Jonglei - Epizentrum der Gewalt im Südsudan

Juba/Wien, 27. November 2012. Ein heute von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) veröffentlichter Bericht weist auf die verheerenden Folgen von Gewalt auf das Leben und die Gesundheit der Zivilbevölkerung im südsudanesischen Bundesstaat Jonglei hin. Frauen und nur vier Monate alte Kinder sind unter den Opfern. Die Gesundheitsversorgung der Menschen ist in Gefahr, da medizinische Einrichtungen Zielscheibe von Angriffen sind und zerstört werden.

Der Bundesstaat Jonglei weist eine lange Geschichte an Kämpfen und Überfällen auf Vieh zwischen einzelnen Gruppen auf.  Seit 2009 sind Tausende Zivilisten, Frauen und Kinder gewaltsamen Angriffen ausgesetzt, die normalerweise in der Trockenzeit passieren. Eine Entwaffnungskampagne Mitte 2012 führte zu weit verbreiteter Unsicherheit und zu Misshandlungen der Zivilbevölkerung. Weitere Kämpfe zwischen einer Milizengruppe und dem südsudanesischen Militär in Jonglei schürten Gewalt und verursachten am Höhepunkt der Malariasaison weitere Vertreibungen.

Akute Notsituation

„Die Patienten kommen in die Kliniken von Ärzte ohne Grenzen, um ihre Verletzungen behandeln zu lassen. Sie beschreiben, wie sie gezwungen wurden, verheerende Entscheidungen darüber zu treffen, welche Kinder sie auf die Flucht mitnehmen sollen und welche sie zurücklassen müssen“ erklärt Chris Lockyear, Programmverantwortlicher für den Südsudan in Amsterdam. „Wir sehen hier eine Notsituation. Das Leben und die Gesundheit der Menschen in Jonglei hängen an einem seidenen Faden. Die Trockenzeit ist nun da, das heißt, man kann sich in der Gegend wieder fortbewegen. Wir fürchten daher eine weitere Welle von Gewalt, Verletzungen und Vertreibungen.“

Der Bericht über die vergessene Krise im Südsudan „South Sudan’s hidden crisis: how violence against civilians is devastating communities and preventing access to life saving healthcare in Jonglei“ enthält erschütternde Berichte von Zivilisten, die Übergriffe auf Dörfer erlebt haben.

Frauen und Kinder als Opfer

Eine Frau zum Beispiel, die von Ärzte ohne Grenzen behandelt wurde, berichtet von einem Überfall im März dieses Jahres: „Sie warfen Kinder ins Feuer. Wenn die Kinder laufen konnten, erschossen sie sie mit dem Gewehr. Wenn sie klein waren und noch nicht laufen konnten, wurden sie mit einem Messer getötet.“ Über 50 Prozent der Schusswunden, die von Ärzte ohne Grenzen nach einem Angriff im Jänner 2012 behandelt wurden, waren Frauen und Kinder.

Die indirekten Folgen der Gewalt sind weniger sichtbar, aber ebenso schwerwiegend. Ganze Dorfgemeinschaften sind bis tief in den Busch geflüchtet, um ihr Leben zu retten. Da sie weder Unterkünfte, Nahrung noch sauberes Wasser haben, sind sie leichte Opfer für Malaria, Lungenentzündung, Mangelernährung und Durchfallerkrankungen.

Gesundheitsstrukturen als Ziel

Auch  Gesundheitsstrukturen sind im Bundesstaat Jonglei Attacken ausgesetzt. Einrichtungen von Ärzte ohne Grenzen wurden mehrmals zerstört oder geplündert: In Pieri im August 2011, in Pibor und Lekwongole im Dezember 2011, in Lekwongole im August 2012 und in Gumuruk im September 2012. Dadurch wurde einer bereits empfindlichen Bevölkerung die Gesundheitsversorgung verwehrt. Mit sechs medizinischen Einrichtungen für eine Bevölkerung von 287.000 Menschen ist Ärzte ohne Grenzen der einzige Anbieter von unentgeltlicher, qualitativ hochwertiger Gesundheitsversorgung im Zentrum und im Norden von Jonglei. Von Jänner 2011 bis Oktober 2012 haben die Teams der Organisation hunderte Verletzte versorgt und mehr als 227. 851 Behandlungen durchgeführt.

„Wir machen heute die medizinischen Folgen öffentlich, die unsere Teams vor Ort sehen“, sagt Lockyear. „In Jonglei herrscht eine Notsituation. Ärzte ohne Grenzen wird weiter neutrale und unparteiliche Gesundheitsversorgung in Jonglei leisten. Wir befürchten aber, dass der Bedarf an medizinischer Hilfe bei den Menschen, die unsere Kliniken aufgrund der Bombardierungen der Umgebung nicht erreichen, noch viel größer ist. Ärzte ohne Grenzen ruft alle bewaffneten Gruppen auf, medizinische humanitäre Einrichtungen und deren Personal zu respektieren.“

Bericht zum Download

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