Simbabwe

Welt-Aids-Tag: Neue Ansätze in der HIV-Behandlung

Ärzte ohne Grenzen stellt seit zwölf Jahren antiretrovirale Medikamente (ART) in ärmeren Ländern zur Verfügung und behandelt heute mehr als 222.000 Patienten in 23 Ländern. In mehreren Projekten hat Ärzte ohne Grenzen begonnen, neue Behandlungsansätze einzuführen. Micaela Serafini, HIV-Expertin von Ärzte ohne Grenzen, berichtet über die Arbeit in Swasiland. Dort werden HIV-positive Schwangere zu einem früheren Zeitpunkt behandelt, Test- und Behandlungsmöglichkeiten innerhalb der Dorfgemeinschaften ausgeweitet und verbesserte Diagnoseverfahren zur Überwachung der Behandlung eingesetzt.

Warum ist es wichtig, dass HIV-Infizierte bereits eine antiretrovirale Behandlung erhalten, wenn ihr Immunsystem noch widerstandsfähig ist?

Ein früherer Behandlungsbeginn stabilisiert die Gesundheit der HIV-positiven Menschen. Wir wissen zudem, dass eine Behandlung das Übertragungsrisiko senkt, wie es im vergangenen Jahr eine bahnbrechende wissenschaftliche Studie gezeigt hat. Menschen, die erfolgreich an einer Therapie teilnehmen, sind kaum noch ansteckend. Die antiretrovirale Therapie ist daher ein zentraler Bestandteil der HIV-Prävention.

Derzeit führen wir in Swasiland ein stark verbessertes Behandlungsprotokoll für Schwangere ein, um die HIV-Übertragung von Mutter zu Kind noch effektiver zu vermeiden und die Mütter gesund zu halten. Bei diesem „Option B+“ genannten Protokoll sollen alle HIV-positiven Schwangeren ungeachtet ihres CD4-Werts lebenslang mit ART behandeln werden. Die Anzahl an CD4-Zellen messen wir, um den Zustand des Immunsystems festzustellen und zu entscheiden, wann eine Person mit der Behandlung beginnen sollte.

In Swasiland beträgt die HIV-Prävalenz bei Schwangeren bis zu 40 Prozent. Das Behandlungskonzept „Option B+“ hat vier Vorteile: Es stabilisiert den Gesundheitszustand der Mutter, schützt das Baby vor einer HIV-Infektion, verhindert auch bei zukünftigen Schwangerschaften eine Übertragung des Virus von der Mutter auf das Kind und schützt zusätzlich den Partner der Mutter, falls dieser HIV-negativ ist.

In der Region Shiselweni, im Süden Swasilands, in der 208.000 Menschen leben, wird gerade ein entsprechendes Pilotprojekt gestartet. Wir möchten diesen Monat mit „Option B+“ beginnen und jedes Jahr 3.000 Schwangere mit ART behandeln. Im Jahr 2013 werden wir diesen Ansatz auch auf andere Risikogruppen ausweiten, langfristig auf alle HIV-positiven Erwachsenen in der Region. Unabhängig davon, wie weit die Infektion fortgeschritten ist.

Sind die Menschen bereit, sich auf HIV testen zu lassen?

Zwar gehen die schwangeren Frauen in Swasiland sehr wohl in Gesundheitszentren und lassen sich testen, doch die Schwierigkeit liegt darin, auch die Männer zu einem Test zu bewegen. Wir mussten in dieser Hinsicht unsere Betrachtungsweise und unser Vorgehen ändern. Da die Männer kaum in die Gesundheitszentren kommen wollen, müssen wir die Tests zu ihnen bringen. In Swasiland hat Ärzte ohne Grenzen einen lokalen Testdienst eingerichtet, bei dem örtliche Helfer die Beratung und die Tests vornehmen und Personen ins Gesundheitszentrum einweisen, falls der Test positiv ausfällt. Wir versuchen, die Pflege so nahe wie möglich zu den Leuten zu bringen und unsere Arbeitsweise an die jeweilige Bevölkerungsgruppe, der wir helfen wollen, anzupassen. Wir berücksichtigen kulturelle Eigenheiten, damit wir beispielsweise besser verstehen können, warum sich Männer in Swasiland nicht auf HIV testen lassen wollen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der HIV-Behandlung besteht darin, regelmäßig zu kontrollieren, ob die Behandlung die gewünschte Wirkung erzielt. Was bedeutet in diesem Zusammenhang „Viruslast“, und warum benutzt Ärzte ohne Grenzen diesen Messwert?

Eine antiretrovirale Behandlung verhindert, dass das Virus sich vermehren kann. Daher ist es wichtig, die Viruslast – die Zahl von HIV-Viren in einer Blutprobe – zu kennen, um zu sehen, wie die Patienten auf die Behandlung reagieren. Wenn das Virus erfolgreich unterdrückt wird und die Behandlung optimal wirkt, dann hat der Patient eine „nicht messbare“ Viruslast. In diesem Fall ist es eher unwahrscheinlich, dass die Person das Virus übertragen kann.

Der Viruslast-Test zeigt uns zudem, ob das Virus sich weiterhin vermehrt, was ein Zeichen dafür sein kann, dass ein Patient Mühe hat, das Behandlungsprotokoll korrekt einzuhalten. Aus Erfahrung wissen wir, dass Personen, deren Behandlungsprobleme dank der Kontrolle der Viruslast entdeckt werden, durch gezielte Beratung wieder auf die richtige Bahn gebracht werden können. Mit der Überwachung der Viruslast kann man auch Fälle erkennen, bei denen das Virus eine Resistenz gegenüber den verwendeten Medikamenten entwickelt hat und der Patient sofort auf andere Medikamente gesetzt werden muss.

Die Viruslast-Bestimmung spielt noch in einer anderen Hinsicht eine wichtige Rolle: Mit den üblichen Schnelltests ist dies erst sechs Monate nach dem Abstillen möglich. Mit dem heutigen Diagnose-Soforttest können Kinder erst dann auf HIV getestet werden, wenn sie sechs Monate lang nicht mehr gestillt wurden, weil sich andernfalls nicht feststellen lässt, ob die HIV-Antikörper im Blut von der Mutter oder vom Kind stammen.

In Swasiland arbeiten wir derzeit daran, die Feststellung der Viruslast dezentral anzubieten, also den Test  in lokalen Gesundheitszentren durchzuführen, so dass die lange Reise ins Distrikt-Krankenhaus entfällt. Dies wollen wir mit Mini-Laboren erreichen, die wir in abgelegenen Kliniken und Gesundheitszentren eingerichtet haben.

Thembis Geschichte aus Swasiland

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