Nigeria

Massenmorde, Plünderungen und Entführungen in Zamfara

"Wir haben beschlossen, unser Dorf zu verlassen, nachdem an einem Tag 56 Menschen von Banditen getötet wurden", sagt Fatima Y. Fatima sitzt auf einem gelben Stuhl im Schatten und trägt einen orangefarbenen Schleier. Man sieht die Angst in ihren Augen. "Ungefähr 30 Menschen aus unserem Dorf wurden bereits getötet und unsere Sachen wurden ständig geplündert."

Fatima lebt jetzt in einem Lager in Anka im nordwestnigerianischen Bundesstaat Zamfara, nachdem ihr Heimatdorf Jar'kuka zu gefährlich geworden war, um dort zu leben.

Abbas, der ebenfalls in dem als "New Emir's Palace" bekannten Lager in Anka wohnt, verließ sein Dorf Tangaram mit seiner Frau und seinen drei Kindern, nachdem sein Vater entführt worden war.
"Vor zwei Jahren wurde mein Vater, der der traditionelle Anführer unseres Dorfes war, von Banditen entführt und in den Busch gebracht", sagt er. „Die Banditen forderten ein Lösegeld, das bezahlt wurde. Seitdem haben wir nicht mehr versucht zurückzukehren. Zwei Personen gingen zurück, um die Situation dort zu überprüfen, aber einer wurde getötet und der andere entführt, glücklicherweise konnte er später entkommen. “

Laut der International Crisis Group sind Fatima und Abbas nur zwei von rund 200.000 Menschen, die seit 2011 im Nordwesten von Nigeria vertrieben wurden. Darunter sind rund 100.000 Menschen, die nach einem Anstieg der Gewalt im Jahr 2018 in den Städten Anka, Shinkafi und Zurmi im Bundesstaat Zamfara Sicherheit suchten.

Auf der Flucht vor extremer Gewalt 

Für die Menschen in Zamfara und den Nachbarstaaten im Nordwesten Nigerias ist die instabile Lage ein großes Problem. Sie stört alltägliche Aktivitäten und Arbeiten, wie den Anbau von Nahrungsmitteln. Menschen haben keinen Zugang zu wichtigen Dienstleistungen, wie der Gesundheitsversorgung. Was als lokale Streitigkeiten zwischen Hirten und Bauern über den Zugang zu Land begann, hat sich allmählich in einen großen Konflikt verwandelt.

Die meisten Menschen flohen aus ihren Häusern als Reaktion auf extreme Gewalt, einschließlich Entführungen und Massenmorde, wie sie von Fatima und Abbas berichtet wurden. Die Mehrheit erhält kaum organisierte Unterstützung. In Anka und an anderen Orten, an denen Vertriebene leben, brauchen die Menschen dringend das Nötigste wie Unterkunft, sauberes Trinkwasser und genug zu essen.

Viele wissen nicht, wie sie ihre Familien weiterhin ernähren können, wenn sie kein Einkommen haben und nirgendwo ihr eigenes Essen anbauen können. "Unser größtes Problem hier ist das Essen", sagt Abbas. "Sie wissen, als Dorfbewohner ist unsere Hauptbeschäftigung die Landwirtschaft, aber jetzt können wir nichts bewirtschaften und unsere Familien nicht ernähren."

Ernährungszentren als Antwort auf Mangelernährung 

Teams von Ärzte ohne Grenzen arbeiten seit 2010 in Anka, wo sie ein Krankenhaus mit 135 Betten für Kinder betreiben. Derzeit versorgen sie die Vertriebenen in der Stadt mit medizinischer Versorgung, sauberem Trinkwasser, Plastikfolien für den Bau von Notunterkünften und dem Nötigsten wie Kochutensilien und Decken.

In unserem Krankenhaus in Anka gibt es aufgrund der Nahrungsmittelknappheit viele unterernährter Kinder. Gleiches gilt für Shinkafi und Zurmi, wo wir seit 2019 arbeiten. In Shinkafi führen wir eine Reihe von Aktivitäten im Allgemeinkrankenhaus der Stadt durch, darunter ein therapeutisches Ernährungszentrum mit 33 Betten. In Zurmis Krankenhaus betreiben wir ein Ernährungszentrum mit 30 Betten. In der Landeshauptstadt Gusau war die Situation bis April ähnlich.

Zwischen Januar und Oktober 2020 behandelten Ärzte ohne Grenzen in Anka, Shinkafi, Zurmi und Gusau insgesamt 20.260 Kinder wegen Unterernährung.

Anstieg von schwerer Malaria

Malaria, die durch Unterernährung verschlimmert werden kann, ist ebenfalls ein großes Problem in der Gegend. Ärzte ohne Grenzen haben einen starken Anstieg von Kindern mit schweren Formen der Krankheit beobachtet.

"Als die Hochsaison für Malaria begann, übertrafen die Fälle, die wir sahen, alle Erwartungen", sagt Dr. Salih Muhammad Auwal im Shinkafi-Krankenhaus. "Wir haben jeden Tag 25 bis 30 Kinder mit schwerer Malaria aufgenommen."

Ärzte ohne Grenzen reagierte, indem sie die Anzahl der Betten von 19 auf 54 erhöhte, zusätzliche Stationen in Zelten aufbaute und zusätzliches Personal anstellte. Von Januar bis Oktober 2020 behandelten wir 35.358 Patienten mit Malaria im gesamten Bundesstaat Zamfara.

Nicht genug Krankenbetten

Wegen der vielen dringenden medizinischen Bedürfnisse, sind die wenigen vorhandenen Gesundheitseinrichtungen überfüllt. "Die Zahl der Betten ist wirklich eine Herausforderung", sagt Grace Bwete, leitende Hebamme von Ärzte ohne Grenzen im Shinkafi-Krankenhaus. „Wir haben 53 Betten in der Kinderstation, 33 im Ernährungszentrum und sechs in der Notaufnahme. Die meisten Patientinnen und Patienten, die zu uns kommen, sind in einem schlechten Zustand und wir können sie nicht zurückschicken. Deshalb nehmen wir sie auch auf, wenn wir voll sind. “

In medizinischen Einrichtungen im gesamten Bundesstaat Zamfara wird dringend qualifiziertes Gesundheitspersonal benötigt, um die medizinischen Bedürfnisse, der vom Konflikt betroffenen Menschen decken zu können.
„Wir versuchen, noch mehr qualifiziertes Personal zu finden und einzustellen, damit wir all diese Patientinnen und Patienten behandeln können“, sagt Bwete.

Hilfe dringend gebraucht

Als einzige internationale Hilfsorganisation, die dauerhaft im Bundesstaat Zamfara tätig ist, fordert Ärzte ohne Grenzen lokale und internationale Organisationen auf, Hilfe zu leisten.

Die Vertriebenen, mit denen die Teams von Ärzte ohne Grenzen gesprochen haben, fordern auch Behörden und humanitäre Organisationen auf, verstärkt Hilfe zu leisten. Bisher sind diese Aufrufe jedoch weitgehend ungehört und unbeantwortet geblieben.

"Wir bitten die Regierung, uns zu helfen, nicht zu verhungern, und sicherzustellen, dass der Frieden in unseren Gemeinden wiederhergestellt wird", sagt Fatima. "Wir wollen zurückgehen und unsere Häuser wieder aufbauen und ein neues Leben beginnen."

Ärzte ohne Grenzen arbeitet in sieben Bundesstaaten in ganz Nigeria: Borno, Jigawa, Zamfara, Sokoto, Benue, Ebonyi und Rivers. Wir arbeiten seit 1996 in Nigeria.

Jetzt unsere Hilfseinsätze unterstützen

Teilen

Vervielfältigen