Ukraine

Ukraine: “Die Menschen sind extrem verängstigt.“

Mit dem bevorstehenden Winter setzt Ärzte ohne Grenzen im Osten der Ukraine seine Unterstützung von Krankenhäusern auf beiden Seiten der Frontlinie fort. Psychologische Hilfe für Menschen, die in einigen der am schwersten betroffenen Gebieten leben, wird ausgeweitet. Trotz der Unterzeichnung eines Waffenstillstandes am 5. September wurden die Kämpfe in mehreren Städten fortgesetzt. In den vergangenen zwei Wochen kam es zu besonders schweren Zusammenstößen.

In den Städten entlang der Fronlinie der Regionen Donetsk und Luhansk wurden die Bombardements fortgesetzt. In manchen Bezirken hat die Bevölkerung keine andere Wahl, als in Kellern oder Bombenschutzräumen aus dem Zweiten Weltkrieg Schutz zu suchen. Die Banken sind geschlossen und die meisten BewohnerInnen, die in diesen Gebieten leben, haben keinen Zugang zu Bargeld. Ältere und behinderte Menschen sind besonders gefährdet, da es für sie immer schwerer wird, zu Gesundheitseinrichtungen zu gelangen und Medikamente zu kaufen.

Regierung stellt Leistungen ein

Die Verlautbarung der ukrainischen Regierung von 15. November wird die angespannte Situation diesen Winter für die Menschen noch weiter verschärfen: Darin wurde die Einstellung sämtlicher Sozialleistungen in den von den Rebellen kontrollierten Gebieten bekannt gegeben, inklusive der Unterbrechung sämtlicher Pensionszahlungen. Auch Krankenhäuser in der Region werden keine staatliche Unterstützung mehr erhalten. ÄrztInnen, Pflegefachkräfte, SozialarbeiterInnen und andere Staatsbedienstete wurden angehalten, diese Regionen zu verlassen.

„Mehr als sechs Monate nach dem Ausbruch des Konflikts krümmen sich die Krankenhäuser in Donetsk und Luhansk unter dem Druck der tausenden Verwundeten und Vertriebenen“, beschreibt Einsatzleiter Stéphane Prévost die Situation in der Ukraine. „Die Transportwege für medizinisches Material wurden unterbrochen oder in manchen Fällen völlig unterbunden. Die Spitäler haben ihre Budgets für 2014 bereits aufgebraucht. Viele medizinische Fachkräfte haben uns erzählt, dass sie seit Monaten kein Gehalt mehr ausgezahlt bekommen.“

Unterstützung mit medizinischem Material

Seit Mai haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen 59 medizinische Einrichtungen auf beiden Seiten der Frontlinie in Donetsk und Luhansk mit dringend benötigten Materialien unterstützt. Damit konnten mehr als 10.250 Verwundete behandelt werden. Auf Grund kritischer Engpässe wurden auch Röntgenfilm, Insulin, Generatoren und chirurgische Instrumente für Krankenhäuser bereitgestellt.

Neben dem anhaltenden Bedarf an Material zur Behandlung von Verletzten haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen auch andere kritische Lücken im Gesundheitssystem festgestellt – wie in den Bereichen Dialyse, Geburtshilfe und der Versorgung chronischer Krankheiten, darunter Diabetes, Bluthochdruck, Tuberkulose und HIV/AIDS. Je länger der Konflikt anhält, desto schwieriger wird auch der Medikamentennachschub, wovon hauptsächlich chronisch Kranke betroffen sind. Doch auch wenn Arzneimittel verfügbar sind, haben viele Menschen keinen Zugang zu Bargeld, um diese auch kaufen zu können.

Psychologische Hilfe für Betroffene

“Sowohl die Menschen, die in der Konfliktzone leben, als auch jene, die in sicherere Gebiete fliehen konnten, waren traumatischen Erlebnissen ausgesetzt – darunter Bombardements, Gefechte und der Verlust von Familienmitgliedern und Freunden“, so Prévost. “Der plötzliche Ausbruch dieses Konflikts bedeutet für die Menschen einen akuten Verlust und die Zerstörung ihres gewohnten Lebens: Ihrer Häuser, ihrer Jobs, ihrer sozialen und familiären Netzwerke. Die Menschen sind extrem verängstigt. Sie wissen nicht, was in den nächsten Monaten auf sie zukommt.“

Das psychologische Team von Ärzte ohne Grenzen unterstützt Betroffene des Konflikts in mehreren Städten auf beiden Seiten der Frontlinie. Das Team bietet psychologische Hilfe für Einzelpersonen sowie für Gruppen und Familien an, erklärt emotionale Reaktionen nach traumatischen Erlebnissen und zeigt Methoden, die Menschen im Umgang mit extremer Angst, Unruhe und Alpträumen helfen. Seit August haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen 764 Einzelberatungen und 60 Gruppenberatungen für Betroffene des Konflikts durchgeführt.

Schulungen für einheimische Gesundheitsfachkräfte

Das Team von Ärzte ohne Grenzen führt auch Trainingsprogramme für einheimische PsychologInnen, SozialarbeiterInnen und medizinische Fachkräfte durch, die in der Region arbeiten. Die Schulungen helfen, ihre Fähigkeiten zu erweitern und Burn-Out zu vermeiden. Seit August wurden 303 Weiterbildungen durchgeführt, die Themen reichten von psychologischer Ersthilfe über Stressmanagement bis zum Umgang mit aggressiven PatientInnen.

Neben der psychologischen Unterstützung hat Ärzte ohne Grenzen auch mehr als 1.800 Hygiene-Kits verteilt. Diese beinhalten Seife, Material zur Zahnreinigung, Handtücher, Bettlaken, Babynahrung und Windeln. Die Kits werden an Menschen verteilt, die durch die Gewalt vertrieben wurden und in Gebieten nahe der Konfliktzone Unterschlupf gefunden haben. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen haben angesichts des nahenden Winters auch 15.000 warme Decken an Krankenhäuser und Menschen in schwierigen Lebenssituationen in den Regionen Donetsk und Luhansk verteilt.

Für die Verteilaktion im schwer betroffenen Gebiet Debaltsevo hat sich auch  Reva Elena Alekseevna gemeldet. Sie ist seit 26 Jahren Krankenschwester im Debaltsevo Übergangs-Krankenhaus in Donetsk. "Die Gegend hier wurde schwer bombardiert und Menschen sind ständig auf der Suche nach Nahrung, Medikamenten und warmer Kleidung", beschreibt sie. "Wir sind Ärzte ohne Grenzen extrem dankbar, die Menschen werden sehr froh über die warmen Decken sein. Es ist nur ein kleiner Teil, doch essenzielle Hilfe. Ihr erinnert uns an euch, ihr vergesst uns nicht."

Versorgung von Häftlingen mit Tuberkulose

Ärzte ohne Grenzen betreibt seit 2011 ein Programm zur Behandlung medikamentenresistenter Tuberkulose in Haftanstalten in Donetsk. Während des Konflikts hat Ärzte ohne Grenzen alles versucht, um dieses Projekt weiterhin aufrechtzuerhalten und PatientInnen dabei zu unterstützen, eine Unterbrechung der Behandlung zu vermeiden. Doch die Organisation ist über den nicht einwandfrei funktionierenden Nachschub von Medikamenten in die Gefängnisse von Donetsk sehr besorgt und das damit einhergehende Risiko der Entstehung neuer Medikamentenresistenzen.

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