Marokko: Gewalt gegen Migranten nimmt stark zu

13.03.2013
Neuer Bericht zeigt auf, wie die Migrationspolitik mit Menschenrechten kollidiert
Marokko 2012
MSF
Abdou, Marokko, 17.11.2012: In Marokko steigt die Gewalt gegen MigrantInnen aus Sub-Sahara an.

Rabat/Wien,13. März 2013. In einem neuen Bericht prangert Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) die prekären Lebensbedingungen und die weit verbreitete kriminelle und institutionelle Gewalt gegen nichtdokumentierte Migranten an, die auf ihrem Weg nach Europa in Marokko festsitzen. Laut dem Bericht verschlimmert sich die Lage für die vorwiegend aus Sub-Sahara-Afrika stammenden Menschen zusätzlich, weil Marokko sich aufgrund stärkerer Grenzkontrollen zunehmend von einem Transitland in ein Land entwickelt, in dem die Migranten feststecken. Die Umsetzung einer Migrationspolitik, die Menschenrechte missachtet, hat gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit dieser Bevölkerungsgruppe. Davon betroffen sind auch besonders verletzliche Menschen, wie etwa Betroffene sexueller Gewalt und Opfer von Menschenhandel, die keine adäquate Behandlung und keinen Schutz von den Behörden bekommen.

„Die neuerlichen Kooperationsbemühungen zwischen Marokko und Spanien, die angeblich auf den Kampf gegen grenzüberschreitende Verbrechen, illegale Migration und Drogenhandel abzielen, haben schwerwiegende Auswirkungen auf den physischen und mentalen Gesundheitszustand der Migranten aus Sub-Sahara-Afrika“ erklärt David Cantero, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in Marokko. „Die Migrationspolitik räumt der inneren Sicherheit einen höheren Stellenwert als den Menschenrechten ein.“Der Bericht „Trapped at the Gates of Europe“ prangert die Gewalt an, der Migranten täglich ausgesetzt sind. Seit Dezember 2011 haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen eine Zunahme von Polizeirazzien beobachtet, im Zuge derer Besitzstücke von Migranten zerstört wurden, sowie eine Zunahme an Abschiebungen nach Algerien von festgenommenen Migranten, unter denen sich auch Schwangere, Verletzte und Minderjährige befanden. Diese wahllosen Razzien und Abschiebungen sind Teil einer neuen Gewalt, die von den marokkanischen und spanischen Sicherheitskräften eingesetzt wird, um Migranten davon abzubringen, über den Zaun ins benachbarte spanische Gebiet von Melilla zu klettern. Allein im Jahr 2012 haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen in der Region Oriental, der Nachbarregion von Melilla, in der sich auch Nador befindet, über 1.100 Menschen behandelt.

 

Sexuelle Gewalt besonders schwerwiegend

 

„Insbesondere seit April letzten Jahres haben wir Patienten mit gebrochenen Armen, Beinen, Händen und Kiefern sowie abgebrochenen Zähnen und Gehirnerschütterungen gesehen. Diese Verletzungen stimmen mit den Zeugenaussagen von Migranten überein, die von Sicherheitskräften angegriffen wurden“ erklärt Cantero.Eines der dringendsten und schwerwiegendsten Probleme, das in dem Bericht beleuchtet wird, ist sexuelle Gewalt, die meistens Frauen und Mädchen betrifft. Eine genaue Angabe von diesbezüglichen Opferzahlen ist unmöglich, die medizinischen Daten von Ärzte ohne Grenzen deuten aber auf eine alarmierende Lage hin. Zwischen 2010 und 2012 haben die Teams fast 700 Überlebende behandelt. Diese Frauen und Mädchen benötigen eine spezielle Behandlung und erhalten keine adäquate Hilfe von den Behörden.

 

Prekäre Lebensbedingungen

 

Neben der zunehmenden Gewalt im vergangenen Jahr zeigt der Bericht auch die schwierigen Lebensumstände der Migranten aus Sub-Sahara-Afrika auf: Viele von ihnen müssen unter prekären Bedingungen im Freien leben und betteln, um zu überleben. Fast die Hälfte der 10.500 Behandlungen, die von den Teams zwischen 2010 und 2012 durchgeführt wurden, waren Krankheiten, die mit den schlechten Lebensumständen zusammenhingen.  Die mentale Gesundheit der Migranten ist ebenfalls beeinträchtigt, die Patienten weisen u.a. Zeichen von Angststörungen, Depressionen und psychosomatischen Beschwerden auf.Der Bericht „Trapped at the Gates of Europe” erwähnt auch die Verbesserungen, die im Zugang zu Gesundheitseinrichtungen für Migranten in Marokko erzielt wurden. Diese führten zu einer graduellen Abnahme direkter medizinischer Leistungen von Ärzte ohne Grenzen in den letzten Jahren. Fragezeichen in Zusammenhang mit einer neuen Gesundheitsversicherung, der Mangel an psychologischen Betreuungsstellen und an umfassenden Behandlungsmöglichkeiten für Überlebende sexueller Gewalt (sowohl für Migranten als auch für Marokkaner) sowie die Tatsache, dass viele Migranten aus Angst, abgeschoben zu werden, nicht freiwillig in Gesundheitszentren gehen, sind Hindernisse, die die marokkanische Regierung noch beheben muss.

 

Achtung der Menschenrechte

 

Der bisherige Fortschritt wird wieder teilweise zunichte gemacht, wenn die Politik Migranten aus Sub-Sahara-Afrika weiterhin an den Rand drängt und kriminalisiert und die innere Sicherheit über die Achtung von Menschenrechten stellt. Der Schutz von Migranten und die Verteidigung ihrer grundlegenden Rechte liegen nicht im Aufgabenbereich von Ärzte ohne Grenzen als medizinische Hilfsorganisation. Dies ist einer der Gründe, warum Ärzte ohne Grenzen beschlossen hat, seine Hilfsprogramme in Marokko dieses Jahr zu übergeben.Ärzte ohne Grenzen ruft die marokkanischen und die spanischen Behörden dringend dazu auf, den Missbrauch ihrer Sicherheitskräfte zu stoppen, nationale und internationale Menschenrechts-Abkommen zu erfüllen und zu garantieren, dass Migranten aus Sub-Sahara-Afrika unabhängig von ihrem Status menschenwürdig behandelt werden.Ärzte ohne Grenzen ist seit 1997 in Marokko tätig. Seit 2003 hat die Organisation ihren Schwerpunkt auf den Zugang von Migranten zu Gesundheitsversorgung verlagert. Ärzte ohne Grenzen hat seine Aktivitäten in Rabat 2012 übergeben und befindet sich derzeit in Oujda und Nador im Übergabe-Prozess.