EUROPA

COVID-19: Ärzte ohne Grenzen fordert mehr Hilfe für Alten- und Pflegeheime

„Als Gesellschaft werden wir uns fragen müssen, warum Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen bei dieser Pandemie Priorität hatten und kaum an die Schwächsten gedacht wurde“, sagt Ximena di Lollo, die für Ärzte ohne Grenzen die Teams in mehr als 200 Alters- und Pflegeheimen in Spanien und in 20 Heimen in Portugal koordiniert. „Das wird sich ändern müssen.“

Viele Faktoren machen die Heime so gefährlich in dieser Pandemie: die besondere Verletzlichkeit der Bewohnerinnen und Bewohner, unzulängliche Infektionsprävention und -kontrolle wie etwa die Isolation infizierter Bewohnerinnen, wenig bis gar keine epidemiologische Überwachung sowie die erhöhte Arbeitsbelastung des Personals, von dem viele ausfallen, weil sie selbst erkranken oder in Quarantäne müssen.

Welche Folgen das hat, berichtet Stephanie Goublomme, die die Einsätze von Ärzte ohne Grenzen in 48 belgischen Alten- und Pflegeheimen koordiniert: „Mein Team war vergangene Woche in einem Heim, in dem bereits 20 Bewohner an Covid-19 gestorben waren. Es waren für 51 Bewohner nur noch vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter da, im gesamten Gebäude – einschließlich Reinigungs- und Küchenpersonal. Diese Vier taten ihr Bestes, liefen von Bewohner zu Bewohner, versuchten irgendwie, den Überblick zu behalten, aber es war absolut chaotisch.“

Psychisches Leid der Heimbewohner enorm

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen haben ausnahmslos Personal in den Heimen kennengelernt, das sein Bestes gibt, dem jedoch die Ressourcen, die spezifische Ausbildung und die technische Unterstützung fehlt, die es braucht. All diese Faktoren haben zu einer unzureichenden Qualität der Versorgung geführt, was wiederum die steigende Zahl der Covid-19-Patientinnen und Patienten beeinflusst hat.

Auch das psychische Leid der Heimbewohnerinnen und Bewohner ist enorm, ebenso wie der Bedarf an besonderer Aufmerksamkeit für die Palliativpflege und an Möglichkeiten, menschliche Interaktion zwischen Familien und kranken Bewohnern in den letzten Lebenstagen zu ermöglichen.

„Zu viele Menschen sind allein und verängstigt gestorben", sagt Ximena di Lollo über die Situation in Spanien und Portugal. „Die Menschen sind von ihren Familien abgeschnitten und haben ihr Lebensende ohne Unterstützung und kaum menschlichen Kontakt erlebt. Das ist völlig inakzeptabel. Niemand sollte so sterben müssen.“

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