Italien

Italien und die EU dürfen Bootsflüchtlinge nicht im Stich lassen

Rom/Wien, am 2. Oktober 2014 – Ein Jahr nach dem tragischen Schiffsunglück vor der Insel Lampedusa, bei dem rund 360 Menschen starben, fordert Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) die Europäische Union auf, weiterhin proaktive Suchaktionen im Mittelmeer durchzuführen um das Leben von Bootsflüchtlingen zu retten. Die Hilfsorganisation weist zugleich darauf hin, dass ihre Teams in Sizilien immer mehr besonders verletzliche Patienten wie schwangere Frauen und Kinder versorgen müssen.

Die Zahl der Menschen, die vor dem Krieg in Syrien, dem Chaos in Libyen und anderen Krisen nach Europa flüchten, steigt weiter an. Doch während die Konflikte weltweit zunehmen, schließt die EU weiterhin ihre Grenzen für Flüchtlinge und zwingt diese, über den gefährlichen Seeweg nach Europa zu reisen, um internationalen Schutz zu beantragen. Ärzte ohne Grenzen ist in den beiden sizilianischen Hafenstädten Augusta und Pozzallo tätig, in denen die meisten Boote ankommen. Die Teams bieten medizinische Versorgung und psychologische Betreuung für tausende Menschen, die vor dem Krieg in Syrien, Verfolgung in Eritrea und großer Armut in afrikanischen Ländern südlich der Sahara fliehen.

Derzeit komme n aus Italien und der EU Besorgnis erregende Signale. Demnach könnte die italienische Rettungsaktion „Mare Nostrum“ beendet werden. Die angekündigte EU-Operation „Frontex Plus“ soll dem Vernehmen nach weniger umfassend sein – und könnte beispielsweise nur Patrouillen in italienischen Hoheitsgewässern vorsehen. 

 

Lebensgefährliche Route von Nordafrika nach Europa

 

„So lange verzweifelte Menschen gezwungen werden, diese lebensgefährliche Route zu nehmen, müssen Italien und die EU auf das humanitäre Desaster reagieren, das sich vor ihrer Haustür abspielt“, fordert Stefano Di Carlo, der Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in Italien. „Tausende Leben wären in Gefahr, sollten die Patrouillen nicht auch in internationalen Hoheitsgewässern durchgeführt werden, in denen viele der Schiffsunglücke geschehen.“

Die Route von Nordafrika über das Mittelmeer nach Italien ist die gefährlichste aller Routen nach Europa. Die Menschen laufen nicht nur Gefahr, auf hoher See umzukommen, sondern sind unterwegs auch häufig extremer Gewalt ausgesetzt. Das Chaos in Libyen hat zusätzlich dazu beigetragen, dass tausende Menschen nach Europa fliehen; rund 90 Prozent aller Flüchtlingsboote starten in dem nordafrikanischen Land. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen auf Sizilien stellen indes fest, dass immer mehr ihrer Patienten besonders verletzlichen Bevölkerungsgruppen angehören. Opfer von Gewalt und Folter, behinderte Menschen, schwangere Frauen und Kinder fliehen, um ihr Leben zu retten. Sie flüchten meist vor Konflikten, Verfolgung und Armut. 

 

Viele Frauen und Kinder unter den Ankömmlingen

 

„In all den Jahren, in denen wir Migranten und Flüchtlinge in Italien medizinisch versorgt haben, haben wir nie so viele Frauen und Kinder gesehen wie jetzt“, sagt Di Carlo. „Sie fliehen vor der einen Gefahr direkt in die nächste hinein und können nur hoffen, dass die klapprigen Boote sie in Sicherheit bringen werden. Viele der Ankömmlinge haben Schiffbrüche miterlebt, haben mit ansehen müssen, wie Menschen ertrunken sind oder haben selbst Angehörige verloren.“

Zwischen Jänner und August haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen in Pozzallo fast 19.000 Menschen medizinisch betreut, die bei insgesamt 64 Bootslandungen angekommen sind. Die meisten Menschen sind in relativ guter physischer Verfassung, weil sie frühzeitig durch den „Mare Nostrum“-Einsatz gerettet werden. Die meisten medizinischen Beschwerden, die behandelt werden müssen, hängen mit der langen Reise vor der Einschiffung zusammen: Etwa Verletzungen, Atemwegserkrankungen sowie Hautkrankheiten aufgrund mangelnder Hygiene in libyschen Lagern. Im August hat Ärzte ohne Grenzen in der Hafenstadt Augusta eine Klinik eröffnet, in der im ersten Monat 583 Patienten ambulant behandelt wurden. Davon berichteten 71 Personen, Opfer von Gewalt geworden zu sein. 

 

Rettungsaktionen nach wie vor notwendig

 

„Die tödlichen Schiffbrüche der vergangenen Wochen zeigen deutlich, wie notwendig Rettungsaktionen im Mittelmeer nach wie vor sind. Zugleich ist klar, dass Menschen ihr Leben riskieren, weil es keine sichere und legale Wege gibt, Europa zu erreichen“, sagt Di Carlo. „Es ist beschämend, dass solche Rettungsaktionen überhaupt notwendig sind. Menschen sollten ihr Leben nicht ein zweites Mal riskieren müssen, nachdem sie schon vor den Gefahren in ihren Heimatländern geflohen sind.“

Ärzte ohne Grenzen ist seit 2002 für Flüchtlinge und Migranten in Italien tätig, vor allem auf der Insel Lampedusa (bis 2013). Derzeit unterstützt Ärzte ohne Grenzen die italienischen Gesundheitsbehörden in den sizilianischen Provinzen Ragusa und Siracusa, wo die Teams Flüchtlinge, Migranten und Asylbewerber medizinisch versorgen.

Mehr erfahren: Fotostrecke von Ikram N'gadi auf issuu.com

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