Sudan

Wenn medizinische Hilfe mit dem Esel kommt..

Motorisierte Krankenwägen gibt es hier nicht. In abgelegenen Regionen im Sudan wird bei medizinischer Hilfe auf ungewöhnliche Transportmittel gesetzt. Um ein lokales medizinisches Zentrum im umkämpften Jebel-Marra-Gebirge in Darfur zu erreichen, nutzen wir Esel und Kamele. 

Nasteh Shukri Mahamud ist froh, dass er reiten gelernt hat. Als er nach einem achtstündigen Ritt in Rokero im Sudan von seinem Esel steigt, muss er sich dennoch erst einmal zehn Minuten bewegen, bis das Gefühl in seine Beine zurückkehrt. „Es ist eine schwierige Reise nach Umo“, sagt Mahamud. „Besonders jetzt während der Regenzeit, wenn die Wege schlammig und rutschig werden.“

Umo liegt zwischen zwei Bergen im Jebel-Marra-Gebirge. Eine bewaffnete Rebellengruppe kontrolliert das Gebiet. Immer wieder kämpft sie gegen Regierungstruppen und andere bewaffnete Gruppen um den Zugang zu Ressourcen. Rund 50.000 Menschen leben hier in Dutzenden Dörfern, die über das weite felsige Gelände verstreut sind. Seit 2008 sind sie von externer Hilfe abgeschnitten. Das einzige Transportmittel, um Umo zu verlassen oder dorthin zu kommen, sind Esel oder Kamele. Mahamud leitet seit Anfang September das medizinische Team von Ärzte ohne Grenzen in diesem Teil der Region Darfur, einem Gebiet, in dem insgesamt rund 200.000 Menschen leben.

"Nachts hören wir oft Schüsse"

Darfur, im Westen des Sudan gelegen, hat mehr als ein Jahrzehnt des Konfliktes hinter sich. Einiges hat sich nach dem Sturz von Omar al-Bashir, dem ehemaligen Präsidenten des Sudan, und der Einsetzung der neuen Übergangsregierung verändert. Doch die Sicherheitslage ist noch immer instabil und die gewaltsamen Auseinandersetzungen dauern an. Viele Familien wurden vertrieben und suchen Schutz in und um Rokero. „Wir setzen die Behandlung der durch die Kämpfe verursachten Verletzungen fort. Nachts hören wir oft Schüsse“, sagt Mahamud.
Viele Gemeinden in Rokero und Umo sind stark auf humanitäre Hilfe angewiesen. Etwa 60 Prozent der Bevölkerung hat keinen Zugang zu einer medizinischen Grundversorgung. Von den 20 Gesundheitseinrichtungen in dem Gebiet sind nur acht funktionsfähig, darunter zwei von Ärzte ohne Grenzen.

Auch wenn die Projekte von Ärzte ohne Grenzen für 2020 durch die Ausbreitung von Covid-19 beeinträchtigt wurden, konnte Anfang September im abgelegenen Umo ein kleines Zentrum für die medizinische Grundversorgung eröffnet werden. „Als das Team zum ersten Mal eintraf, empfing uns das ganze Dorf, darunter die Ältesten, Frauen und viele Kinder, mit Aufregung und Vorfreude“, sagt Mahamud. 
„Seitdem unterstützen wir diese Gemeinde sechs Tage in der Woche mit 20 sudanesischen Mitarbeiter*innen, einige von ihnen kommen aus Umo und anderen Teilen Darfurs. Bis zu 70 Patientinnen und Patienten behandeln wir so täglich.“

Die Dorfgemeinschaft packt an

„Die Menschen in Umo verletzen sich oft bei Stürzen oder Reitunfällen. Und es ist immer noch Konfliktgebiet, deshalb kommen auch Schussverletzungen recht häufig vor“, sagt Mahamud. „Jetzt, zum Ende der Regenzeit, behandeln wir außerdem mehr Infektionen der oberen Atemwege und Hautkrankheiten, die durch die schlechten Lebensbedingungen verursacht werden.“

„Auf meiner ersten Reise nach Umo trafen wir uns mit den Ältesten der Gemeinde, um das Leben, das sie führen, ihre Erwartungen an Ärzte ohne Grenzen und ihre gesundheitlichen Bedürfnisse besser zu verstehen. Unser Treffen war sehr herzlich. Die Menschen hier haben hart daran gearbeitet, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Sie haben eine gewisse Infrastruktur errichtet, etwa durch das Anlegen von Steinpfaden, aber ein funktionierendes Gesundheitszentrum haben sie seit zehn Jahren nicht mehr.“

„Ich bewundere unseren Medikamentenverteiler Najmadin Aden Mahamed sehr, der mindestens einmal pro Woche Vorräte und Medikamente holt“ – jedes Mal ein Tagesritt auf dem Esel. 

Zu viele mangelernährte Kinder

Die meisten Menschen hier leben von der Landwirtschaft und bauen Sorghum und Hirse an. Doch wegen der jahrelangen Konflikte mussten sie ihre Arbeit häufig unterbrechen und viele Familien hatten mit Ernteausfällen zu kämpfen. Darüber hinaus führte eine Wirtschaftskrise im Sudan dazu, dass sich viele Familien die horrenden Preise für Grundnahrungsmittel nicht leisten können. Für die meisten reicht es kaum für zwei Mahlzeiten am Tag. Frauen müssen besonders hart arbeiten und sich sowohl um die Felder als auch um ihre Kinder kümmern. 

„Gerade die Mangelernährung der Kinder von Umo ist besorgniserregend. Im ersten Monat behandelten wir im ambulanten Ernährungszentrum in Umo 60 schwer mangelernährte Kinder. Und im stationären therapeutischen Ernährungszentrum in Rokero haben wir immer fünf oder sechs Kinder, die stark mangelernährt sind und an Durchfall oder Infektionen der Atemwege leiden. 

„Vor sieben Tagen brachte eine Mutter ihre zweijährige Tochter in unser Ernährungszentrum. Sie war schwach und viel zu klein für ihr Alter. Sie hat sich in nur einer Woche so sehr verändert, ist aktiv und isst wieder gerne. Ihre Mutter konnte kaum glauben, wie schnell es ihr besser ging. Sie war auch überrascht, dass unsere medizinischen Dienste kostenlos sind“, erzählt Mahamud. 

Frieden in Sicht? 

Die Entfernungen in dieser isolierten Region können lebensbedrohlich sein. Sie machen eine rechtzeitige Notfallversorgung beinahe unmöglich. Menschen sterben auf dem Weg zu unserem Gesundheitszentrum oder erreichen Rokero zu spät, um behandelt zu werden. „In unserem ersten Monat in Umo haben wir zwei Patientinnen auf dem Weg nach Rokero verloren. Als Mediziner ist das für uns schwer zu akzeptieren. Wir hören auch von kranken Menschen, die in, von Rebellen kontrollierten, Gebieten leben und Angst haben, sich in Einrichtungen des Gesundheitsministeriums behandeln zu lassen“, sagt Mahamud. 

Doch es gibt Hoffnung, inzwischen haben zahlreiche Menschen in Jebel Marra eingeschränkten Zugang zu medizinischer Grundversorgung, sauberem Wasser und Bildung. Auch haben sie Hoffnung, dass ein kürzlich unterzeichnetes Friedensabkommen zwischen der sudanesischen Übergangsregierung und einigen Rebellengruppen die Situation stabilisieren könnte. Es wäre ein erster Schritt hin zu Frieden, Versöhnung und Stabilität in Darfur und eine Chance für die vielen Hunderttausend Vertriebenen, in ihre Heimat zurückzukehren. 

„Ich bin stolz darauf, Mitglied eines Teams zu sein, das direkt auf akute Gesundheitsbedürfnisse reagiert und hilft, Leben an einem Ort zu retten, der lange Zeit vernachlässigt wurde und wo der Zugang zu medizinischer Versorgung immer noch sehr begrenzt ist,“ sagt Nasteh Shukri Mahamud. 

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