03.07.2025
Kriegsparteien verüben systematisch schwerste Verbrechen an der Zivilbevölkerung in und um El Fasher in der sudanesischen Region Nord-Darfur. Das zeigt der heute veröffentlichte Bericht „Besieged, Attacked, Starved“ („Belagert, Angegriffen, Ausgehungert“) von Ärzte ohne Grenzen.

Die medizinische Hilfsorganisation ruft die Konfliktparteien eindringlich dazu auf, umgehend die anhaltende und ethnisch motivierte Gewalt zu beenden und dringend benötigte humanitäre Hilfe in großem Umfang zu ermöglichen. Besonders besorgt ist Ärzte ohne Grenzen wegen der möglichen umfassenden Offensive gegen El Fasher mit Hunderttausenden Einwohner:innen, denen weitere Gewalt droht.

Der bewaffnete Konflikt im Sudan dauert nun schon seit April 2023 an. Seit Mai des Vorjahres wird er noch intensiver geführt. Zivilpersonen sind die Hauptleidtragenden. Der neue Bericht beschreibt die verzweifelte Lage der Menschen in und um El Fasher, die dringend eine Reaktion erfordert.

„Die Menschen sind nicht nur zwischen den Fronten schwerer Kämpfe zwischen den Rapid Support Forces (RSF) und den Sudanese Armed Forces (SAF) samt ihren jeweiligen Verbündeten gefangen – sie werden auch gezielt von den Rapid Support Forces und deren Verbündeten angegriffen, insbesondere aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit“, erklärt Michel Olivier Lacharité, Leiter der Notfallhilfe von Ärzte ohne Grenzen.

Der Bericht dokumentiert systematische Muster von Gewalt: Plünderungen, Massenmorde, sexualisierte Gewalt, Entführungen, Verweigerung des Zugangs zu Nahrungsmitteln sowie Angriffe auf Märkte, Gesundheitseinrichtungen und andere zivile Infrastrukturen. Er basiert auf Daten, die Ärzte ohne Grenzen erhoben hat, direkten Beobachtungen sowie über 80 Interviews mit Patient:innen und Vertriebenen aus El Fasher und Samsam, dem nahegelegenen Lager für Binnenvertriebene, die zwischen Mai 2024 und Mai 2025 geführt wurden. 

Auch die Folgen der groß angelegten Offensive der RSF und ihrer Verbündeten auf das Geflüchtetenlager Samsam vom April 2025 werden im Bericht dokumentiert. In weniger als drei Wochen flohen schätzungsweise 400.000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen. Ein großer Teil der Lagerbevölkerung suchte Zuflucht in El Fasher, wo die Menschen seither eingeschlossen sind, keine humanitäre Hilfe erhalten und weiterer Gewalt ausgesetzt sind. Zehntausende flohen weiter in das etwa 60 Kilometer entfernte Tawila, oder über die Grenze in den Tschad, wo die Teams von Ärzte ohne Grenzen Hunderte Überlebende medizinisch versorgten.

„Wir sahen uns verpflichtet, die anhaltenden Muster der Gewalt zu dokumentieren, die seit mehr als einem Jahr unzählige Leben zerstören – weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit“, sagt Mathilde Simon, humanitäre Beraterin bei Ärzte ohne Grenzen.

„Angesichts der ethnisch motivierten Massenverbrechen an der Masalit-Bevölkerung in West-Darfur im Juni 2023 und der Massaker im Lager Samsam in Nord-Darfur befürchten wir eine Wiederholung dieses Szenarios in El Fasher. Diese Welle der Gewalt muss gestoppt werden“, fordert Simon. Zahlreiche Zeug:innen berichten, dass RSF-Kämpfer:innen von Plänen sprachen, El Fasher von seiner nicht-arabischen Bevölkerung „zu säubern“. 

Seit Mai 2024 belagern RSF und Verbündete El Fasher, das Lager Samsam und weitere umliegende Orte. Die betroffenen Gemeinden sind seither von Nahrung, Wasser und medizinischer Versorgung abgeschnitten – mit dramatischen Folgen: Die humanitäre Hilfe ist massiv eingeschränkt, die Ausbreitung von Mangelernährung wurde beschleunigt.

Wiederholte Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen zwangen Ärzte ohne Grenzen im August 2024 zur Einstellung medizinischer Aktivitäten in El Fasher und im Februar 2025 im Lager Samsam. Allein im Mai 2024 kam es zu mindestens sieben dokumentierten Angriffen auf von Ärzte ohne Grenzen unterstützte Gesundheitseinrichtungen in El Fasher – durch Artilleriebeschuss, Luftangriffe oder Schusswaffen, ausgeführt von allen Konfliktparteien.

Dringender Appell zur Einhaltung humanitären Völkerrechts

Ärzte ohne Grenzen fordert alle Konfliktparteien eindringlich auf, die Zivilbevölkerung zu schützen und ihre Verpflichtungen gemäß dem humanitären Völkerrecht einzuhalten. Die RSF und deren Verbündete müssen sofort alle ethnisch motivierten Übergriffe auf nicht-arabische Gemeinschaften beenden, die Belagerung von El Fasher aufheben und sichere Fluchtwege für Zivilpersonen ermöglichen. Humanitären Organisationen muss uneingeschränkter Zugang zu El Fasher und Umgebung gewährt werden, um dringend benötigte Hilfe zu leisten. Internationale Akteur:innen, UN-Institutionen, Mitgliedsstaaten der UN und Staaten, die die Konfliktparteien unterstützen, müssen jetzt handeln und Druck ausüben, um weitere Gewalt gegen die Zivilbevölkerung zu verhindern und humanitäre Hilfe zu ermöglichen. Bislang wurden die jüngsten einseitigen Ankündigungen eines möglichen lokalen Waffenstillstands nicht in konkrete Taten vor Ort umgesetzt – jetzt läuft die Zeit davon.

Stimmen von Augenzeug:innen

Wahllose Luftangriffe

Eine 50-jährige Frau schildert: „Die SAF bombardierte unser Viertel versehentlich und kam danach, um sich zu entschuldigen. Die SAF warf Bomben auf Wohngebiete, obwohl dort keine RSF waren – ich habe das an verschiedenen Orten gesehen.“

Gewalt gegen Angehörige der Zaghawa-Gemeinschaft

Viele Zeug:innen berichten von gezielten Übergriffen auf Menschen der Zaghawa-Gemeinschaft. „Niemand konnte El Fasher verlassen, wenn er oder sie sagte, Zaghawa zu sein“, erzählt eine vertriebene Frau. Ein anderer Mann berichtet: „Die RSF und ihre Verbündeten fragten die Leute, ob sie Zaghawa seien. Wenn ja, wurden sie getötet.“

An der Flucht gehindert

„Sie ließen nur Mütter mit Kleinkindern unter fünf Jahren durch“, erinnert sich eine Frau an ihre Flucht nach Ost-Tschad. „Andere Kinder und erwachsene Männer kamen nicht durch. Männer über fünfzehn haben kaum eine Chance, die Grenze zu überqueren. Sie nehmen sie mit, drängen sie zur Seite – dann hört man nur noch Schüsse. Das bedeutet, dass sie tot sind, dass sie getötet wurden. […] Fünfzig Familien waren mit mir unterwegs. Kein einziger junger Mann über 15 war dabei.“

Katastrophale Ernährungssituation

„[Vor drei Monaten] in Samsam hatten wir manchmal drei Tage die Woche nichts zu essen“, berichtet ein Mann. „Kinder sind an Mangelernährung gestorben. Wir aßen Ambaz* wie alle – eigentlich wird das für Tiere verwendet“, erzählt eine vertriebene Frau. „Samsam war komplett abgeriegelt“, erklärt ein anderer. „Die Brunnen funktionierten mit Diesel – aber es gab keinen. Also funktionierte kein einziger Brunnen mehr. Wasser war extrem knapp und sehr teuer.“

*Pressrückstand aus gemahlenen Erdnüssen zur Ölgewinnung

Sudan „Besieged, Attacked, Starved“

Mass Atrocities in El Fasher and Zamzam, Sudan
Der Bericht im englischen Original

Werner Reiter

Werner Reiter

Press Officer