Regierungen entscheiden beim Aids-Gipfel über das Leben von neun Millionen Menschen

New York/Wien, 7. Juni 2011 – Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) fordert von den Regierungen auf dem UN-Aids-Gipfel, die Zahl der HIV-Patienten, die eine Therapie erhalten, binnen vier Jahren um neun Millionen auszuweiten. Bisher werden nur 6,6 Millionen mit anti-retroviralen Medikamenten behandelt. Eine neue Studie belegt, dass die Behandlung die HIV-Übertragungsrate um 96 Prozent reduziert und der Epidemie damit Einhalt geboten werden könnte. Dennoch gibt es starken Widerstand von einigen entscheidenden Geldgebern.

„Nach Wochen strittiger Verhandlungen geht es jetzt darum, ob sich die Regierungen auf das vorgeschlagene Ziel einigen werden, bis zum Jahr 2015 insgesamt 15 Millionen HIV-Patienten zu behandeln ", sagte Sharonann Lynch, Aids-Spezialistin der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen auf einer Pressekonferenz bei den Vereinten Nationen in New York. „Die Welt braucht ein ehrgeiziges Behandlungsziel und einen konkreten Plan, um dieses Ziel zu erreichen.“

„In den vergangenen zehn Jahren haben wir gesehen, dass die Behandlung die Leben unserer Patienten rettet. Jetzt wissen wir, dass Behandlung gleichzeitig auch Prävention ist und dass dadurch ganze Bevölkerungsgruppen geschützt werden können", sagt Dr. Tido von Schoen-Angerer, Leiter der Medikamentenkampagne. „Aus diesen Erkenntnissen keine politischen Maßnahmen abzuleiten, hieße, die Realität zu verkennen und die Chance zu vergeben, Neuinfektionen einzudämmen. Die Teilnehmer am Aids-Gipfel haben es in der Hand, den Verlauf der weltweiten Aids-Epidemie entscheidend zu ändern."

Laut UNAIDS sind bis 2015 zusätzliche sechs Milliarden US-Dollar pro Jahr notwendig, um 12 Millionen Neuinfektionen und in der Folge mehr als 7 Millionen Todesfälle bis zum Jahr 2020 zu verhindern. Doch in den Jahren 2009 und 2010 sind die Mittel zur Bekämpfung von HIV/Aids zurückgegangen. Instrumente wie der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria und andere Programme verfügen über zu wenig Mittel, um der Strategie „Behandlung als Prävention“ Rechnung tragen zu können.

Mangelndes Engagement der österreichischen Regierung

“Völlig inakzeptabel ist in dieser Hinsicht das mangelnde Engagement der österreichischen Regierung, die sich am Kampf gegen Aids bisher so gut wie gar nicht beteiligt“, erklärt Franz Neunteufl, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Österreich. „Ein Jahr nach der Aids-Konferenz 2010 in Wien fordere ich die österreichische Bundesregierung neuerlich auf, eine den Möglichkeiten Österreichs angemessene Unterstützung zuzusagen.“

Ein weiteres Hindernis im Kampf gegen Aids könnte die Ausweitung des Patentschutzes auf Medikamente sein. Die Regierungen müssen sicherstellen, dass Medikamente bezahlbar bleiben. Um dies zu gewährleisten, fordert Ärzte ohne Grenzen von den westlichen Industrieländern, ihre Handelspolitik zu ändern und nicht weiter Produktion und Vertrieb von erschwinglichen Nachahmerpräparaten zu behindern“. Aktuell verhandelt die EU mit Indien über ein Freihandelsabkommen, das verheerende Folgen für die Generika-Produktion in Indien haben könnte.

Ärzte ohne Grenzen behandelt derzeit 170.000 Menschen mit HIV / Aids in 19 Ländern mit anti-retroviralen Medikamenten. Mehr als 80 Prozent der anti-retroviralen Arzneimitteln, die in den Projekten verwendet werden, stammen von Generika-Herstellern in Indien.

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