Das unsichtbare Leid in der Ost-Ukraine

06.07.2016
Primary health care in mobile clinics - Mariupol
Sarah Pierre/MSF
Sofia, 81 years old, and nurse Natalia Koriagyna. Sofia is receiving medicines to treat her diabetes and hypertension. “MSF is one of the only humanitarian organizations that provide regular medical and mental health care in these villages. People here live in harsh conditions and feel abandoned. Our assistance is crucial as many of the patients we see that are suffering from a non-communicable disease has the potential to go through a serious physical complication if they do not receive their medication”, says nurse Natalia.

Seit mehr als zwei Jahren hält nun bereits der Konflikt in der Ost-Ukraine an: Bisher wurden mehr als 9.000 Menschen getötet und 21.500 verletzt. Im Gebiet rund um die Frontlinie sind immer noch Tausende völlig auf sich allein gestellt. Ärzte ohne Grenzen ist eine der wenigen Organisationen, die dringend benötigte Hilfe leisten – vor allem für ältere Menschen. Lesen Sie hier, wie:

Die Ukraine ist längst von den Titelseiten verschwunden – der Konflikt im Osten des Landes steht nicht mehr im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit. Und das, obwohl immer noch bei häufigen Verstößen gegen die 2015 vereinbarte Waffenruhe Menschen sterben, Spitäler zerstört sind, und tausende Kranke keinen Zugang zu einer Gesundheitsversorgung haben.

Eine große Belastung ist der verschleppte Konflikt vor allem für jene, die auf dem Höhepunkt der Kämpfe nicht fliehen konnten. Sie mussten nahe der sogenannten Kontaktlinie zwischen den ukrainischen Regierungstruppen und den prorussischen Rebellen zurückbleiben, wo Gefechte nach wie vor an der Tagesordnung sind. Besonders ältere Menschen sind betroffen und haben vor Ort oft keine oder wenig Unterstützung. Viele von ihnen leiden an akuten psychischen Krankheiten und chronisch Erkrankte haben nur stark eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung.

Medizinische Hilfe in leeren Schulen oder Privatwohnungen

Ärzte ohne Grenzen ist momentan eine der wenigen internationalen Organisationen, die vor Ort tätig sind. Wir versorgen die Menschen in den konfliktnahen Gebieten mit dringend benötigter medizinischer und psychologischer Hilfe. Unsere Teams in Bachmut und Mariupol betreiben mobile Kliniken und versorgen verschiedene Einrichtungen mit Medikamenten und Material. Sie arbeiten in verlassenen und leerstehenden Schulgebäuden oder Gemeinde- und Gesundheitseinrichtungen. Selbst Häuser und Wohnungen stellten Privatpersonen den medizinischen Teams zur Verfügung.

Sarah Pierre/MSF
Galina ist 77 Jahre alt und wird von unserer Krankenschwester Natalia Koriagyna in einem ehemaligen Kindergarten in Pavlopil versorgt. Das Dorf liegt rund fünf Kilometer von der Frontlinie entfernt und damit in der „grauen Zone“. Die Frau leidet unter Bluthochdruck und Diabetes und erhält von Ärzte ohne Grenzen entsprechende Medikamente.

Viele Krankenhäuser wurden teilweise oder vollständig zerstört, und noch heute müssen Kliniken und Einrichtungen ohne Medikamente auskommen. Selbst dort, wo der Betrieb allmählich wieder anläuft, bleibt das ehemalige Personal oft weiterhin fern – vor allem in Dörfern, die gefährlich nahe am Konfliktgeschehen liegen. Dementsprechend groß sind die Lücken in der Gesundheitsversorgung auf beiden Seiten der Frontlinie, die Ärzte ohne Grenzen zu füllen versucht.

Chronisch Kranke können sich Behandlung nicht leisten

Eine der größten Herausforderungen ist die Versorgung älterer Menschen – denn sie haben kaum Zugang zur Behandlung chronischer Probleme wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Sarah Pierre/MSF
Valentina auf dem Weg zu unserer mobilen Klinik in Granitne. Sie erklimmt vorsichtig die Stufen des Gebäudes: “Ich muss aufpassen, wo ich hin trete. Wenn ich hinfalle und mich verletzte hätte ich niemanden, der sich um mich kümmert.” Die 79-Jährige lebt alleine, seit ihre Tochter nach dem Ausbruch des Konflikts das Dorf verlassen hatte. Sie erlebt nicht zum ersten Mal Krieg und Gewalt direkt mit, und trägt heute noch Granatsplitter aus dem Zweiten Weltkrieg in ihrem linken Bein.

Laut Schätzungen finden sich unter den 1,75 Millionen vom Konflikt vertriebenen Menschen über eine Million Senioren. Da die monatliche Durchschnittsrente nur 42 Euro beträgt und die Medikamente für chronische Krankheiten mit 14 Euro pro Monat bereits ein Drittel dieser Rente ausmachen, können sich viele Senioren eine Behandlung nicht leisten. Doch damit steigt das Risiko von Folgeerkrankungen, erklärt unsere medizinische Koordinatorin Dr. Gabriela Das: „Bei chronisch Kranken ist es unbedingt nötig, dass die Behandlung nicht unterbrochen wird. Zur Verhinderung von Komplikationen bekommt deshalb jeder Risikopatient, den wir nicht regelmäßig persönlich betreuen können, bis zur nächsten Behandlung eine ausreichende ‚Medikamentenreserve‘.“

Sarah Pierre/MSF
Valentina (79) mit Dr. Alexander Gontarev in der Klinik von Ärzte ohne Grenzen. Sie leidet unter Bluthochdruck und hört nur mehr sehr schlecht, seit der Hof ihres Nachbarn von Bomben getroffen wurde. „Ich war Zuhause in der Küche und wollte gerade den Wasserkocher einschalten, als ich ein seltsames Geräusch hörte. Zuerst war ich verwirrt, doch dann wurde mir klar, dass gerade neben meinem Haus etwas explodiert war“, erinnert sich die alte Frau. Sie erhält von uns Medikamente, um ihre die Entzündung ihres rechten Trommelfells zu behandeln und ihren Blutdruck zu stabilisieren.

Hartnäckige psychische Narben

In den zwei Jahren hat der Konflikt unzählige Familien und Gemeinden zerstört, viele Menschen sind dementsprechend seelisch traumatisiert. Besonders häufig betroffen sind ältere Menschen. Nachdem sie Abschied von Kindern und Enkelkindern nehmen mussten, die der Konflikt in die größeren Städte getrieben hat, haben viele Senioren mit Einsamkeit und fehlendem emotionalem Rückhalt zu kämpfen. Da sie dem Konflikt unmittelbar ausgesetzt sind, leiden sie häufig unter Ängsten und Depressionen.

Deshalb bietet Ärzte ohne Grenzen seit Juli 2014 auch psychologische Unterstützung an: 18.000 Einzel- und Gruppensitzungen haben unsere Teams seitdem durchgeführt, viele davon für ältere Menschen.

„Die Senioren, die zu uns kommen, haben oft mit Ängsten und dem Gefühl zu kämpfen, dass der Konflikt sie um den Verstand bringt“, sagt Viktoria Brus, unsere Psychologin in Kurakhove. „Sie werden vergesslich, sind still und sagen kein Wort. Wir betonen in unserer Arbeit ihre wichtige Rolle in der Familie, vermitteln unkomplizierte Bewältigungsstrategien und zeigen einfache Maßnahmen auf, mit denen sie ihr Befinden verbessern können – zum Beispiel, indem sie in ihrem Dorf das Gespräch mit anderen Menschen suchen.“

Sarah Pierre/MSF
Unsere Krankenschwester Natalia Koriagyna während einer Nachbehandlung mit einem Patienten in der mobilen Klinik in Pavlopil. Unsere Teams versorgen 24 Orte im südlichen Teil der Region Donetsk. Rund 60% aller Patienten und Patientinnen sind über 50 Jahre alt. Der Großteil von ihnen leidet unter kardiovaskulären Krankheiten und Diabetes. „Diese chronischen Krankheiten müssen regelmäßig medizinisch betreut werden. Zusätzlich zur medizinischen Versorgung klären wir die Menschen auch darüber auf, wie sie sich besser ernähren können und wie sie ihre Medikamente einnehmen müssen. Unsere psychologischen Teams unterstützen sie auch mit Methoden, um mit den Stress und der Angst umzugehen. Mit diesem umfassenden Ansatz können wir den Zustand unserer Patienten positiv beeinflussen“, erklärt die Krankenschwester.

Mehr als die Hälfte der Menschen, die bei uns therapeutische Hilfe suchen, leidet unter Ängsten. „Die Menschen sind direkt dem Konflikt ausgesetzt, Hoffnungslosigkeit macht sich breit und es herrscht Unsicherheit über die Zukunft. Dieser psychische Stress kann wiederum körperliche Leiden verschlimmern, wie wir z.B. oft bei Patienten mit Bluthochdruck beobachten. Obwohl sie dagegen behandelt werden, leiden die Patienten aufgrund der psychischen Belastung dennoch oft unter Atembeschwerden, Herzrasen und Schlafstörungen. Daher ist es äußerst wichtig, dass neben der psychologischen Betreuung auch angemessene medizinische Hilfe angeboten wird.“

Gebiete von Hilfe abgeschnitten

Bis Oktober 2015 war Ärzte ohne Grenzen auf beiden Seiten der Frontlinie tätig. Unsere Teams halfen sowohl in von der Regierung kontrollierten als auch in Gebieten, die außerhalb ihrer Kontrolle stehen. Im Oktober 2015 wurde Ärzte ohne Grenzen jedoch die Tätigkeit in den selbsternannten Volksrepubliken Lugansk und Donezk (LNR und DNR) untersagt. Derzeit dürfen die Teams nur in jenen Gebieten Hilfe leisten, die sich unter der Kontrolle der ukrainischen Regierung befinden. „Als unsere Teams aus Lugansk und Donezk ausreisen mussten, haben wir Tausende hilfsbedürftiger Patienten zurückgelassen“, sagt Mark Walsh, unser Landeskoordinator in der Ukraine. „Besonders sorgen wir uns um die Patienten, die an Diabetes, chronischem Nierenleiden, Herzerkrankungen und Tuberkulose leiden. Um den Menschen auf beiden Seiten des Konfliktes helfen zu können, planen wir nach wie vor, unsere Tätigkeit in Donezk und Lugansk sobald wie möglich wieder aufzunehmen.“

Sarah Pierre/MSF
Galina (77) mit ihrer Enkeltochter und Krankenschwester Natalia Koriagyna in der mobilen Klinik von Ärzte ohne Grenzen.

Ärzte ohne Grenzen spendete im Jahr 2015 Medikamente und Material an 350 medizinische Einrichtungen auf beiden Seiten der Frontlinie. Unsere Teams stellten auch die medizinische Versorgung von mehr als 9.900 Patienten mit konfliktbedingten Verletzungen sowie von über 61.000 chronisch Kranken sicher. Auch wurden 5.100 Geburten begleitet. Ärzte ohne Grenzen leistete in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium 159.900 allgemeinmedizinische Sprechstunden und 12.000 psychologische Beratungen. Darüber hinaus betreiben wir Erste-Hilfe- und Wasser-Stationen an den Kontrollpunkten Nowotrojizke, Zaitseve und Mayors – so helfen wir den Menschen, die dort in langen Schlangen in der Sommerhitze warten müssen.