11.09.2025
Gaza-Stadt steht vor einer humanitären Katastrophe. Die jüngste Offensive der israelischen Streitkräfte drängt Menschen an den Rand des Abgrunds und bedroht den Fortbestand des ohnehin schon zusammenbrechenden Gesundheitssystems.

Ärzte ohne Grenzen warnt: Es ist schlicht unmöglich, eine Million Menschen – darunter hunderte schwerkranke Patient:innen und Neugeborene – aus Gaza-Stadt in überfüllte und unterversorgte Gebiete im Zentrum und Süden des Gazastreifens umzusiedeln. Das ist ein Todesurteil für eine Million Menschen.

In Gaza-Stadt sterben aktuell hunderte Palästinenser:innen durch das unerbittliche Bombardement und die vorrückenden israelischen Streitkräfte. Menschen werden aus ihren Häusern und Notunterkünften vertrieben – oft mehrmals. Dies folgt einem Muster der völligen Zerstörung, wie es Teams von Ärzte ohne Grenzen bereits in Rafah beobachtet haben. „Einige unserer Kolleg:innen wurden seit 2023 mehr als elf Mal vertrieben“, sagt Jacob Granger, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in Gaza.

Die provisorischen Unterkünfte, in die Überlebende fliehen müssen, bieten kaum Sicherheit. Auch dort gehen die Bombardierungen weiter. Schätzungsweise eine Million Vertriebene drängen sich jetzt auf nur 15 Prozent der Fläche von Gaza. Die Lage verschärft sich, da fast 90 Prozent der Wasser- und Abwassersysteme zerstört sind. „Ärzte ohne Grenzen verteilt weiterhin Wasser in der Stadt, es gibt aber keine Reserven. Wenn die israelischen Streitkräfte die Aufbereitung und Verteilung von Trinkwasser verhindern, werden die Menschen innerhalb der nächsten Tage sterben“, so Granger. Krankheiten wie akuter Durchfall breiten sich unter den unhygienischen Lebensbedingungen aus.

Gesundheitssystem bricht zusammen

Israels Offensive zielt auf die Zerstörung der Gesundheitsversorgung Gazas ab. Mehr als die Hälfte der Spitäler ist bereits außer Betrieb; die übrigen sind aufgrund gezielter Angriffe am Limit. Die Bettenauslastung liegt bei 300 Prozent im Al-Ahli-Spital, bei 240 Prozent im Schifa-Spital und bei 210 Prozent im Rantissi-Spital. Als Folge der aktuellen Eskalation in Gaza-Stadt sind 11 von 18 der zumindest noch teilweise funktionierenden Spitäler im Gazastreifen sowie weitere Gesundheitseinrichtungen von der Schließung bedroht. Die Gesundheitsbehörden melden, dass es bei mehr als der Hälfte der essenziellen Medikamente keinen Vorrat mehr gibt.

Medizinisches Personal hat wiederholt Angriffe erlebt. Mitarbeitende von Gesundheitseinrichtungen wurden getötet, festgenommen oder bedroht, darunter ein Mediziner von Ärzte ohne Grenzen, der ohne formelle Anklage weiter in Haft sitzt. In den von der Hilfsorganisation unterstützten Einrichtungen in Gaza-Stadt werden immer mehr Verletzte mit immer schwereren Wunden behandelt. Patient:innen, die Intensivpflege brauchen, laufen Gefahr zu sterben, wenn sie aus Spitälern evakuiert werden müssen, weil diese schließen.

Aushungern als Politik

Die Belagerung hat eine Hungersnot ausgelöst: Einschränkungen bei der Versorgung mit Lebensmitteln, sauberem Wasser, Medikamenten und Hilfslieferungen lassen die Raten akuter Mangelernährung in die Höhe schnellen. Zivilist:innen, die verzweifelt an Ausgabestellen auf Hilfe warten, sind tödlicher Gewalt ausgesetzt – monatelang mussten die Kliniken von Ärzte ohne Grenzen regelmäßig auf einen Massenanfall von Verletzten reagieren, ausgelöst durch Schüsse bei Lebensmittelausgaben der GHF.

Bodenoperationen müssen sofort gestoppt werden

Die israelischen Streitkräfte wollen Palästinenser:innen aus Gaza-Stadt vertreiben – durch Genozid, ethnische Säuberung und unerträgliche Lebensbedingungen. Es gibt keinen sicheren Ort für die Bevölkerung. Die völlig unzureichenden Hilfslieferungen kommen über Routen, die für Zivilist:innen extrem gefährlich sind. Die Zerstörung kritischer Infrastruktur erfolgt fortlaufend und absichtlich.

Ärzte ohne Grenzen fordert das sofortige Ende der Evakuierungsbefehle als Mittel der Zwangsvertreibung, einen dauerhaften Waffenstillstand und die Einfuhr humanitärer Hilfsgüter in großem Ausmaß. Die Hilfsorganisation fordert erneut den Schutz medizinischer Einrichtungen und die koordinierte Bewegung humanitärer Akteure. Die systematische Zerstörung einer ganzen Stadt und Bevölkerung muss enden. Ärzte ohne Grenzen ruft die Verbündeten Israels auf, Waffenlieferungen an Israel sofort zu stoppen und den Druck zu erhöhen, um die Offensive zu beenden. Ohne sofortiges, entschlossenes Eingreifen droht Gaza die vollständige Vernichtung.

Werner Reiter

Werner Reiter

Press Officer