23.10.2025
Mit dem Waffenstillstand im Gazastreifen ist das Leiden der Bevölkerung nicht vorbei. Ärzte ohne Grenzen ruft die Regierungen in Österreich und weltweit auf, sich für eine massive Ausweitung humanitärer Hilfe einzusetzen. Sie müssen auch medizinische Evakuierungen von tausenden Patient:innen ermöglichen, die im Gazastreifen keinen Zugang zu dringender überlebensnotwendiger Versorgung haben.

In Österreich unterstützen 21.523 Menschen diese Forderungen. Sie haben die Petition „Schützt die Menschen in Gaza“ unterzeichnet. Die Unterschriften wurden heute der österreichischen Bundesregierung symbolisch übergeben. 

Laura Leyser, Geschäftsführerin und Marcus Bachmann, humanitärer Berater von Ärzte ohne Grenzen Österreich vor dem Bundeskanzleramt in Wien
Jasmin Madlencnik / Ärzte ohne Grenzen

Eine Forderung der Petition „Schützt die Menschen in Gaza“ ist fürs Erste erfüllt: Seit dem 10. Oktober 2025 ist ein Waffenstillstand im Gazastreifen in Kraft. Dieser ist sehr fragil und wurde bereits mehrfach gebrochen. Es braucht nachhaltige Anstrengungen, um ihn dauerhaft zu erhalten. „Wir haben mit unserer Petition schon seit Juli ungehinderten Zugang von Hilfsgütern und humanitärer Hilfe in den Gazastreifen eingemahnt und auch von der österreichischen Bundesregierung gefordert, medizinische Evakuierungen von Menschen nach Österreich zu unterstützen, die in Gaza nicht entsprechend behandelt werden können. Die Dringlichkeit ist unverändert groß. Nach wie vor sind Menschenleben in Gefahr“, so Laura Leyser, Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen Österreich. 

Hilfsgelder aus Österreich – Weitere Maßnahmen müssen folgen

Die österreichische Bundesregierung hat einen ersten Schritt in diese Richtung gesetzt. Diese Woche wurden insgesamt sechs Millionen Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds für die Menschen in den palästinensischen Gebieten freigegeben. „Wir begrüßen das Engagement der Bundesregierung, aber angesichts des Ausmaßes der humanitären Katastrophe braucht es noch viel mehr Hilfsgelder, diplomatische Anstrengungen für die Sicherung des Waffenstillstands und auch schnelle und unbürokratische Hilfe in Form medizinischer Evakuierungen auch nach Österreich“, betont Laura Leyser. Während andere Länder bereits Solidarität zeigen, hat Österreich hat bislang keine einzige Person aus Gaza zur medizinischen Behandlung aufgenommen.

Aufbau und Stärkung des Gesundheitssystems

Der Gazastreifen liegt in Trümmern. Rund 90 Prozent aller Gebäude sind laut UN zerstört und das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen. Mehr als 1.700 Gesundheitskräfte, darunter 15 Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen, wurden getötet. Nun ist unmittelbare und langfristige Unterstützung für die Wiederherstellung und Stärkung des Gesundheitswesens nötig, damit die Menschen medizinische Versorgung in einer möglichst sicheren und geschützten Umgebung in der Nähe ihrer Wohnorte bekommen. 

Zwar kommt aktuell etwas mehr humanitäre Hilfe im Gazastreifen an, aber bei Weitem nicht genug, um auch nur annähernd die dringendsten Grundbedürfnisse der Menschen in Gaza zu decken. Es braucht eine massive Ausweitung der Hilfslieferungen – von Medikamenten, chirurgischen Materialien und medizinischem Equipment über Treibstoff, Ausrüstung für Trinkwasseraufbereitung und -verteilung, Lebensmittel bis hin zu winterfesten Unterkünften –, um den enormen Bedarf von rund zwei Millionen Menschen zu decken. Viele kehren in die Ruinen ihrer früheren Häuser zurück, während der Winter naht.

Schwer Verletzte und chronisch Kranke brauchen sofort medizinische Versorgung

„Israelische Streitkräfte haben Spitäler angegriffen und in Schutt und Asche gelegt, medizinisches Personal getötet, festgenommen und gewaltsam vertrieben, und sie blockieren systematisch die Lieferung von Hilfsgütern in den Gazastreifen“, sagt Javid Abdelmoneim, internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen, der selbst als Notfallmediziner in Gaza gearbeitet hat. Mit Stand Oktober 2025 brauchen laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa 16.000 Menschen – ein Viertel davon Kinder – lebensrettende medizinische Evakuierungen aus Gaza. Das sind Patient:innen mit schweren Verletzungen durch Kugeln oder Bomben sowie solche mit Krebs oder schweren chronischen Erkrankungen wie Niereninsuffizienz. „Diese Patient:innen können nicht warten, bis das Gesundheitssystem wieder aufgebaut ist – sie brauchen heute dringend Hilfe“, so Abdelmoneim. „Zwischen Juli 2024 und August 2025 sind mindestens 740 Patient:innen – darunter 137 Kinder – gestorben, die auf ihre Evakuierung warteten. Das waren vermeidbare Todesfälle – verursacht nicht nur durch zerstörte Spitäler, sondern auch durch politische Untätigkeit.“

„Untätigkeit ist nicht zu entschuldigen.“ – Appell an Regierungen weltweit

Ärzte ohne Grenzen appelliert an die Regierungen in Österreich und weltweit, Menschen lebenswichtige Behandlungen zu ermöglichen und Leben zu retten. Gleichzeitig müssen die israelischen Behörden den Patient:innen die Ausreise zur notwendigen Behandlung erlauben – und auch ihr Recht auf Rückkehr nach Gaza gewährleisten. Abdelmoneim dazu: „Während Länder wie Ägypten, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, die Türkei und Jordanien ihren Teil der Verantwortung übernommen haben, haben andere fast nichts getan. Diese Untätigkeit ist nicht zu entschuldigen.“

Um das Ausmaß dieser Untätigkeit zu verdeutlichen, hat Ärzte ohne Grenzen ein „Medical Evacuation Leaderboard“ veröffentlicht – eine Übersicht, die die Bemühungen der Länder vergleicht, Patient:innen aus Gaza zu evakuieren. Die Daten zeigen ein deutliches Ungleichgewicht: Während einige wenige Länder tausende Patient:innen aufgenommen haben, haben viele andere Regierungen – obwohl sie dazu in der Lage wären – nur wenige oder gar keine aufgenommen.

Ärzte ohne Grenzen fordert die Regierungen in Österreich und weltweit auf,

  • den Druck aufrechtzuerhalten, um den Waffenstillstand dauerhaft sicherzustellen.
  • sicherzustellen, dass die Menschen in Gaza ausreichend humanitäre Hilfe erhalten.
  • die Zahl der medizinischen Evakuierungen aus Gaza deutlich und unverzüglich zu erhöhen – auch nach Österreich - und ihren Einfluss zu nutzen, damit Israel diese Evakuierungen nicht blockiert.
  • Patient:innen, insbesondere Kindern, die Reise gemeinsam mit ihren Betreuungspersonen zu ermöglichen.
  • den Aufbau des Gesundheitswesens in Gaza unmittelbar und langfristig zu unterstützen.