Sicherheit im Einsatz

Wir leistet medizinische Nothilfe für Menschen in Not. Um die Bevölkerungs-
gruppen zu erreichen, die unsere Hilfe am dringendsten benötigen, arbeiten wir oft in Konfliktregionen oder in Nachkriegssituationen. Abhängig von der jeweiligen Situation bringt jede Region unterschiedliche Risiken mit sich.

Als Teil eines Einsatzteams werden Sie sich oft in einem instabilen oder unsicheren Umfeld bewegen. Eine Tätigkeit in diesen Regionen birgt grundsätzlich ein gewisses Risiko – die Konfrontation mit Gefahr lässt sich nicht immer vermeiden.

Einige potentielle Risiken werden nachfolgend beschrieben:

Risikomanagement

Wir wissen, dass es unmöglich ist, alle Risiken zu vermeiden – doch wir tun alles, um Risiken so weit wie möglich zu reduzieren. Ein wichtiger Teil des Risikomanagements sind strikte Sicherheitsprotokolle.

Vor dem Start eines neuen Projekts und während seiner gesamten Laufzeit führen wir Risikoanalysen durch. Für jedes Hilfsprojekt gibt es spezifische und detaillierte Sicherheitsvorschriften und -pläne, die auch Strategien, Sicherheitsmaßnahmen sowie Verantwortungen definieren.

Diese Vorschriften ziehen verschiedene Sicherheitsrisiken in Betracht und erklären Abläufe und Maßnahmen, die – entsprechend der Sicherheitsbedrohung – zu befolgen sind.

Sicherheitsvorschriften

Alle Einsatzkräfte müssen sich streng an Sicherheitsprotokolle und -Vorschriften halten – denn das richtige Verhalten und die richtige Einstellung sind der beste Schutz. Für Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten ist eine freiwillige Entscheidung, die gut abgewogen und selbst getroffen sein sollte. Alle, die für Ärzte ohne Grenzen arbeiten, akzeptieren die Entscheidung der Organisation, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem Sicherheitsrisiken bestehen. Nicht-Beachtung der Sicherheitsvorschriften kann ein Kündigungsgrund sein.

Risiken

Um nachvollziehen zu können, welche Sicherheitsvorschriften zu erwarten sind, unterteilen wir unsere Projekte in verschiedene Risikostufen:

Geringes Risiko

Bei Einsätzen mit geringem Risiko gibt es keine sehr strengen Sicherheitsvorschriften. In diesen Fällen kann es beispielsweise sein, dass es keine Ausgangsperre gibt, man öffentliche Verkehrsmittel nützen und sogar den Urlaub im selben Land verbringen kann.

Mittleres Risiko

In vielen Einsatzgebieten von Ärzte ohne Grenzen besteht eine mittlere Risikostufe. Abhängig vom Kontext könnte es unter anderem folgende Vorschriften geben:

  • Ausgangssperre
  • Beschränkte Bewegungsfreiheit
  • Kulturell sensibles Verhalten
  • Verwendung des Ärzte ohne Grenzen Ausweises

Bei Einsätzen mit mittlerem Risiko ist es oft vorgeschrieben, genaue Angaben zu machen, wenn man sich von einem Ort zum nächsten begibt. Zudem kann es sein, dass man immer ein Funkgerät oder Mobiltelefon bei sich zu tragen muss, um die genaue Position durchzugeben.

In manchen Kontexten gibt es auch Einschränkungen in Bezug auf Beziehungen mit Angestellten  und der lokalen Bevölkerung. Auch Alkoholkonsum und die Wahl der Bekleidung können Beschränkungen unterliegen, da all das ein Sicherheitsrisiko für Einsatzkräfte und/oder das Projekt von Ärzte ohne Grenzen darstellen kann.

Alle, die in einem Hilfsprojekt von Ärzte ohne Grenzen arbeiten, repräsentieren die Organisation. Worte und Handlungen jedes Teammitglieds haben Auswirkungen auf die Sicherheit von einzelner Mitglieder und des ganzen Teams. Es gibt keinen „freien Tag“, an dem man diese Verantwortung nicht trägt.

Hohes Risiko

Bei Einsätzen mit sehr hohem Sicherheitsrisiko ist die Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Alle Teammitglieder müssen sehr spezifische Anweisungen und Abläufe befolgen.

In manchen Situationen kann es vorkommen, dass Aktivitäten kurzzeitig unterbrochen werden müssen und das Team evakuiert wird, um einen sicheren Ort aufzusuchen. In den meisten Fällen wird die Arbeit wieder aufgenommen, sobald sich die Situation entspannt hat.

In extremen Situationen kann es vorkommen, dass ein Ort aufgrund der Sicherheitslage nicht verlassen werden kann. In solchen Situationen kann es sicherer sein, an Ort und Stelle zu bleiben, statt zu evakuieren.

Verantwortungskette

Einsatzkräfte müssen Sicherheitsvorschriften und –prozesse während ihres Einsatzes stets befolgen. Für das Sicherheitsmanagement besteht eine klare Verantwortungskette. Der Projektkoordinator/die Projektkoordinatorin verantwortet die Sicherheit des Teams auf der Ebene des Projekts. Die Einsatzleitung ist dafür zuständig, die Sicherheit aller Projekte von Ärzte ohne Grenzen in einem spezifischen Land zu gewährleisten. Die Gesamtverantwortung liegt bei den Teams in den Einsatzzentralen der Organisation.

Ärztliches Personal und manchmal auch Pflegefachkräfte sind unter Umständen gemeinsam mit der medizinischen Koordination in der Hauptstadt für die Gesundheit anderer Einsatzkräfte zuständig. Alle Teammitglieder müssen die Anweisungen respektieren und befolgen.

Persönliche Verantwortung

Die umfangreichen Vorschriften und Prozesse von Ärzte ohne Grenzen im Bereich des Risikomanagements basieren auf einer gemeinsamen Verantwortung der Einsatzkraft und der Organisation. Zusätzlich zu dieser gemeinsamen Verantwortung muss jedes Teammitglied in seiner Rolle als Einsatzkraft dazu in der Lage sein, die potentiellen negativen Folgen von Worten oder Taten für sich selbst und andere abzuschätzen.

Wer sich mit der Sicherheitslage nicht wohlfühlt, kann sich jederzeit dazu entschließen, das Projekt zu verlassen – sobald der Projektkoordinator/die Projektkoordinatorin oder Einsatzleitung es als sicher erachtet. Ärzte ohne Grenzen wird sich bemühen, sicherzustellen, dass die betreffende Person in einem solchen Fall vor der Abreise über alle notwendigen Vorkehrungen Bescheid weiß. Doch die schlussendliche Entscheidung obliegt der Person.

Ärzte ohne Grenzen übergibt das Sicherheitsmanagement in keinem Fall an eine andere Organisation.

Spezielle Risiken

Während der Mitarbeit in einem Projekt von Ärzte ohne Grenzen können verschiedenste Risiken bestehen. Dazu zählen unter anderem:

Umweltgefahren

Umweltgefahren wie Katastrophen, Krankheitsausbrüche und ein hohes Maß an Stress können in allen Projekten von Ärzte ohne Grenzen auftreten. Es gibt viele Möglichkeiten, das Risiko einer Erkrankung an Malaria, Tuberkulose, HIV, Meningitis und Hepatitis zu reduzieren – beispielsweise durch die Einnahme von Malariaprophylaxe, durch eine Impfung oder durch den Gebrauch von Kondomen.

Verkehrsunfälle

Verkehrsunfälle sind die häufigste Ursache von Verletzungen und Todesfällen unter Einsatzkräften. Das Risiko wird durch fremde Fahrgewohnheiten und Verkehrsregeln in anderen Ländern erhöht. In Konfliktsituationen kann die Verkehrssituation besonders chaotisch und gefährlich sein. In den meisten Fällen sind in den Projekten von Ärzte ohne Grenzen einheimische Fahrer beschäftigt.

Kleinkriminalität

Kleinkriminalität kann überall passieren, vor allem auf überfüllten öffentlichen Plätzen. In einer ungewohnten Umgebung kann man rasch die Orientierung verlieren, Diebe nutzen eine solche Situation zu ihrem Vorteil aus. Ausländische Einsatzkräfte sind auch einem erhöhten Risiko von Betrug und Überfällen inklusive bewaffneten Raubüberfällen – auch auf Autos ausgesetzt.

Gewalt

Gewalt stellt oft ein Risiko dar. Frauen können unter bestimmten Umständen dem besonderen Risiko sexueller Übergriffe ausgesetzt sein und müssen daher besonders vorsichtig sein. In extremen Situationen können Ärzte ohne Grenzen und andere NGOs Plünderungen, Geiselnahmen oder Angriffen ausgesetzt sein. Hilfskräfte können unter Beschuss geraten oder dem Risiko einer schweren Verletzung oder der Todesgefahr durch noch nicht detonierte Sprengkörper, Landminen, Bombardements oder Luftangriffen ausgesetzt sein.

Auch wenn Ärzte ohne Grenzen äußerst sorgsam mit allen Sicherheitsaspekten umgeht, gibt es keine Garantieren zur völligen Vermeidung von Risiken. Im Grunde zählen vor allem das Verständnis der potentiellen Risiken, die weitestgehende Reduzierung dieser Risiken und die Sicherstellung dessen, dass alle, die den Risiken ausgesetzt sind, möglichst umfassend informiert sind.

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