Syrien

Geflüchtete syrische Ärzte und Ärztinnen berichten

Zwei syrische Ärzte und eine syrische Ärztin, die nach ihrer Flucht für Ärzte ohne Grenzen arbeiten, erzählen von ihrer eigenen Geschichte als Flüchtling und davon, wie sie jetzt geflohene Landsleute im Norden des Iraks behandeln. Zum Weltflüchtlingstags 2014 lassen wir sie zu Wort kommen. Es sind Ärzte, die zunächst nicht vor den Kämpfen in Syrien geflohen sind, sondern die versuchten, ihren Beruf weiter auszuüben – so lange, bis es nicht mehr ging. Obwohl sie schließlich fliehen und dabei einen großen Teil ihres bisherigen Lebens zurücklassen mussten, haben sie an ihrem ärztlichen Auftrag festgehalten. Tatsächlich konnte die Organisation in ihrer 40-jährigen Geschichte immer wieder auf Fachleute zählen, die ihre Arbeit fortsetzten, selbst nachdem sie vertrieben worden waren.

Im Flüchtlingslager Kawargosk im Norden Iraks nimmt sich Dr. Muhammed Selim eine kurze Auszeit von seinem vollen Tagesprogramm, um sich zu erinnern, wie er hierhergekommen ist. Flüchtlinge warten vor dem Sprechstundenzimmer bis sie an der Reihe sind. Muhammed Selim hatte mit eigenen Augen erlebt, wie medizinische Einrichtungen und Personal unter Beschuss kamen. Trotzdem blieb er in Syrien, um Verletzte zu behandeln, bis es auch ihm zu gefährlich wurde. So war er gezwungen, dieselbe Reise auf sich zu nehmen wie die Patienten, die er jetzt behandelt. Er ist ein Flüchtling, der andere Flüchtlinge versorgt. Muhammed Selim ist nicht der einzige. Im Gesundheitszentrum, das Ärzte ohne Grenzen in den Flüchtlingslagern Kawargosk und Darashakran im Norden Iraks leitet, zählt die Organisation auf syrische Flüchtlinge, die Fachleute sind. In den beiden Lagern sind insgesamt neun syrische Ärzte und 15 syrische Pflegefachleute im Einsatz.

 

Dr. Muhammed Selim, 41, Kawargosk Camp

 

Dr. Muhammed Selim  Bild: Karem Isaa/MSF 

Der Chirurg Muhammed Selim aus Qamishli war seit 2006 im Al-Sfireh-Distrikt, im Gouvernement Aleppo, tätig. Tagsüber arbeitete er jeweils im Regierungskrankenhaus und abends in seiner privaten Klinik.„Vor 2011 führte ich ein glückliches Leben, die Arbeit lief gut. Ich arbeitete hart, und in meiner Freizeit besuchte ich Freunde in ganz Aleppo." Doch als der Konflikt im ländlichen Aleppo ausbrach, befand sich Muhammed Selim mit seiner Klinik plötzlich inmitten von Gefechten. „Meine Klinik befand sich in der Nähe von drei strategisch wichtigen Orten, um die zahlreiche Gruppen kämpften. Ich saß acht Monate lang fest, konnte meine Klinik nicht verlassen und weder nach Aleppo noch sonst wohin gelangen. Es wimmelte nur so von Scharfschützen."„Nachdem über Al-Safirah Fassbomben abgeworfen worden waren, waren die Straßen voller Blut und abgetrennter Körperteile. Ich arbeitete bis spät in die Nacht hinein. Lieferwagen beladen mit Männern, Frauen und Kinder wurden in meine Klinik gebracht - einige Verletzte hatten Hände, Beine oder ihre Augen verloren. Unsere chirurgischen Kapazitäten waren stark eingeschränkt, wir hatten kein Narkosemittel und waren nur drei Ärzte – ich und zwei Kinderärzte –, aber die Nachbarn unterstützten uns tatkräftig."

Als wir flüchteten fielen Bomben

Die anhaltenden Kämpfe trieben die Bewohner von AlSafirah scharenweise in die Flucht. Muhammed Selim selbst rettete die Flucht das Leben. „Als wir flüchteten, fielen Bomben. An diesem Tag wurde meine Klinik getroffen und dabei zerstört."„Ich ließ mich 12 Kilometer außerhalb der Stadt nieder und richtete dort eine kleine Klinik ein. Die Versorgung mit Arzneimitteln und den benötigten Gerätschaften war zwar gut, doch ich war der einzige Arzt. Es gab kein Pflegepersonal, dafür halfen die jungen Leute in der Nachbarschaft mit. Wir arbeiteten hart, aber es wurde gekämpft und Leute wurden entführt und auch Fassbomben wurden weiterhin abgeworfen. Wir kamen von zwei Seiten unter Beschuss."

„Ich nahm mir fest vor, weiterzuarbeiten und bis zum Ende zu bleiben. Ich hatte keine Angst vor den Flugzeugen, aber ich war der einzige Kurde in dieser Gegend, und Kurden wurden gezielt angegriffen."

Zweimal nur knapp mit dem Leben davongekommen

Muhammed entschloss sich Januar 2014 zur Flucht, als die Gefahr entführt zu werden zu groß geworden war. Und einmal mehr tat er dies im letzten Augenblick. „Am Tag nach meinem Weggang wurden Fassbomben auf die medizinische Einrichtung abgeworfen. Der ganze Platz wurde zerstört. Die dort aufbewahrten Medikamente hätten genügt, um ein vollständiges Krankenhaus zu versorgen."Er erinnert sich genau an die lange und gefährliche Fahrt durch Ar-Raqqah und Al-Hasakah - an die zahlreichen Kontrollstellen, an denen er seine kurdische Identität verbergen musste, bis er endlich die Stadt Qamishli erreichte. Von hier versuchte er dreimal, die Grenze zum Irak zu überqueren, doch sie blieb geschlossen. Er musste von Qamishli aus einen elfstündigen Fußmarsch über Berge und Täler zu einem anderen Grenzabschnitt auf sich nehmen, wo es ihm schließlich gelang, Syrien zu verlassen.

Nachdem er im Flüchtlingslager Darashakran Aufnahme gefunden hatte, setzte Muhammed alles daran, weiterhin als Arzt tätig zu sein. Zwei Wochen lang arbeitete er zunächst als Maler in dem Lager. Doch an einem Tag, als er deprimiert durch das Camp ging, änderte sich für ihn alles. „Ich hatte die Hoffnung verloren, und ich war in Gedanken bei meiner Malerarbeit, als ich zufällig Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen über den Weg lief. Sie sagten mir, dass es im Lager Kawargosk eine offene Stelle gebe und dass ich mich bewerben könne. Ich hatte schon von Ärzte ohne Grenzen gehört, und ich hatte früher davon geträumt, mit dieser Organisation zu arbeiten.

Manchmal ist die einzige Behandlung, die sie brauchen, das Gespräch

Nachdem er einen schriftlichen Test und ein Bewerbungsgespräch absolviert hatte, begann Muhammed im Lager Kawargosk als Arzt für Allgemeinmedizin für Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten. „Zu arbeiten ist gut", sagt er. „Ich bin glücklich, dass ich auf meinem Gebiet tätig sein und mich mit ganzer Kraft einsetzen kann. Die Leute hier sind dankbar für unsere medizinischen Dienste und vor allem dafür, dass ich ihre Sprache und ihren Dialekt spreche. Ich kenne ihr Leiden und ihre Denkweise. Manchmal ist die einzige Behandlung, die sie brauchen, das Gespräch und nicht ein Medikament."

Muhammed lebt noch immer im Lager Darashakran und fährt jeden Tag in das 10 Kilometer entfernte Lager Kawargosk. Doch obwohl er zweimal nur knapp mit dem Leben davongekommen ist und unermüdlich für seine geflüchteten syrischen Landsleute medizinische Hilfe leistet, quält ihn sein Gewissen. „Noch heute habe ich Schuldgefühle, dass ich Syrien verlassen habe. Die Arbeit mit Ärzte ohne Grenzen ist ein gewisser Trost, aber manchmal sage ich mir, ich hätte meinem Volk besser gedient, wenn ich dort geblieben wäre, selbst wenn ich getötet worden wäre. Vielleicht hätte ich meine Pflicht besser erfüllt.

Mein Wunsch ist, dass die Krise so schnell wie möglich beigelegt wird und die Menschen nach Hause zurückkehren können."

 

DR. HAMZA ISSA, 56, DARASHAKRAN CAMP

 

Dr. Hamza Issa  Bild: Enass Abu Khalaf-Tuffaha/MSF 

Hamza Issa ist Arzt für Allgemeinmedizin und kommt aus Qamishli in Nordsyrien. 2012 arbeitete er in einem Gesundheitszentrum im ländlichen Al-Hasakah, als dieses von einer bewaffneten Gruppe angegriffen und geplündert wurde. Die Angreifer gaben ihm zu verstehen, dass er hier nicht länger medizinische Hilfe leisten könne.

"Wir versuchten, unsere Arbeit trotz der Eskalation von Gefechten zwischen den verschiedenen bewaffneten Gruppen fortzusetzen," sagt Hamza Issa, „und wir versuchten unseren Angreifern zu erklären, dass wir einen ärztlichen Eid geschworen hätten, der uns verpflichte, allen Patienten zu helfen. Doch wir richteten damit nichts aus. Die Bedrohung hielt an, wir wurden mehrere Male verhaftet und verhört."Er gab seine Arbeit im Gesundheitszentrum auf und zog in die Stadt Al-Qataniyah, wo er eine Stelle in einer Klinik antrat, doch war die Situation dort nicht viel besser.

Ich war einer von zwei Ärzten, die in der Stadt geblieben waren

"Es gab eine ganze Welle von Ärzten, die flüchteten, weil sie um ihre Sicherheit fürchteten. Ich war einer von zwei Ärzten, die in der Stadt geblieben waren, und der Druck auf uns wuchs, da wir versuchten einer großen Zahl von Verwundeten zu helfen."

Die Lage für das medizinische Personal in der Gegend blieb gefährlich, und nachdem jemand Hamza Issa informiert hatte, sein Name stehe auf einer Liste von Personen, die getötet werden sollten, entschied er sich zu fliehen - „nachdem ich versucht hatte, bis zum Äußersten auszuharren."

Hamza Issa verließ Syrien an Silvester 2013 und begann das Jahr 2014 im Irak. Er hatte von Ärzte ohne Grenzen gehört und kontaktierte uns über das Internet. Seit der Eröffnung des Projekts arbeitet er für Ärzte ohne Grenzen in Darashakran."Als syrische Kurden ist es für uns Ärzte einfacher, mit den Patienten zu kommunizieren. Wir sind bestrebt, ihnen eine hochwertige medizinische Behandlung anzubieten, von Flüchtling zu Flüchtling. Das ist unser größtes Anliegen."

 

Dr. Media Rasheed, 28, Darashakran Camp

 

Dr. Media Rasheed  Bild: Karem Issa/MSF 

Media Rashee hatte 2009 an der Universität ihr Medizinstudium abgeschlossen und war im vierten Jahr ihrer Ausbildung zur Fachärztin für Hämatologie, als sie ihre Tätigkeit abbrechen und das Land verlassen musste. Media Rashees Familie war bereits aus Damaskus geflohen, während sie in der Stadt geblieben war, um ihre Ausbildung zu beenden. Doch ihre Familie überzeugte sie davon, dass es dort für sie lebensgefährlich sei, und deshalb verließ sie Damaskus Ende Juni 2013 und ging nach Erbil. Sechs Monate war Media Rashee auf der Suche nach Arbeit, dann nahm sie eine Stelle bei Ärzte ohne Grenzen an und arbeitete als Allgemeinärztin, zunächst im Lager Kawargosk, darauf im Lager Darashakran, wo sie täglich rund 50 Patienten betreut.

Ich träumte davon, mit Ärzte ohne Grenzen in Afrika zu arbeiten

„Für mich als syrische Ärztin in einem Lager für syrische Flüchtlinge ist der Kontakt mit den Patienten nicht auf das Medizinische beschränkt. Einige Patienten haben einfach das Bedürfnis, mit mir zu sprechen. Ich höre zu, wenn sie erzählen, was sie durchgemacht haben, und spüre ihren Schmerz; vor allem sind es Menschen, die den Konflikten in der ländlichen Umgebung von Damaskus und Aleppo entkommen sind. Besonders betroffen machte mich die Geschichte einer Frau, die ihren Mann bei heftigen Gefechten in Aleppo verloren hatte und die, bevor sie flüchtete, nicht die Möglichkeit hatte, von Ihm Abschied zu nehmen und ihn zu beerdigen. Vor Ausbruch des Konflikts im Jahr 2011 hatte ich viel von Ärzte ohne Grenzen gehört. Ich erinnere mich daran, wie ich in der Schule mit meinen Freunden davon träumte, nach dem Studium mit Ärzte ohne Grenzen in Afrika zu arbeiten und die Welt zu sehen.

Aber nie im Leben hätte ich mir vorgestellt, ich würde einmal für Ärzte ohne Grenzen arbeiten und syrische Flüchtlinge behandeln. Oft habe ich Schuldgefühle, weil ich mein Land verlassen habe, da wir uns als Ärzte verpflichtet hatten, in Kriegszeiten das Land nicht im Stich zu lassen, doch die Sicherheitslage ließ uns keine andere Wahl. Wenn der Krieg zu Ende ist, werde ich noch am selben Tag nach Syrien zurückkehren."

Mehr als 225.000 syrische Flüchtlinge leben derzeit im Irak, die große Mehrheit von ihnen in der autonomen Region Kurdistan. In der Provinz Erbil, die rund 90.000 dieser Flüchtlinge beherbergt, hat Ärzte ohne Grenzen im September 2013 ein Projekt im Lager Kawargosk gestartet, ein weiteres im März 2014 im Lager Darashakran. Dort bietet die Organisation medizinische Grundversorgung und psychologische Betreuung an. Insgesamt wurden bereits mehr als 50.000 Sprechstunden abgehalten. Ärzte ohne Grenzen ist zudem in der Provinz Dohuk tätig, wo weitere 100.000 Flüchtlinge untergekommen sind. Im Lager Domiz leistet die Organisation Grundversorgung, psychologische Betreuung und Behandlungen im Bereich der Mutter-Kind Gesundheit. Mehr als 200.000 Untersuchungen wurden dort bereits durchgeführt. Im Zuge der gegenwärtigen Verschärfung des Irak-Konflikts strömen weitere vertriebene Menschen aus anderen Teilen Iraks nach Kurdistan, und die Bedürfnisse nehmen weiter zu. Ärzte ohne Grenzen ist mit mobilen Kliniken unterwegs und evaluiert weitere Möglichkeiten, um den vertriebenen Menschen zu helfen.

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