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„Wir warteten auf die Bekanntgabe der Waffenruhe, als plötzlich…“

Unser Projektkoordinator in Gaza, Gilles Pelissier, ist für die Sicherheit der Teams von Ärzte ohne Grenzen in Gaza verantwortlich. Vergangenen Sonntag, den 10. August, wartete er auf die Bekanntgabe eines neuerlichen Waffenstillstandes, während er die neuesten Informationen zu den Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern in Kairo verfolgte.

„Wir warteten auf die Bekanntgabe der vereinbarten Waffenruhe. Gerade erst hatten drei oder vier Raketenangriffe auf Gaza stattgefunden, doch die Menschen in unserer Nachbarschaft dachten, es wäre soweit in Ordnung. Plötzlich hörten wir eine schwere Explosion, es gab einen riesigen Bombentreffer nur 100 Meter hinter dem Al-Shifa Krankenhaus. Ich wurde vollkommen überrascht, denn nur selten treffen uns Angriffe so nah; es war eine gewaltige Explosion. Sofort sagte ich zu unserem Team, dass wir alle in den ‚Safe Room‘ müssten. Der Safe Room befindet sich in der Mitte des Erdgeschoßes des Hauses von Ärzte ohne Grenzen, wo wir leben und arbeiten. Das Gebäude liegt ca. fünf Minuten Autofahrt vom Al-Shifa Krankenhaus entfernt, dem größten Krankenhaus im Gaza-Streifen.

 

Es gibt keine Atempause

 

Der Safe Room hat dicke Wände und ist gut gegen Granatensplitter geschützt, aber er kann natürlich keinem direkten Bombenangriff standhalten. Der Safe Room ist für alle leicht erreichbar, die im Erdgeschoß arbeiten oder in den Zimmern im ersten Stock sind. Alle MitarbeiterInnen von  Ärzte ohne Grenzen  wissen, dass sie im Notfall sofort dorthin müssen. Diesmal mussten wir nicht lange im Safe Room bleiben.

Ein neuerlicher Waffenstillstand, der 72 Stunden dauern sollte, wurde von den Palästinensern bestätigt, dann auch von den Israelis. Doch die Kämpfe wurden um rund 20:00 Uhr fortgesetzt, als die Waffenruhe bekannt gegeben worden war, und auch, als sie um Mitternacht in Kraft trat. Diese intensiven Kämpfe vor einem Waffenstillstand sind typisch. Ich habe bemerkt, dass direkt vor dem Beginn eines vereinbarten Waffenstillstandes und kurz nach seinem Ende die Bombardements besonders heftig sind. Als die zweite 72-stündige Waffenruhe um 8:00 Uhr morgens endete, wurden die Kampfhandlungen sofort wiederaufgenommen. Die erste Waffenruhe dauerte nur acht Minuten statt die vereinbarten 72 Stunden. Es gibt keine Atempause.

Die Explosion in unserer Nähe hat eine Fabrik getroffen, wo Wasch- und Reinigungsmittel hergestellt worden waren. Das Gebäude lag hinter dem Krankenhaus. Die Feuerwehrleute hatten giftige Dämpfe eingeatmet, doch es kamen keine Verwundeten zu uns ins Krankenhaus, wo es im Vergleich zu den Tagen davor relativ ruhig war. Das chirurgische Team von  Ärzte ohne Grenzen  war mit rekonstruktiven Eingriffen beschäftigt.

 

Team übernachtet in Krankenhaus

 

Dasselbe galt für unsere anderen Teams, die im Nasser-Krankenhaus in Khan Younis im südlichen Gaza-Streifen arbeiteten. Unser japanischer Chirurg Miyuki und Anästhesistin Kelly aus Australien hatten keine Patienten, die dringend operiert werden mussten. Die Bombardements waren zu weit weg, man hörte sie kaum noch, daher war es in der Umgebung während dieser Nacht relativ ruhig. Doch ich gab ihnen den Rat, weiterhin wachsam zu sein, bis der Waffenstillstand tatsächlich in Kraft treten würde. Kelly, Miyuki und ihr palästinensischer Übersetzer verbrachten eine zweite Nacht im Nasser-Krankenhaus – wir hatten ein kleines Büro in der Nähe des Operationssaals gefunden, wo sie nachts schlafen und untertags arbeiten konnten. Solange es keine Waffenruhe gab, war es zu gefährlich, rund 45 Minuten zurück nach Gaza-Stadt zu fahren. Doch heute ist mit dem Waffenstillstand etwas Ruhe eingekehrt und sie können zu uns zurückkommen.“

Lesen Sie einen weiteren Augenzeugenbericht aus Gaza von unserer medizinischen Teamleiterin Michele Beck:  "Die dringendsten Fälle behandeln wir zuerst"

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