wird (der sauberste Personalraum, den ich je gesehen habe). Alle sitzen dort im Schneidersitz und essen gemeinsam.   

Jemen ist ein Land, in dem der Glaube die Menschen zusammenhält, in schweren und in guten Zeiten. Manche Dinge liegen außerhalb unserer Kontrolle - Krieg, Armut, Leben, Tod. Insha'allah kommen bessere Zeiten.

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