Jordanien

Chirurgische Hilfe: Chance auf ein neues Leben

In unserer Spezialklinik in Amman, Jordanien, werden Aisha und Manal wegen schwerster Verbrennungen operiert. In unserem aktuellen Magazin Diagnose berichten wir über chirurgische Hilfseinsätze von Ärzte ohne Grenzen.

„Aisha geht es bereits viel besser. Ich liebe es, sie tanzen zu sehen.“ Der Vater der Achtjährigen aus der Stadt Ibb im Jemen wusste lange nicht, ob er seine Tochter jemals tanzen sehen würde. Das Mädchen war erst sechs Monate alt, als sie bei einem Feuer in ihrem Haus schwere Verbrennungen entlang der linken Gesichtshälfte und am Arm erlitt. Nach ersten Operationen im Jemen wurde sie in das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Amman, der Hauptstadt Jordaniens, überstellt. Das medizinische Team führt hier weitere Operationen durch, um die Vernarbungen und Muskelverkürzungen so zu reduzieren, dass Aisha ihren Körper wieder bewegen – und tanzen – kann.

Das Spital von Ärzte ohne Grenzen in Amman ist das einzige in der gesamten Region, in dem rekonstruktive Chirurgie angeboten wird. Der Nahe Osten ist seit vielen Jahren Schauplatz verschiedener Konflikte. Irak, Syrien oder Jemen: Das Gesundheitssystem in diesen Ländern ist vielerorts zusammengebrochen, es gibt wenig ausgebildetes Personal, und die Bevölkerung ist zum Teil so verarmt, dass die Opfer des Konflikts kaum medizinische Hilfe erhalten. Verletzungen durch Sprengkörper oder Granatsplitter, Schusswunden und schwere Verbrennungen brauchen jedoch spezialisierte orthopädische Operationen oder rekonstruktive Chirurgie. Um auf diesen Bedarf zu reagieren, hat Ärzte ohne Grenzen vor zehn Jahren das chirurgische Projekt in Amman eröffnet, das heute ein großes Krankenhaus mit drei Operationssälen und 148 Betten ist.

Auf der Kinderstation mit Aisha liegt auch Manal. Die heute Elfjährige trug bei einem Luftangriff auf ihre Heimatstadt Kirkuk im Nordirak 2015 schwere Verbrennungen im Gesicht, am Hals und am rechten Ellbogen und Handgelenk davon. Bevor sie ins das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Amman kam, konnte sie ihr rechtes Auge nicht mehr ganz schließen und schlief kaum. Im Spital wurde sie operiert und lernt nun mit einer Physiotherapeutin ihr Auge so zu massieren, dass sie es selbst schließen kann. Dadurch kann sie auch wieder besser schlafen, und ihr Leben hat an Qualität gewonnen.

Kein Luxus: Chirurgie rettet Leben

„Wenn wir bei Ärzte ohne Grenzen von einer Verbesserung der Lebensqualität durch Chirurgie sprechen, dann geht es nicht um Luxus. Es geht darum, dass Menschen wieder ihren Mund oder ihre Arme und Beine bewegen können, die so stark vernarbt sind, dass sie weder essen noch gehen oder greifen können“, betont Inga Osmers, Leiterin der medizinischen Einheit von Ärzte ohne Grenzen in Berlin. „Chirurgie wird manchmal als Luxus angesehen, tatsächlich ist sie oft lebensnotwendig. Weltweit haben fünf Milliarden Menschen – das ist mehr als die halbe Weltbevölkerung – keinen Zugang zu sicherer, zeitnaher und bezahlbarer chirurgischer Versorgung. Das kann z. B. für eine Frau während einer komplizierten Geburt bedeuten, dass ihr Kind oder sie und das Kind sterben müssen.“

In vielen Einsätzen von Ärzte ohne Grenzen spielt chirurgische Hilfe daher eine große Rolle. Allein 2016 haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen weltweit rund 92.600 chirurgische Eingriffe durchgeführt. Die Bandbreite reicht von Kaiserschnitten in der Hauptstadt Haitis über Behandlungen nach Knochenbrüchen im Norden des Irak bis hin zur rekonstruktiven Chirurgie in Amman. Während diese Einrichtungen langjährig aufgebaute Spezialkliniken von Ärzte ohne Grenzen sind, arbeiten die chirurgischen Teams im Katastrophenfall auch mit minimaler Grundausrüstung. Denn: „Lebensrettende Chirurgie kann man ganz einfach und kostengünstig in fast jedem Kontext anbieten“, betont Osmers.

Den gesamten Artikel sowie weitere Beiträge zum Thema chirurgische Hilfe in Krisengebieten finden Sie hier:

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