26.01.2026
Die Temperaturen in der Ukraine sind auf bis zu minus 20 Grad Celsius gesunken. Die russischen Truppen setzen ihre Angriffe auf die Energieinfrastruktur fort. Millionen Menschen haben nur eingeschränkt oder gar keinen Zugang zu Strom, Heizung und fließendem Wasser. Patient:innen und Mitarbeitende und von Ärzte ohne Grenzen leben und arbeiten unter diesen Bedingungen – teils in Häusern, die bereits durch Angriffe beschädigt wurden. Nahe der Front behandeln die Teams von Ärzte ohne Grenzen zunehmend Menschen mit Unterkühlung.

Die Mehrheit der Patient:innen von Ärzte ohne Grenzen in frontnahen Gebieten der Regionen Dnipropetrowsk, Donezk und Saporischschja ist über 50 Jahre alt und leidet an chronischen Erkrankungen. Diese werden durch die extreme Kälte in ihren Wohnungen zusätzlich verschärft.

„Heute waren wir in einem Dorf, das insgesamt nur eineinhalb Stunden Strom für den ganzen Tag hatte“, sagt der Arzt Ivan Afanasiev. „Längere Kälteeinwirkung wirkt sich besonders negativ auf Menschen mit chronischen Erkrankungen aus. Die Patient:innen haben größere Schwierigkeiten, ihren Blutzucker und Blutdruck zu kontrollieren. Personen mit Behinderungen, die sich nicht bewegen können, um sich aufzuwärmen, sind besonders gefährdet, eine Unterkühlung zu erleiden“, so Afanasiev weiter.

„Nicht nur wohnungslose Menschen sind betroffen“, erklärt Roman Horenko, Anästhesist bei Ärzte ohne Grenzen. „Durch Strom- und Heizungsausfälle können sich die Menschen auch in ihren eigenen Wohnungen nicht mehr aufwärmen. Wir haben eine ältere Frau behandelt, die nach einem Schlaganfall mehrere Tage zu Hause gelegen war. Schließlich wurde sie mit der Rettung ins Krankenhaus nach Dnipropetrowsk gebracht, wo wir sie wegen Dehydrierung und Unterkühlung versorgt haben.“

Auch die Mitarbeiter:innen von Ärzte ohne Grenzen sind von diesen Umständen betroffen. Bei einem Drohnenangriff wurden die Fensterscheiben der Wohnung von Kseniia Lipynska zerstört. Sie ist bei Ärzte ohne Grenzen für den Einkauf zuständig. „Die Drohnen griffen ein nahegelegenes Umspannwerk an, und ich sah die Flammen durch das Küchenfenster“, berichtet Lipynska. „Die Explosionen kamen immer näher. Also haben meine Eltern und ich im Flur Schutz gesucht, während unsere Fenster durch die Druckwellen zersplitterten. Wir haben die kaputten Fenster mit Brettern abgedeckt, aber das hat kaum geholfen. Jetzt dichten wir sie mit Polstern und Decken ab. Drinnen ist es so kalt, dass sich Eis an den Jalousien gebildet hat.“

Das Ausmaß der Zerstörung an Wohngebäuden ist enorm. Viele Menschen können die Geldmittel für die Reparaturen nicht aufbringen, oder verzichten darauf, weil sie wissen, dass ihre Häuser jederzeit erneut beschädigt werden können.

Auch weiter entfernt von der Front, von Winnyzja bis Kyjiw, leiden die Menschen unter den landesweiten Stromabschaltungen. Besonders in der Hauptstadt kommt es zu extremen Temperaturstürzen und langen Stromausfällen.

„Die vergangenen Wochen in Kyjiw fühlten sich mehr nach Überleben als nach Leben an“, sagt Anhelina Shchors, Kommunikationsmitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen. „Das Gefühl ständiger Kälte verfolgt uns – draußen bis zu minus 20 Grad, und keine Möglichkeit, sich zu Hause aufzuwärmen. Es fühlt sich an, als würde der Frühling nie kommen.“

Werner Reiter

Werner Reiter

Press Officer