Schweiz

Zu wenig Hilfe für Kinder mit HIV: Ärzte ohne Grenzen kritisiert Pharma-Konzerne

Von allen Kindern mit HIV erhielten 2017 nur die Hälfte die benötigte medizinische Behandlung. In vielen ärmeren Ländern ist eine Therapie mit antiretroviralen Medikamenten nicht möglich, weil kindgerechte Versionen dieser Medikamente dort nicht verfügbar sind. Vertreter internationaler Gesundheitsorganisationen und von Pharmaunternehmen verpflichteten sich vor einem Jahr, Kinder und Jugendliche mit HIV künftig besser mit Medikamenten zu versorgen. Seitdem gab es jedoch kaum Fortschritte. Die internationale medizinische Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen fordert, dass inbesondere die Pharmaindustrie mehr und schneller in die Forschung und Entwicklung von kindgerechten Präparaten zur Behandlung von HIV investieren muss. HIV bei Kindern gilt nach wie vor als vernachlässigt.

„Für pharmazeutische Unternehmen sind Kinder mit HIV einfach keine Priorität. Folglich sind wir dazu gezwungen, unsere jüngsten Patienten und Patientinnen mit älteren, suboptimalen Therapien zu behandeln. Um das Ganze noch schlimmer zu machen, hat die steigende Resistenz gegen viele bereits existierende HIV-Medikamente in Subsahara- Afrika zur Folge, dass viele ältere Behandlungsformen bei Säuglingen und Kindern nicht mehr anschlagen. Es besteht daher ein dringender Bedarf nach verbesserten Behandlungsmöglichkeiten‘‘, berichtet der Arzt David Maman, medizinischer Koordinator von Ärzte ohne Grenzen in Malawi. Rund 90 Prozent aller Kinder mit HIV leben in Ländern Subsahara-Afrikas. Gerade dort kommt es häufig zu Resistenzen gegen gängige HIV-Medikamente. Maman: „Wie lange noch werden HIV-positive Kinder auf Grund von purer Gleichgültigkeit leiden und sterben müssen?‘‘

HIV-Infektionen bei Kindern sind eine vernachlässigte Gesundheitskrise

HIV-Infektionen bei Kindern sind und bleiben eine vernachlässigte Gesundheitskrise: Der Markt für pädiatrische HIV-Medikamente ist klein und für multinationale Pharmakonzerne und Produzenten von Generika daher keine Priorität. Die Entwicklung und Einführung neuer pädiatrischer Formulierungen wurde immer wieder aufgeschoben. Beispielsweise ist das HIV-Medikament Dolutegravir, das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als die bevorzugte Primärtherapie für Säuglinge und Kinder empfohlen wird, für Kinder immer noch nicht zugänglich, obwohl es für die Behandlung von Erwachsenen bereits im Jahr 2013 zugelassen wurde. Das liegt daran, dass das pharmazeutische Unternehmen ViiV Healthcare die für eine Zulassung notwendigen Studien immer noch nicht beendet hat. Außerdem hat das Unternehmen bisher verabsäumt, die Formulierung einer löslichen Tablette für jüngerer Kinder zu registrieren. Für das weitere wichtige Medikament Raltegravir existiert zwar bereits ein pädiatrisches Granulat, das pharmazeutische Unternehmen Merck hat das Medikament jedoch in Entwicklungsländern bisher nicht registrieren lassen.

Unzählige Probleme bei pädiatrischer Anwendung von Medikamenten

Als Alternative zu Dolutegravir empfiehlt die WHO eine Kombination aus Lopinavir und Ritonavir. Auch hier bereitet die pädiatrische Anwendung dieser Kombination unzählige Probleme: Einerseits hat es zu lange gedauert, bis die Generika-Produzenten Mylan und Cipla die Versorgung mit diesen Formulierungen, sowohl in Form von Kügelchen als auch Granulat, ausgebaut haben. Andererseits ist der Preis, den sie für ihre Produkte verlangen, dreimal so hoch wie der des für Erwachsene eingesetzten Sirups. Ihre Produkte sollen den streng schmeckenden Sirup jedoch eigentlich ersetzten.

„Wenn man bedenkt, dass HIV-positive Kinder für den Rest ihres Lebens in Behandlung sein werden, ist es unbedingt notwendig, dass sie Zugang zu den besten und stärksten Medikamenten bekommen, die uns zu Verfügung stehen‘‘, verlangt Jessica Burry, HIV-Pharmazeutin bei der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen. Laut Empfehlung der WHO sollten alle Kinder bei denen HIV diagnostiziert wurde, sofort mit einer antiretroviralen Therapie beginnen. Ohne kindgerechte Medikamente, werden viele Länder jedoch weiterhin große Schwierigkeiten haben diese Empfehlung zu realisieren. „Anstatt Widerstand zu leisten, müssen Pharma-Konzerne anfangen abgestimmt zu handeln. Nur so können mehr junge Leben gerettet werden. Die Zeit für leere Versprechungen ist endgültig vorbei.‘‘

Die Sterblichkeitsrate von HIV-positiven Kindern ist erschreckend hoch. Viele versterben bereits während ihrer ersten vier Lebensjahre. Allein im Jahr 2017 starben weltweit 110.000 Kinder an AIDS-bedingten Erkrankungen.

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