Myanmar: Zugang zu den meisten von Gewalt betroffenen Gemeinden verwehrt

05.11.2012
Eine Aufstockung der medizinischen Versorgung ist dringend nötig

Wien/Yangon, 5. November 2012 – Während die medizinischen Teams der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) alles daran setzen, die von der Gewalt im Bundesstaat Rakhine betroffenen Gemeinden zu erreichen, sehen sie sich mit Feindseligkeiten konfrontiert, die auf die tiefen ethnischen Spaltungen zurück gehen. Zusätzlich sind tausende Patienten von der Basis-Gesundheitsversorgung abgeschnitten, weil Ärzte ohne Grenzen viele Aktivitäten seit Juni aussetzen hat müssen.

In den vergangenen Tagen haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen, zusammen mit der Regierung und anderen internationalen humanitären Organisationen, eine Bedarfserhebung durchgeführt. Dabei ging es um eine Einschätzung des medizinischen Bedarfs von Tausenden von der Gewalt vertriebenen Menschen in der Nähe der Stadt Sittwe und in den umliegenden Gemeinden. Die Einsatzkräfte haben den Menschen Nahrung und Wasser gegeben und eine medizinische Notfallversorgung bereitgestellt. Da viele Menschen ihr ganzes Hab und Gut verloren haben und bereits geschwächt sind, sind sie sehr verletzlich. Ihr Gesundheitszustand kann sich rasch verschlechtern. Die herrschenden Feindseligkeiten, die sich teilweise auch gegen die Hilfseinsätze von Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen richten, machen es zunehmend schwieriger, das Gesundheitsministerium dabei zu unterstützen, bereits überfüllte Spitäler zu betreiben und weitere Vertriebene zu erreichen.

„Es ist schockierend, dass unser Hilfseinsatz verhindert wird und wir bedroht werden, weil wir medizinische Hilfe für Menschen in Not leisten wollen. Dadurch sind Zehntausende von der medizinischen Versorgung abgeschnitten, die sich dringend bräuchten", sagt Joe Belliveau, der Programmverantwortliche von Ärzte ohne Grenzen.

Drohungen und Einschüchterungen von Patienten

Auch die Langzeit-Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen sind betroffen. Vergangene Woche musste in der Stadt Sittwe die geplante Eröffnung eines neuen Basis-Gesundheitszentrums, in dem auch HIV/AIDS-Behandlung angeboten wird, aufgrund von Protesten verschoben werden. Auch wird die Zahl von unbehandelten Malaria-Erkrankungen in der bevorstehenden Hoch-Saison der Krankheit rasch zunehmen, wenn die stillgelegten Malaria-Behandlungszentren von Ärzte ohne Grenzen in den ländlichen Gemeinden Kyauk Taw, Minbya und Paletwa ihre Arbeit nicht schnellstmöglich wieder aufnehmen können.

Ärzte ohne Grenzen betreibt im Bundesstaat Rakhine seit fast 20 Jahren eines der umfassendsten Gesundheitsprogramme der Organisation. Seit 2005 behandelte Ärzte ohne Grenzen mehr als fünf Millionen Malaria-Patienten, sorgt für die Grundversorgung, für Tuberkulose- und HIV/AIDS-Programme und kümmert sich um die Gesundheit von Müttern. Die Patienten stammen aus allen ethnischen und religiösen Gruppen in Rakhine. Seit dem Ausbruch der Gewalt im Juni setzt Ärzte ohne Grenzen jedoch nur noch einen Bruchteil der eigentlichen Kapazitäten ein, da der Zugang zu Betroffenen aufgrund von Drohungen und Einschüchterungen stark eingeschränkt ist. Zehntausende Langzeit-Patienten sind bereits seit Monaten ohne ihre medizinischen Behandlungen.

„Ärzte ohne Grenzen könnte viel mehr tun für die Vertriebenen, die Menschen in den bereits bestehenden Übergangslagern und für die Langzeit-Patienten, die von ihren Behandlungen abgeschnitten sind. Doch die Feindseligkeit einiger Gruppen hindern uns daran", sagt Belliveau weiter.

Eine Aufstockung der medizinischen Versorgung für alle Betroffenen im Bundesstaat Rakhine ist dringend notwendig. Ärzte ohne Grenzen ruft deshalb zu einem freien Zugang zur betroffenen Bevölkerung und zur Toleranz für die Bereitstellung von medizinischer Versorgung auf.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1994 im Bundesstaat Rakhine in Myanmar tätig. Die medizinischen Aktivitäten konzentrieren sich hauptsächlich auf die Grundversorgung, mit einem Schwerpunkt auf der Behandlung von Malaria, HIV/Aids und Tuberkulose. 2011 behandelte Ärzte ohne Grenzen 487.000 Menschen, darunter rund 75.000 Malariapatienten. 24.000 Behandlungen betrafen die Gesundheit von Müttern. Auch versorgte Ärzte ohne Grenzen mehr als 600 AIDS-Patienten mit lebensrettenden antiretroviralen Medikamenten. Ärzte ohne Grenzen beschäftigt in Rakhine etwa 300 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, deren Arbeitsplätze aufgrund der eingestellten Aktivitäten ebenfalls gefährdet sind.