04.05.2026
Zehn Jahre nach der Verabschiedung der Resolution 2286 durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen haben Angriffe auf medizinische Hilfe ein Rekordhoch erreicht.

Zehn Jahre nach der Verabschiedung der Resolution 2286 durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen haben Angriffe auf medizinische Hilfe ein Rekordhoch erreicht. Mehr als 80 Mitgliedstaaten, darunter Österreich, hatten sich am 3. Mai 2016 verpflichtet, medizinisches und humanitäres Personal sowie deren Infrastruktur, Transportmittel und Ausrüstung zu schützen. Ärzte ohne Grenzen fordert die internationale Staatengemeinschaft auf, dieser Verpflichtung endlich besser nachzukommen. Das gilt explizit auch für die österreichische Bundesregierung.

Allein für das Jahr 2025 meldete die Weltgesundheitsorganisation 1.348 Angriffe auf medizinische Einrichtungen, bei denen 1.981 Menschen getötet wurden. Das ist eine Verdoppelung innerhalb eines Jahres.

Insgesamt 21 Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen wurden bei 15 Angriffen in den vergangenen zehn Jahren getötet.  Im gleichen Zeitraum wurden von Ärzte ohne Grenzen 255 Sicherheitsvorfälle verzeichnet. 107-mal waren medizinische Einrichtungen betroffen, in 75 Fällen Krankenwagen. 73-mal wurde gewaltsam versucht, in Einrichtungen oder Transportmittel einzudringen. Die Zahl der Vorfälle erreichte in den vergangenen zwei Kalenderjahren ihren Höhepunkt und machte über ein Drittel der Gesamtzahl im vergangenen Jahrzehnt aus. Vorläufige Daten für 2026 deuten auf ein ähnliches Niveau wie in den beiden Vorjahren hin.

„Was einst als Ausnahme galt, ist heute zur Normalität geworden“, sagt Javid Abdelmoneim, internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen. „Wir beobachten, dass der Schutz von medizinischer Hilfe in Ländern, die sich im Krieg befinden, eklatant missachtet wird. Staaten, die sich bereits 2016 zum Schutz der medizinischen Versorgung verpflichtet haben, müssen aufhören, sich hinter Ausreden und Schuldzuweisungen zu verstecken, und handeln.“

Angriffe werden oft geleugnet oder klein geredet

In den vergangenen zehn Jahren wurden tausendfach medizinische Einrichtungen und Helfende in vielen Ländern der Welt attackiert. Besonders alarmierend ist, dass Staaten immer häufiger selbst für diese Gewalt verantwortlich sind. 2024 gingen laut der Safeguarding Health in Conflict Coalition mehr als 80 Prozent der dokumentierten Angriffe auf medizinische Versorgung auf staatliche Akteure zurück. 

Im vergangenen Jahrzehnt wurden etwa Krankenhäuser in Syrien und Jemen, in der Ukraine und in den besetzten palästinensischen Gebieten bombardiert oder beschossen. Es gab Drohnenangriffe auf ein Krankenhaus in Myanmar sowie Angriffe auf deutlich gekennzeichnete Krankenwagen in Kamerun, Haiti und im Libanon. Verantwortliche Staaten wiesen Vorwürfe häufig zurück, sprachen von Irrtümern oder erklärten den Schutzstatus der Ziele ohne Beweise für erloschen. Medizinisches Personal wird insgesamt zunehmend diskreditiert, anstatt Schutz zu genießen.

Neben dem Leid, das durch die Angriffe selbst entsteht, wenn Helfende und Patient:innen verletzt oder getötet werden, führen diese dazu, dass Gemeinden oft keine lebensrettende Versorgung mehr erhalten, da die Gesundheitsinfrastruktur nicht wieder aufgebaut wird oder humanitäre Organisationen ihre Aktivitäten aus Sicherheitsgründen einstellen.

Es braucht entschiedene Positionierung Österreichs

Mit Blick auf die Rolle Österreichs sagt Marcus Bachmann, Humanitärer Berater von Ärzte ohne Grenzen Österreich: „Es ist besorgniserregend, dass völkerrechtswidrige Angriffe weitgehend ohne Folgen bleiben. Der Schutz von medizinischen Einrichtungen, Gesundheitspersonal und Patient:innen, der im humanitären Völkerrecht verankert ist, muss durch Taten und nicht nur durch Worte gewährleistet werden. 

Österreich strebt einen Sitz im UN-Sicherheitsrat an und sollte daher das humanitäre Völkerrecht konsequent verteidigen. Dazu gehört, dass Österreich internationale Mechanismen zur Untersuchung und Ahndung von Verstößen entschlossen stärkt. Der zehnte Jahrestag der Resolution 2286 darf kein ritualisiertes Gedenken bleiben.“


Ärzte ohne Grenzen ist mit Teams in über 70 Ländern weltweit im Einsatz, darunter in den besetzten palästinensischen Gebieten, im Libanon, in der Ukraine, im Sudan und in Myanmar sowie in vielen weiteren Konflikt- und Kriegsgebieten.

Eva Hosp

Eva Hosp

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