Südsudan: „Wir stehen einer sehr ernsten Situation gegenüber“

Mehr als 100.000 Flüchtlinge aus dem umkämpften sudanesischen Bundesstaat Blue Nile haben im Südsudan in der Region Maban Zuflucht gefunden. Nach einem langen Fußmarsch sind sie schwach und erschöpft. Allein im Lager Batil leben 34.000 Menschen, die Mangelernährung nimmt zu, während die humanitäre Hilfe nach wie vor unzureichend ist. Mehr als 1.000 Kinder wurden in die Ernährungsprogramme von Ärzte ohne Genzen aufgenommen, und die Zahl steigt weiter an. Unser Notfall-Koordinator John Tzanos berichtet von der Situation vor Ort.

Was sind die dringendsten Probleme?

Die Situation in Batil ist besorgniserregend. Das größte Problem momentan ist die Ernährungssituation. Wir haben innerhalb von nicht einmal drei Wochen mehr als 1.000 Kinder mit schwerer Mangelernährung aufgenommen. Das sind wirklich sehr viele, und die Zahl wächst weiter. Rund 50 Kinder - die meisten von ihnen schwer mangelernährt - wurden ins Krankenhaus eingeliefert und werden rund um die Uhr überwacht. Für die Teams von Ärzte ohne Grenzen ist die Behandlung von Mangelernährung im Lager ein Wettlauf gegen die Zeit. Es gibt eine Menge Durchfall. Moskitonetze fehlen, und wir machen uns Sorgen wegen Malaria. Es ist sehr beunruhigend, durch das Lager zu gehen und all diese apathischen Kinder zu sehen, die nicht mehr die Energie haben, zu lachen oder zu spielen. Die Menschen haben Hunger. Die schwächsten Kinder sterben an Mangelernährung oder Krankheiten.

Was sind die Ursachen dieser Situation?

Die Menschen sind seit Monaten unterwegs. Viele von ihnen sind nach Angriffen oder Anschlägen aus ihren Dörfern geflohen. Oft sind sie mitten in der Nacht aufgebrochen und hatten keine Zeit, sich vorzubereiten. Wir haben es mit ganzen Familien zu tun, die erschöpft und extrem schwach sind. Viele kamen in einem mehr oder weniger fortgeschrittenen Stadium der Mangelernährung an. Sie erhalten jetzt alle 15 Tage Reis, Getreide und Öl, aber nicht genug. Kindern - vor allem den jüngsten Kindern, fehlen Reserven an Nährstoffen. Deswegen funktioniert ihr Immunsystem nicht richtig und sie können an Durchfall, Fieber oder Atemwegsinfektionen sterben.

Wie hilft Ärzte ohne Grenzen?

Im Flüchtlingslager in Batil behandeln wir aktuell vor allem Fälle von Mangelernährung. Derzeit haben wir dort 150 Betten. Doch diese Zahl steigt aufgrund der großen und wachsenden Bedürfnisse ständig weiter. In den letzten Tagen hat Ärzte ohne Grenzen 70 Tonnen therapeutische Nahrung per Flugzeug hierher gebracht und hat Wasser aus Nairobi und Dubai ins Lager gebracht. Als medizinische Nothilfe-Organisation kümmern wir uns um die Kranken: Durchfall, Malaria und Atemwegsinfektionen sind die häufigsten Krankheiten, die wir sehen. Wir kümmern uns auch um die Geburtshilfe für Frauen. Zusätzlich stellen unsere Teams 200.000 Liter Trinkwasser täglich für die Flüchtlinge in Batil zur Verfügung.

Gibt es ausreichend internationale Hilfe?

Was aktuell getan wird, reicht nicht aus, um dem hohen Bedarf gerecht zu werden. Was wir jetzt brauchen, sind mehr Nahrungsmittel, die vor allem auch besser auf die Bedürfnisse der Schwächsten abgestimmt sind. Das ist wichtig, um zu verhindern, dass sich die Gesundheit von Kindern und von schwangeren und stillenden Frauen rasch verschlechtert. Dazu benötigen sie eine reichhaltige Ernährung, die Proteine und Mikronährstoffe enthält. Wir führen gerade eine Ernährungs- und Mortalitäts-Studie durch, um ein besseres Verständnis der Situation zu bekommen und um unsere Maßnahmen zu optimieren. Was wir derzeit erleben, ist eine sehr ernste Situation und wir sind sehr besorgt. Wir müssen uns auf das Schlimmste vorbereiten.

Sind Verteilungen möglich trotz der logistischen Probleme?

Ärzte ohne Grenzen organisiert seine Hilfslieferungen derzeit in erster Linie auf dem Luftweg. Wir haben unsere Teams in den letzten Tagen deutlich verstärkt und wir haben zwei Fahrzeuge vor Ort gebracht, außerdem haben wir 30 Tonnen energiereiche Spezial-Kekse für mangelernährte Kinder geschickt. Doch der Zugang zu dieser entlegenen Region ist schwierig. Einige Straßen sind überflutet, denn die Regenzeit hat begonnen. Wir befinden uns in einem sumpfigen Gebiet. Die Flughäfen und großen Straßen sind jedoch weiterhin geöffnet. Hilfsorganisationen können logistische Probleme nicht als Ausrede benutzen. Wir müssen sofort alle Ressourcen mobilisieren.

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