Ukraine

Ukraine: Österreichischer Chirurg unterstützt Spital in Horliwka

Die Industriestadt Horliwka (Gorlovka) steht unter konstantem Artilleriebeschuss und die Spitäler sind mit Verletzten überfüllt. Medizinisches Material ist Mangelware, in manchen Einrichtungen nähen die medizinischen Teams die Verwundeten mit Angelschnur. Der österreichische Chirurg Dr. Michael Rösch ist vor Ort im Einsatz und unterstützt das ukrainische OP-Team im Krankenhaus #2.

„Ich bin vor sechs Tagen in Horliwka angekommen und direkt zum Spital gefahren. Die großen Operationssäle im sechsten Stock können wegen des dauernden Artilleriebeschusses nicht genutzt werden. Im Erdgeschoss gibt es einen funktionsfähigen OP. Täglich werden zwischen fünf und 20 Opfer der Angriffe eingeliefert. Letzte Woche waren es einmal 60 Verletzte an einem Tag. Aber dann hatten wir drei Tage lang kein fließendes Wasser im Spital, so dass außer den dringendsten Operationen alle weiteren Eingriffe auf unbestimmt verschoben werden mussten. Denn ohne Wasser können wir das Material nicht sterilisieren.

Die Stadt liegt nicht wirklich in Trümmern; sie sieht nicht wie Gaza-Stadt aus. Die meisten Gebäude sind durch die Artillerie- und Raketen-Einschläge nicht vollkommen zerstört, auch wenn einige kleinere Häuser in den Vorstädten nach Treffern eingestürzt sind. Aber alle Gebäude haben zerbrochene Fensterscheiben – was bei den nächtlichen Temperaturen von minus zehn Grad zu einem Problem wird. Gestern kamen wir an einem Spielplatz vorbei und sahen einen schwarzen Kreis am Boden, von einer Granatenexplosion. Überall gibt es Einschlagskrater, einer direkt vor dem Kinderspital.

Kaum Kinder in der Stadt

Man sieht kaum Kinder in der Stadt. Die meisten Familien mit Kleinkindern sind längst geflohen. Die Einwohnerzahl von Horliwka ist mittlerweile von 300.000 auf geschätzte 200.000 gesunken. Der Ort sieht aus wie eine Geisterstadt. Die meisten Läden sind geschlossen, ebenso die Cafés und Restaurants. Wenn die Leute ihre Häuser verlassen müssen, huschen sie durch die Straßen. Niemand bleibt stehen, höchstens wer auf einen Bus wartet.

Ärzte ohne Grenzen hat den Einsatz in Horliwka im September gestartet, und seitdem beliefern meine Kollegen dieses Spital mit medizinischem Material und Medikamenten. Als der Konflikt im Januar eskalierte, beschlossen wir, ein Team dauerhaft vor Ort zu belassen. So können wir das einheimische Ärztepersonal direkt unterstützen und im Notfall, wenn viele Verletzte eingeliefert werden, selber chirurgische Eingriffe vornehmen.

„Alle ein oder zwei Stunden schlägt ein Geschoss ein“

Alle ein oder zwei Stunden schlägt irgendwo in der Stadt ein Geschoss ein, scheinbar wahllos. Die meisten Opfer, die wir versorgen, wurden getroffen, als sie über die Straße gingen oder auf den Bus warteten. In den Gebäuden ist man einigermaßen sicher, solange man sich von den Fenstern fernhält.

Vor zwei Tagen wurde ein Haus knapp 200 Meter von unserer Unterkunft getroffen. Um fünf Uhr morgens wurden wir plötzlich durch einen ohrenbetäubenden Knall geweckt. Die Fensterscheiben bebten, und wir wussten gleich, das war eine Bombe. Ich sprang auf, packte meine wichtigsten Sachen – Laptop, Lesebrille, Taschenmesser und warme Kleider – und rannte hinunter in den Keller. Einen medizinischen Notfallkoffer hatte ich schon früher vorsorglich dort unten verstaut. In solchen Momenten im Keller wartet man nur auf den nächsten Einschlag.

Spitälern geht das Material aus

Den Krankenhäusern geht allmählich das medizinische Material aus. Ärzte aus anderen Einrichtungen berichteten uns, sie hätten kein chirurgisches Nahtmaterial mehr und die Chirurgen müssten die Patienten mit Angelschnur nähen. Aufgrund der ständigen Unterbrechungen der Wasserversorgung werden immer mehr Durchfallerkrankungen bei Kindern registriert. Das Kinderspital hat jedoch keine Infusionsbeutel mehr, um die Kleinen zu rehydrieren. Die Vorratsbestände unterschiedlicher Medikamente sind schon aufgebraucht. Wir wurden bereits nach Insulin, Antibiotika und Desinfektionsmitteln gefragt. Trotz unserer Lieferungen wurde uns eine lange Liste mit Dingen überreicht, die fehlen und dringend benötigt werden.

Den Nachschub in die Stadt zu transportieren, ist jedoch nicht einfach. Die Front verläuft praktisch rund um Horliwka herum, und die Stadt kann nur über eine schmale Zufahrtstrasse erreicht werden. Dieser Bereich wird oft beschossen, so dass die Durchfahrt jedes Mal mit einem Risiko verbunden ist, und manchmal ist die Straße auch ganz gesperrt.

Ich habe bisher drei Spitäler in der Stadt besucht, die noch in Betrieb sind. Die meisten Gesundheitszentren und Kliniken sind jedoch geschlossen – einerseits wegen des Dauerbeschusses, aber auch weil rund die Hälfte des medizinischen Personals die Stadt bereits verlassen hat. Das Ärzte- und Pflegepersonal, das noch hier ist, wurde seit sieben Monaten nicht mehr bezahlt.

Täglich Amputationen

Die letzten sechs Tage waren sehr intensiv für mich. Ich bin Chirurg, aber noch nie in meinem Leben habe ich so viele Amputierte gesehen. Die Menschen gehen einkaufen, und eine Stunde später haben sie keine Beine mehr. Die Chirurgen hier, die vorher noch nie mit Kriegsverletzungen konfrontiert waren, müssen täglich mindestens eine oder zwei Amputationen durchführen.

Für das Spitalpersonal ist die Situation sehr schwierig, aber sie leisten Erstaunliches. Wie die übrigen Leute hier scheinen sie die Ereignisse mit Fassung zu tragen. Sie gehen mutig, ruhig und besonnen ihren Verrichtungen nach; sie tun ihr Möglichstes, um einigermaßen zurechtzukommen. Aber hinter den Gesichtern kann man erahnen, dass sie fast zusammenbrechen. Sie fühlen sich von der Außenwelt im Stich gelassen. Außer Ärzte ohne Grenzen ist keine andere internationale Organisation vor Ort. Die Menschen warten verzweifelt auf ein Zeichen vom Rest der Welt, dass man sie nicht vergessen hat.“

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