Südsudan

Einsatz im Südsudan: Jeder Tag ein Marathonlauf

45 Grad auf der Kinderstation, kaum qualifiziertes Pflegepersonal – der Kinderarzt Klaus Volmer arbeitete in einem Vertriebenenlager im Norden des Bürgerkriegslandes Südsudan. Im Interview berichtet er, wie medizinische Hilfe unter diesen Bedingungen überhaupt möglich ist.

Sie waren in einem Vertriebenenlager in der Stadt Bentiu im Einsatz. Wie kann ich mir das Projekt vorstellen?

In dem Vertriebenenlager leben 120.000 Menschen in notdürftigen Unterkünften. Die Bedingungen sind katastrophal: Staub, Hitze, in der Regenzeit Schlamm und jede Menge Moskitos. Das Areal wurde bereits höher gesetzt, weil es ursprünglich ein Sumpfgebiet war und zur Regenzeit die Zelte der Menschen buchstäblich im Wasser standen. Ärzte ohne Grenzen betreibt im Camp ein Krankenhaus mit insgesamt 160 Betten. Die Stationen sind in mehreren Zelten untergebracht. Dies ist die einzige stationäre Gesundheitsversorgung im Lager. Außerdem gibt es fünf kleine Gesundheitsposten von anderen Organisatio­nen, die Basisgesundheitsversorgung leisten.

Was genau war Ihre Aufgabe?

Ich habe das therapeutische Ernährungszentrum in drei Zelten geleitet. Wir haben dort 60 Betten für schwer mangelernährte Kinder, die ständig voll belegt waren. Die meisten Kinder litten zusätzlich an Begleiterkrankungen wie Malaria und Atemwegsinfekten. Das häufige Auftreten dieser Krankheiten ist eine klare Folge der Lebensbedingungen. Es wer­den zwar Nahrungsmittel verteilt, doch die Rationen reichen nicht aus. Für mich war ein Schwerpunkt meiner Arbeit, die südsudanesischen Kolleginnen und Kollegen weiterzubilden – vor allem in Lehrvisiten. So konnten wir die Behandlung noch weiter verbessern.

Was war Teil dieser Weiterbildungen?

Ein konkretes Beispiel: Wir hatten immer wieder mangelernährte Kinder, bei denen trotz intensivmedizinischer Behandlung und Therapie mit hochkalorischer Fertignahrung leider keine Gewichtszunahme erfolgte. In einem Kontext wie dem Südsudan muss man dann zwingend an Tuberkulose (TB) denken. Idealerweise mache ich für die Diagnose ein Röntgenbild und die Gastric-­Lavage-­Methode. Doch unser Labor hat keine modernen Diagnostikgeräte, sodass wir Wochen auf ein Ergebnis warten. Dann bin ich in dem Dilemma, dass ich ein akut mangelernährtes Kind habe, das dringend zunehmen muss. Jeder Tag ist wichtig. Gleichzeitig habe ich keine entsprechende TB­-Diagnose vorliegen. Deshalb habe ich den Kollegen gezeigt, wie sie das von der WHO anerkannte Keith-­Edward-­Scoring-­System anwenden. Per Fragebogen gehen wir u. a. durch, seit wann die Symptome auftreten, wie der Ernährungszustand ist und ob es in der Familie TB gab. Für die Antworten gibt es Punkte, und ab einer gewissen Zahl gehen wir von TB aus. Gleichzeitig muss ich eine klinische Untersuchung machen und z. B. ertasten, ob verdächtig geschwollene Lymphknoten vorliegen. Wir haben in Bentiu sehr gute Erfahrungen mit dieser Methode gemacht. Und die meisten Kinder nahmen unter der TB­-Therapie endlich zu.

Sie haben davon gesprochen, dass es keine modernen Diagnostikgeräte gab. Warum nicht?

Uns fehlen einfach die Fachleute, die solch ein Gerät bedienen und warten könnten. Im Südsudan gibt es nach Jahrzehnten des Konfliktes kaum qualifiziertes Personal. Und in einem Konfliktgebiet muss Ärzte ohne Grenzen schauen, wie viele Experten aus dem Ausland in einem Team sein können. Wenn die Sicherheitslage es erforderlich macht, müssen wir schnellstmöglich per Hubschrauber oder Flugzeug das Projekt verlassen können. Ein weiterer Grund, der gegen die technischen Geräte spricht, ist, dass Hitze und Staub ihnen schaden können.

Waren Hitze und Staub auch in anderen Bereichen ein Problem?

Dadurch, dass wir im Südsudan Außentemperaturen von 50 Grad Celsius haben, war die Hitze auf den Stationen extrem. Am Ende eines Arbeitstages habe ich mich wie nach einem Marathonlauf gefühlt. Mit Ventilatoren und Sonnenschutz über den Zeltdächern konnten wir um die 45 Grad auf der Station erreichen. Für Kleinkinder mit hohem Fieber ist das aber eine Situation, die ihre Körper zusätzlich schwächt. Wir mussten oft den Flüssigkeitsverlust über einen Tropf ausgleichen. Gleichzeitig war mir bewusst, dass unter den hygienischen Bedingungen im Lager und bei dem wenigen qualifizierten Pflegepersonal eine intravenöse Therapie so kurz wie möglich sein sollte.

Wie geht Ärzte ohne Grenzen mit dem Fachkräftemangel um?

Auf der Ernährungsstation in Bentiu arbeiten wir zum Beispiel auch mit angelernten südsudanesischen Helferinnen und Helfern aus dem Lager. Deshalb ist es wichtig, sich mit ihnen erst einmal auf die grundlegenden Dinge zu konzentrieren – also: Hygiene, Medikamente richtig dosieren, das Erkennen, wenn sich der Zustand eines Kindes verschlechtert und der Arzt dazu geholt werden muss. Die Kollegen sind unglaublich einsatzbereit. Das ist übrigens für mich das Wichtigste an der Arbeit mit Ärzte ohne Grenzen: dass jeder Mediziner immer ein Stück seines Wissens bei dem Personal vor Ort lässt.

In Bentiu gab es viele solcher vermeintlich simpler Dinge wie Hygiene oder Patientendokumentation, an denen wir als Team gearbeitet haben. So konnten wir die Kindersterblichkeit auf der pädiatrischen Station deutlich senken. In gewisser Weise macht es einen stolz, wenn man das erreicht. Und auf der anderen Seite ist es traurig, dass wir nicht noch mehr Kinder retten konnten.

Gewiss keine einfache Situation...

Nein, aber wie viel schwieriger ist sie für die Menschen, die dauerhaft dort leben. Seit Jahren leben die Menschen im Bürgerkrieg. Seit Jahrzehnten eigentlich, denn bereits vorher gab es ja den Konflikt mit dem Sudan im Norden. Trotz dieser Not ist die Krise im Südsudan den Menschen in Europa so gut wie unbekannt. Daran zu erinnern, was dort passiert, sehe ich als unsere Aufgabe. Wenn man in dem Land gearbeitet hat, dann bleiben einem die Menschen ganz nah. Ich bin jetzt wieder zu Hause, aber die Patienten und Kollegen sind weiterhin vor Ort. Meine Gedanken wandern immer wieder dorthin.

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