Jemen: Ärzte ohne Grenzen versorgt 100 Verwundete nach Beschuss von Wohnvierteln in Aden

15.06.2015
Die Lage im südlichen Teil der Stadt verschlechtert sich: Teams von Ärzte ohne Grenzen können sich dort nicht bewegen, um Verletzten zu helfen – viele Patienten erreichen die Krankenhäuser nicht.
Yemen: Emergency surgical Unit in Aden
Benoit Finck/MSF
Aden, Jemen, 16.05.2015: Ein Mann in der notfallchirurgischen Station des Spitals in Aden.

Aden, 11. Juni – Infolge schweren Beschusses auf das Al-Basateen-Wohnviertel in Aden wurden gestern von Ärzte ohne Grenzen mehr als 100 Verwundete versorgt. Seit dem 19. März wurden mehr als 2.500 Verwundete in Einrichtungen der Organisation im Jemen eingeliefert – davon allein mehr als 1.800 in Aden. Die Lage im südlichen Teil der Stadt verschlechtert sich: Teams von Ärzte ohne Grenzen können sich dort nicht bewegen, um Verletzten zu helfen – viele Patienten erreichen die Krankenhäuser nicht. Auch in anderen Landesteilen gibt es infolge von Luftangriffen auf dicht besiedelte Gebiete Opfer unter der Zivilbevölkerung. Zivile Strukturen wurden zerstört.

"In den vergangenen 36 Stunden wurden mehr als 130 Verwundete eingeliefert, die meisten von ihnen kommen aus Al-Basateen, wo auch eine Beerdigung beschossen wurde", sagte Thierry Goffeau, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen. "Die Krankenhäuser in Aden sind voll, einige legen Matratzen vor ihren Eingang, um Patienten aufzunehmen. Die täglichen Kämpfe und Luftangriffe sind immer noch schwer, und wir sorgen uns um Patienten, die keinen Zugang zur Hilfe bekommen. Gleichzeitig wollen die Patienten in den Krankenhäusern diese aus Angst nicht mehr verlassen.“

Chirurgische Nothilfe und mobile ambulante Kliniken

Ärzte ohne Grenzen betreibt eine Chirurgie-Nothilfe-Station im Al-Sadaqa Krankenhaus im Stadtteil Sheikh Othman in Aden. Die Organisation unterstützt zudem das Crater Gesundheitszentrum. Außerdem führen die Teams mobile ambulante chirurgische Kliniken für Patienten und Patientinnen durch, die nicht in das Krankenhaus kommen können – diese Hilfe ist allerdings durch die eingeschränkte Bewegungsmöglichkeit sehr schwierig.

"Unsere Teams wurden vielfach blockiert, sich innerhalb der Stadt zu bewegen und medizinische Güter am Hafen entgegenzunehmen“, sagt Goffeau.  "Wir müssen freien Zugang gewährt bekommen, um diejenigen medizinisch zu versorgen, die dies benötigen.“

Zivilbevölkerung leidet unter anhaltenden Kämpfen

Die Zivilbevölkerung in Aden leidet nicht nur aufgrund der Kämpfe, sondern auch, weil sie von Frontlinien umgeben und vom Umland abgeschnitten ist. "Es fehlt an Nahrung, Gas zum Kochen, Treibstoff und Medikamenten", sagt Hassan Boucenine, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen im Jemen. "Das Gesundheitssystem ist kollabiert, und Patienten mit chronischen Erkrankungen können ihre Medikamente nicht bekommen. Auf den Straßen liegen Leichen. Die Stadt ist voller Müll. Es ist äußerst wichtig, die Blockade von Lebensmitteln und Medikamenten aufzulösen und den ungehinderten Zugang über den Luft-, See- und Landweg zu ermöglichen, damit die Bevölkerung erhält, was sie zum Überleben braucht“, so Boucenine.

Heute Morgen landete eine Granate in unmittelbarer Nähe des Krankenhauses von Ärzte ohne Grenzen in Aden, und gestern schlug eine Granate nur 30 Meter von Teams unserer Organisation entfernt ein, als diese sich in der Stadt aufhielten. Das Krankenhaus wurde bereits des Öfteren von Kugeln und Granatsplittern getroffen, die im Innenhof des Gebäudes landeten. Auch in Taiz schlugen gestern Abend drei Granaten in der Nähe eines Krankenhauses ein, das von Ärzte ohne Grenzen unterstützt wird.

Neutralität medizinischer Einrichtungen muss respektiert werden

Zivile Opfer und Beschädigungen ziviler Strukturen infolge von Luftangriffe auf dicht besiedelte Gebiete wurden auch in Sana'a, Hodeidah, Taiz, Saada, Amran, Ad-Dhale und andernorts registriert. In Taiz wurden gestern in einem Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen 57 Verwundete behandelt, darunter ein sechsjähriger Junge, der beim Spielen vor seinem Haus am Kopf getroffen wurde. Gleichzeitig trafen innerhalb der vergangenen Woche drei Wellen von Verletzen (137 Verwundete) bei unserem Team in Saada ein - 17 Menschen waren bei Ankunft bereits gestorben. Unter ihnen waren auch Zivilisten.

"Es ist völlig inakzeptabel, dass alle Konfliktparteien Gebiete bombardieren, in denen es offenkundig viele Zivilisten gibt", sagt Boucenine. "Wir rufen alle Parteien dazu auf, die Sicherheit der Zivilbevölkerung und die Neutralität medizinischer Einrichtungen und deren Personal zu respektieren. Die Bevölkerung muss ungehinderten Zugang zur medizinischen Versorgung erhalten. Wir erwarten, dass dies ein wichtiger Aspekt bei den bevorstehenden Friedensgesprächen sein wird."

Im Jemen arbeitet Ärzte ohne Grenzen in den Bezirken Aden, Sana'a, Al-Dhale 'Amran, Saada, Taiz und Hajja. Ärzte ohne Grenzen ist eine unabhängige Organisation, die die Arbeit über Spenden von Privatpersonen aus der ganzen Welt finanziert.

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