Ukraine

Das unsichtbare Leid in der Ost-Ukraine

Seit mehr als zwei Jahren hält nun bereits der Konflikt in der Ost-Ukraine an: Bisher wurden mehr als 9.000 Menschen getötet und 21.500 verletzt. Im Gebiet rund um die Frontlinie sind immer noch Tausende völlig auf sich allein gestellt. Ärzte ohne Grenzen ist eine der wenigen Organisationen, die dringend benötigte Hilfe leisten – vor allem für ältere Menschen. Lesen Sie hier, wie:

Die Ukraine ist längst von den Titelseiten verschwunden – der Konflikt im Osten des Landes steht nicht mehr im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit. Und das, obwohl immer noch bei häufigen Verstößen gegen die 2015 vereinbarte Waffenruhe Menschen sterben, Spitäler zerstört sind, und tausende Kranke keinen Zugang zu einer Gesundheitsversorgung haben.

Eine große Belastung ist der verschleppte Konflikt vor allem für jene, die auf dem Höhepunkt der Kämpfe nicht fliehen konnten. Sie mussten nahe der sogenannten Kontaktlinie zwischen den ukrainischen Regierungstruppen und den prorussischen Rebellen zurückbleiben, wo Gefechte nach wie vor an der Tagesordnung sind. Besonders ältere Menschen sind betroffen und haben vor Ort oft keine oder wenig Unterstützung. Viele von ihnen leiden an akuten psychischen Krankheiten und chronisch Erkrankte haben nur stark eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung.

Medizinische Hilfe in leeren Schulen oder Privatwohnungen

Ärzte ohne Grenzen ist momentan eine der wenigen internationalen Organisationen, die vor Ort tätig sind. Wir versorgen die Menschen in den konfliktnahen Gebieten mit dringend benötigter medizinischer und psychologischer Hilfe. Unsere Teams in Bachmut und Mariupol betreiben mobile Kliniken und versorgen verschiedene Einrichtungen mit Medikamenten und Material. Sie arbeiten in verlassenen und leerstehenden Schulgebäuden oder Gemeinde- und Gesundheitseinrichtungen. Selbst Häuser und Wohnungen stellten Privatpersonen den medizinischen Teams zur Verfügung.

Viele Krankenhäuser wurden teilweise oder vollständig zerstört, und noch heute müssen Kliniken und Einrichtungen ohne Medikamente auskommen. Selbst dort, wo der Betrieb allmählich wieder anläuft, bleibt das ehemalige Personal oft weiterhin fern – vor allem in Dörfern, die gefährlich nahe am Konfliktgeschehen liegen. Dementsprechend groß sind die Lücken in der Gesundheitsversorgung auf beiden Seiten der Frontlinie, die Ärzte ohne Grenzen zu füllen versucht.

Chronisch Kranke können sich Behandlung nicht leisten

Eine der größten Herausforderungen ist die Versorgung älterer Menschen – denn sie haben kaum Zugang zur Behandlung chronischer Probleme wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Laut Schätzungen finden sich unter den 1,75 Millionen vom Konflikt vertriebenen Menschen über eine Million Senioren. Da die monatliche Durchschnittsrente nur 42 Euro beträgt und die Medikamente für chronische Krankheiten mit 14 Euro pro Monat bereits ein Drittel dieser Rente ausmachen, können sich viele Senioren eine Behandlung nicht leisten. Doch damit steigt das Risiko von Folgeerkrankungen, erklärt unsere medizinische Koordinatorin Dr. Gabriela Das: „Bei chronisch Kranken ist es unbedingt nötig, dass die Behandlung nicht unterbrochen wird. Zur Verhinderung von Komplikationen bekommt deshalb jeder Risikopatient, den wir nicht regelmäßig persönlich betreuen können, bis zur nächsten Behandlung eine ausreichende ‚Medikamentenreserve‘.“

Hartnäckige psychische Narben

In den zwei Jahren hat der Konflikt unzählige Familien und Gemeinden zerstört, viele Menschen sind dementsprechend seelisch traumatisiert. Besonders häufig betroffen sind ältere Menschen. Nachdem sie Abschied von Kindern und Enkelkindern nehmen mussten, die der Konflikt in die größeren Städte getrieben hat, haben viele Senioren mit Einsamkeit und fehlendem emotionalem Rückhalt zu kämpfen. Da sie dem Konflikt unmittelbar ausgesetzt sind, leiden sie häufig unter Ängsten und Depressionen.

Deshalb bietet Ärzte ohne Grenzen seit Juli 2014 auch psychologische Unterstützung an: 18.000 Einzel- und Gruppensitzungen haben unsere Teams seitdem durchgeführt, viele davon für ältere Menschen.

„Die Senioren, die zu uns kommen, haben oft mit Ängsten und dem Gefühl zu kämpfen, dass der Konflikt sie um den Verstand bringt“, sagt Viktoria Brus, unsere Psychologin in Kurakhove. „Sie werden vergesslich, sind still und sagen kein Wort. Wir betonen in unserer Arbeit ihre wichtige Rolle in der Familie, vermitteln unkomplizierte Bewältigungsstrategien und zeigen einfache Maßnahmen auf, mit denen sie ihr Befinden verbessern können – zum Beispiel, indem sie in ihrem Dorf das Gespräch mit anderen Menschen suchen.“

Mehr als die Hälfte der Menschen, die bei uns therapeutische Hilfe suchen, leidet unter Ängsten. „Die Menschen sind direkt dem Konflikt ausgesetzt, Hoffnungslosigkeit macht sich breit und es herrscht Unsicherheit über die Zukunft. Dieser psychische Stress kann wiederum körperliche Leiden verschlimmern, wie wir z.B. oft bei Patienten mit Bluthochdruck beobachten. Obwohl sie dagegen behandelt werden, leiden die Patienten aufgrund der psychischen Belastung dennoch oft unter Atembeschwerden, Herzrasen und Schlafstörungen. Daher ist es äußerst wichtig, dass neben der psychologischen Betreuung auch angemessene medizinische Hilfe angeboten wird.“

Gebiete von Hilfe abgeschnitten

Bis Oktober 2015 war Ärzte ohne Grenzen auf beiden Seiten der Frontlinie tätig. Unsere Teams halfen sowohl in von der Regierung kontrollierten als auch in Gebieten, die außerhalb ihrer Kontrolle stehen. Im Oktober 2015 wurde Ärzte ohne Grenzen jedoch die Tätigkeit in den selbsternannten Volksrepubliken Lugansk und Donezk (LNR und DNR) untersagt. Derzeit dürfen die Teams nur in jenen Gebieten Hilfe leisten, die sich unter der Kontrolle der ukrainischen Regierung befinden. „Als unsere Teams aus Lugansk und Donezk ausreisen mussten, haben wir Tausende hilfsbedürftiger Patienten zurückgelassen“, sagt Mark Walsh, unser Landeskoordinator in der Ukraine. „Besonders sorgen wir uns um die Patienten, die an Diabetes, chronischem Nierenleiden, Herzerkrankungen und Tuberkulose leiden. Um den Menschen auf beiden Seiten des Konfliktes helfen zu können, planen wir nach wie vor, unsere Tätigkeit in Donezk und Lugansk sobald wie möglich wieder aufzunehmen.“

Ärzte ohne Grenzen spendete im Jahr 2015 Medikamente und Material an 350 medizinische Einrichtungen auf beiden Seiten der Frontlinie. Unsere Teams stellten auch die medizinische Versorgung von mehr als 9.900 Patienten mit konfliktbedingten Verletzungen sowie von über 61.000 chronisch Kranken sicher. Auch wurden 5.100 Geburten begleitet. Ärzte ohne Grenzen leistete in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium 159.900 allgemeinmedizinische Sprechstunden und 12.000 psychologische Beratungen. Darüber hinaus betreiben wir Erste-Hilfe- und Wasser-Stationen an den Kontrollpunkten Nowotrojizke, Zaitseve und Mayors – so helfen wir den Menschen, die dort in langen Schlangen in der Sommerhitze warten müssen.

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