Jahresbericht 2011: Der sichere Zugang zu Menschen in Not bleibt die größte Herausforderung für Ärzte ohne Grenzen

Ärzte ohne Grenzen erhielt 2011 in Österreich mehr Spenden als je zuvor und unterstützte damit Hilfsprogramme in 23 Ländern. Mit scharfer Kritik an den Strukturen der staatlichen humanitären Hilfe zieht die Organisation ihre Akkreditierung bei der Austrian Development Agency (ADA) zurück.

Wien, 10. Mai 2012.  Die österreichische Sektion von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) präsentiert heute ihren Jahresbericht 2011 . Zu den prägenden Ereignissen des Jahres zählten neben den Umwälzungen in der arabischen Welt und der verschärften Krise in Somalia auch der Bürgerkrieg in Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) und die Cholera-Epidemie in Haiti. Insgesamt leisteten die Teams von Ärzte ohne Grenzen in über 60 Ländern medizinische Hilfe für von Konflikten, Epidemien und Ernährungskrisen betroffene Menschen, Hilfsprogramme in 23 Ländern wurden durch Spenden aus Österreich mitfinanziert.

Sicherer Zugang zu den Menschen wichtig

Das 40. Gründungsjahr der unabhängigen medizinischen Hilfsorganisation wurde durch tragische Ereignisse überschattet: Im Südsudan kam ein nationaler Mitarbeiter bei Kämpfen ums Leben; kurz vor Jahresende wurden zwei internationale Mitarbeiter in der somalischen Hauptstadt Mogadischu ermordet. Zwei Kolleginnen, die in den Flüchtlingslagern im kenianischen Dadaab Hilfe für Menschen aus Somalia geleistet hatten, sind seit Oktober in den Händen von Entführern.

„Der sichere Zugang zu den Menschen in Krisengebieten bleibt unsere größte Herausforderung“, sagt Dr. Reinhard Dörflinger, Präsident von Ärzte ohne Grenzen Österreich. „Diesen können wir nur durch unsere völlige Unparteilichkeit und den Dialog mit allen Gruppierungen vor Ort erreichen.“ Laut Dörflinger ist es wichtig, mit der Öffentlichkeit einen ehrlichen Dialog über die schwierigen Rahmenbedingungen und die zunehmenden Einschränkungen der Hilfe zu führen. „Unsere Logistik macht es uns möglich, binnen 48 Stunden an fast jedem Ort der Welt ein medizinisches Hilfsprogramm zu eröffnen“, berichtet Dörflinger. „Viel schwieriger ist es heute oft, die Konfliktparteien oder die Behörden von der Notwendigkeit unserer humanitären Arbeit zu überzeugen.“ Die Krisen in Somalia, im Südsudan und in Syrien sind aktuelle Beispiele dafür. 

Finanzierung

Finanziert werden die Einsätze von Ärzte ohne Grenzen international zu über 90 Prozent aus privaten Spenden – die Erträge lagen 2010 weltweit bei 813 Millionen Euro (die internationale Bilanz für 2011 wird ab Sommer verfügbar sein). Das nationale Budget von Ärzte ohne Grenzen Österreich stammt zu 100 Prozent aus privaten Spenden, öffentliche Zuwendungen gab es auch 2011 nicht.

Rückzug aus ADA

Scharfe Kritik übt Ärzte ohne Grenzen in diesem Zusammenhang an den Vergabemechanismen der Austrian Development Agency (ADA). „Das staatliche österreichische Engagement in der humanitären Hilfe ist in der derzeitigen Form völlig unglaubwürdig“, sagt Mario Thaler, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Österreich. Da keine Aussicht auf Verbesserung der Strukturen und der Arbeitsweise gibt, hat sich die Organisation entschlossen, ihre Akkreditierung als Partnerin der ADA mit sofortiger Wirkung zurückzuziehen.

Als Kritikpunkte führt Thaler die chronische Unterfinanzierung der internationalen humanitären Hilfe und des Auslandskatastrophenfonds, sowie Intransparenz bei der Vergabe von Mitteln an akkreditierte Organisationen an. Zudem seien zu viele Ministerien an Entscheidungen über die Mittelvergabe beteiligt. „Die Reaktionszeiten der ADA nach einer Katastrophe sind viel zu lang, hier fehlt es an der in solchen Situationen notwendigen Flexibilität“, zieht Thaler Bilanz.

116 Einsatzmitarbeiterinnen und -mitarbeiter entsandt

Erfreulich war hingegen die Spendenbereitschaft von Privatpersonen: Das Spendenaufkommen in Österreich war 2011 mit einem Gesamtertrag von 19,7 Millionen Euro höher als je zuvor. Rund 14,9 Millionen Euro flossen in direkte Projektfinanzierung und in die Vorbereitung und Unterstützung der Hilfsprogramme. 3,2 Prozent der Gesamtausgaben flossen in die Bewusstseinsarbeit in Österreich und in den Einsatzländern, 4,3 Prozent in die Administration und 13,8 Prozent in die Spendenbeschaffung. Dabei standen jedem ausgegebenen Euro Einnahmen zwischen 6 und 7 Euro gegenüber.

Im Jahr 2011 wurden vom Wiener Büro von Ärzte ohne Grenzen 116 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus Österreich und Zentraleuropa auf insgesamt 165 Hilfseinsätze in 36 Ländern entsandt. Ärzte ohne Grenzen rekrutiert sowohl medizinisches als auch nicht-medizinisches Personal.

Mitte Mai startet die neue Kampagne von Ärzte ohne Grenzen Österreich, um die Aufmerksamkeit auf vergessene Krisen wie Epidemien, Mangelernährung oder Cholera zu lenken. Wie schon in den vergangenen Jahren wurde die Kampagne pro bono vom Agenturprojekt „Schulterwurf“ konzipiert und umgesetzt und von der Panmedia Mediaagentur mitbetreut. Produziert wurde der TV-Spot – ebenfalls pro bono – von Sebastian Brauneis. Im neuen Hörfunk-Spot kommt neben der Stimme von Burgschauspieler Peter Simonischek diesmal auch jene von Frank Hofmann zum Einsatz.

Pressemitteilung zum Download

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