Usbekistan

Tuberkulose: Millionen Mal ein Kampf ums Leben

Haben Sie jemals einen Menschen gesehen, der so abgemagert war, dass man seinen Herzschlag sehen konnte? Ein Herz, das aussieht als ob es geradewegs aus der Brust springen möchte und nur durch eine dünne Hautschicht daran gehindert wird? Als ich unser Projekt in Karakalpakstan, einer autonomen Republik in Usbekistan, besuchte, sah ich, welch furchtbare Auswirkungen Tuberkulose (TB) haben kann. Ärzte ohne Grenzen behandelt dort seit 2003 Patienten, die unter einer medikamentenresistenten Form dieser Krankheit leiden.

Als ich Alexey* kennenlernte, war mein Gesicht halb verdeckt durch eine Schutzmaske. Alexey ist eben erst im Tuberkulose-Krankenhaus angekommen. Sein ausgezehrter Körper zeigt, dass er viel früher hätte kommen sollen. Was hat ihn daran gehindert? Wusste er nichts über unsere kostenlose Hilfe, oder war ihm nicht bewusst, dass Tuberkulose überhaupt heilbar ist? Hatte er Angst vor der langen und schmerzhaften Behandlung? Oder fehlte ihm schlicht das Geld, um ins Krankenhaus zu fahren? Seine Augen, deren Blick aus den tiefliegenden Augenhöhlen verzweifelt wirkt, zeigen: Es ist noch nicht zu spät. Sein Herz schlägt – und ich kann es sehen.

Ich traf Alexey im Tuberkulose-Krankenhaus in Nukus in Karakalpakstan. Er ist einer von mehr als 440 Patienten, die unsere Ärzte und Krankenschwestern zurzeit in Usbekistan behandeln. Doch ich hätte Menschen wie ihm auch anderswo begegnen können. Tuberkulose gibt es überall auf der Welt, sie ist vor allem in vielen zentralasiatischen und afrikanischen Ländern, in Indien und China verbreitet. Verschiedene Faktoren, die zusammenkommen, begünstigen die Krankheit, allen voran ein schlechtes Immunsystem, unzureichende Ernährung und zu enge Wohnverhältnisse.

Besonders beunruhigend ist, dass immer mehr Menschen sich mit der medikamentenresistenten Form des Tuberkulose-Bakteriums (MDR-TB) anstecken. Dieses Immun-Werden des Erregers gegen die Medikamente entsteht häufig durch unzureichende Behandlung einer Tuberkulose und durch Eigenmedikation. In der Vergangenheit trat die MDR-TB vor allem bei Patienten auf, die wiederholt an Tuberkulose erkrankt waren - sie hatten entweder einen Rückfall erlitten oder zuvor die Behandlung abgebrochen. Doch inzwischen sind zum Beispiel in Nukus erschreckende 40 Prozent aller medikamentenresistenten Fälle Patienten, die sich bereits von Anfang an mit dem resistenten Erreger angesteckt haben.

MDR-TB zu haben bedeutet eine noch längere und noch schmerzhaftere Therapie als es jede normale Tuberkulose-Behandlung ohnehin schon ist. Ich kann mir kaum vorstellen, welche Belastung es für Patienten sein mag, jeden Tag Spritzen zu bekommen und eine ganze Hand voll Tabletten schlucken zu müssen, in dem Bewusstsein, dass kurz danach die scheußlichen Nebenwirkungen beginnen werden: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Depressionen, verschiedene Arten von Psychosen, Hörprobleme und Hepatitis sind nur einige Beispiele dafür, was viele Patienten erleiden. 

Welche Erleichterung, als ich aus dem Krankenhaus herauskomme und endlich die dichte Schutzmaske abnehmen kann. Ich atme tief durch. Die Maske schmiegt sich exakt um das Kinn, das obere Ende muss man sorgfältig ans Nasenbein drücken. Denn das Tuberkulose-Bakterium wird durch die Luft übertragen. Der dichte Stoff der Maske verhindert wie ein Filter dessen Eindringen in die Atemwege und damit die Ansteckung. Allerdings ist das Sprechen und Atmen durch die Maske schwierig – besonders bei 43 Grad, wie sie hier in Nukus im Sommer herrschen.

Zurück in Deutschland erfahre ich einige Wochen später, dass Alexey den Kampf gegen die tückische Krankheit verloren hat. Für die anderen Patienten in Nukus und unseren Tuberkuloseprojekten weltweit geht der Kampf weiter – und ich bin froh zu wissen, dass die meisten von ihnen es schaffen werden.

 Yasmin Rabiyan, als Pressereferentin zuständig für Usbekistan

*Um die Anonymität des Patienten zu wahren, wurde der Name geändert.

Tuberkulose: Eine vernachlässigte Krankheit

Jedes Jahr erkranken weltweit rund neun Millionen Menschen an TB, etwa 1,7 Millionen sterben an der Lungenkrankheit. Die meisten von ihnen sind arm. Ein Grund dafür, dass seit mehr als 40 Jahren keine neuen Medikamente gegen Tuberkulose (TB) entwickelt wurden. Zunehmend mehr, etwa 500.000 Menschen jährlich, stecken sich mit den multiresistenten Formen der Krankheit (MDR-TB) an. Die gängige Medikamentenkombination wirkt dann nicht. Das bedeutet für die Patienten, dass sie jeden Tag etwa 25 Tabletten schlucken müssen - bis zu zwei Jahre lang. Eine Garantie für die Heilung gibt es jedoch nicht. Die Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen setzt sich dafür ein, dass Geberländer wie Deutschland endlich ausreichend in die Forschung und Entwicklung neuer wirksamer TB-Medikamente und Diagnosemethoden investieren: Bislang ist deren Engagement viel zu gering. Ärzte ohne Grenzen hat im Jahr 2009 weltweit mehr als 20.500 Tuberkulose-Patienten behandelt, von denen rund 1.000 an einer MDR-TB litten.

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