24.09.2025
Mehr als 15.800 Patient:innen, darunter mindestens 4.500 Kinder, mit schweren Erkrankungen oder komplizierten Verletzungen brauchen dringend medizinische Versorgung, die sie in Gaza nicht bekommen können. Aber es gibt zu wenige Länder, die die Behandlungen übernehmen wollen. Österreich hat bislang noch keine Patient:innen aufgenommen. Die medizinischen Kapazitäten sind vorhanden. Es fehlt nur am politischen Willen.

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Nach zwei Jahren Krieg in Gaza ist das Gesundheitssystem kaum noch funktionsfähig. Mit der Offensive in Gaza-Stadt verschlimmert sich die Lage weiter. Mehr als die Hälfte der Spitäler musste bereits schließen, die übrigen sind – nicht zuletzt wegen gezielter Angriffe – am Limit. Es fehlt an Medikamenten, an medizinischem Material und Ersatzteilen für medizinische Geräte – vor allem für kompliziertere Fälle. 

Mehr als die Hälfte der Krankenhäuser in Gaza ist bereits außer Betrieb, die übrigen sind aufgrund gezielter Angriffe des israelischen Militärs am Limit. Die Bettenauslastung liegt bei 300 Prozent im Al-Ahli-Spital, bei 240 Prozent im Schifa-Spital und bei 210 Prozent im Rantissi-Spital. Als Folge der aktuellen Eskalation in Gaza-Stadt sind weitere zumindest noch teilweise funktionierenden Spitäler und Gesundheitseinrichtungen von der Schließung bedroht oder bereits geschlossen. Die Gesundheitsbehörden melden, dass es bei mehr als der Hälfte der essenziellen Medikamente keinen Vorrat mehr gibt.  Ärzte ohne Grenzen unternimmt alles, um Patient:innen bestmöglich zu versorgen. Marcus Bachmann, humanitärer Berater von Ärzte ohne Grenzen Österreich beschreibt die Umstände, unter denen das geschieht: „Besonders bedrückend ist, dass wir viele Patient:innen nicht einmal so behandeln können, wie es die Regeln der ärztlichen Kunst vorsehen. Es fehlt an Narkosemitteln, es fehlt an Schmerzmitteln, es fehlt an Antibiotika. Wir müssen Verbandswechsel bei Menschen mit sehr großflächigen Verbrennungen, ohne Schmerzmittel oder ohne ausreichende Schmerzmittel durchführen, was eine Tortur für sie ist. Manchmal müssen wir lebensrettende Operationen ohne Narkose durchführen, weil uns einfach die Mittel fehlen.“ 

Medizinische Evakuierungen als letztes Mittel

Marcus Bachmann ist selbst regelmäßig als Einsatzleiter tätig. „Für uns ist immer das erste Mittel der Wahl, die Gesundheitsversorgung für die Menschen an Ort und Stelle sicherzustellen. Wenn das nicht mehr möglich ist, hat Ärzte ohne Grenzen die Verpflichtung, den Betroffenen andere Möglichkeiten zu eröffnen.“ Menschen mit schweren Schussverletzungen, die ihnen bei den Ausgebestellen für Nahrungsmittel zugefügt wurden, brauchen neurochirurgische Eingriffe oder Operationen an der Lunge. Diese sind in Feldspitälern nur eingeschränkt oder gar nicht möglich. Für Menschen mit Krebsdiagnosen gibt es in Gaza keine Behandlungsmöglichkeiten. Besonders tragisch ist das für Kinder, die an Leukämie erkrankt sind. An sich ist Leukämie meist gut behandelbar, aber weder Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen, noch das verbliebene öffentliche Gesundheitssystem haben die Möglichkeiten dazu. Ähnlich ist die Situation für Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen, Herzinsuffizienz oder Niereninsuffizienz. Menschen, die dialysepflichtig sind, bekommen keine Behandlung im Gazastreifen.

Mangelnde Aufnahmebereitschaft außerhalb der Region

Der Bedarf an medizinischen Evakuierungen ist enorm. COGAT, die Behörde, die für die Verwaltung der besetzten Gebiete zuständig ist, zeigt Bereitschaft, welche zu genehmigen. „Der Engpass sind jetzt tatsächlich Länder, die nicht bereit sind, medizinische Behandlungskapazitäten für Menschen aus Gaza zur Verfügung zu stellen“, betont Bachmann. Die Länder in der Region haben bei weitem die größte Anzahl an Patient:innen aufgenommen. Sie leisten, was sie können, kommen dabei aber an ihre Limits. Bislang haben nur neun Länder der EU jeweils eine kleine Anzahl an Patient:innen aufgenommen. Insgesamt sind es nur etwa 300. In Österreich wird keine einzige Person behandelt. Bachmann ist sicher: „Dabei hätten wir Kapazitäten und auch entsprechend spezialisierte Krankenhäuser.“

Österreich muss sich solidarisch zeigen

„Auf der Liste für die medizinisch notwenigen Evakuierungen befinden sich Menschen, die in lebensbedrohlichen Zuständen sind und innerhalb sehr kurzer Zeit behandelt werden müssen, ansonsten überleben sie nicht“, schildert Marcus Bachmann den Ernst der Lage. „Österreich muss hier endlich handeln. Medizinische Evakuierungen nach Österreich ließen sich rasch umsetzen und wären sofort wirksam. – Die aktuell geforderte Behandlung der Patient:innen im Westjordanland oder in Ost-Jerusalem ist deutlich schwieriger umzusetzen und de facto unrealistisch. Für eine Gesellschaft, die sich einen Rest an Solidarität und an Humanität bewahren möchte, ist es nicht hinnehmbar, dass Menschen ihr Leben verlieren, weil sie nicht behandelt werden können. Jede einzelne Evakuierung macht einen bedeutenden Unterschied - für die Betroffenen selbst, für ihre Angehörigen und letztlich für unsere Gesellschaft.“

Werner Reiter

Werner Reiter

Press Officer