18.06.2026
Nach einer militärischen Offensive Anfang März waren die Bewohner:innen der Stadt Akobo im Bundesstaat Jonglei über die Grenze nach Äthiopien geflohen, wo sie keinerlei humanitäre Hilfe erhielten. Mittlerweile haben bewaffnete Oppositionsgruppen die Stadt wieder eingenommen und mehr als 100.000 Menschen sind zurückgekehrt. Sie haben eine völlig zerstörte Stadt vorgefunden. Ärzte ohne Grenzen leistet medizinische Nothilfe in Akobo.

In Akobo ist das Gesundheitssystem völlig zusammengebrochen: Alle 15 Gesundheitseinrichtungen in der Stadt und im näheren Umkreis wurden geplündert und aufgegeben. Die Kühlvorrichtungen wurden zerstört, sodass keine Impfungen mehr durchgeführt werden konnten.

„Die humanitäre Hilfe in Akobo bleibt trotz wiederholter Appelle und hochrangiger Zusagen weit hinter dem tatsächlichen Bedarf zurück“, sagt Jacob Granger, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Akobo. „Geldgeber:innen und humanitäre Organisationen müssen ihre Maßnahmen dringend massiv ausweiten. Die Menschen brauchen Wasser- und Sanitärversorgung, Nahrungsmittelhilfe, die vollständige Wiederherstellung des Akobo Teaching Hospital sowie Schutzmaßnahmen - einschließlich der Verteilung von Moskitonetzen – bevor die Malariasaison ihren Höhepunkt erreicht. Die Rückkehr von Ärzte ohne Grenzen hat zwar dazu beigetragen, lebenswichtige Versorgung wiederherzustellen, aber das reicht allein nicht aus“, so Granger.

Das Akobo Teaching Hospital wurde vollständig geplündert und ohne Strom, Treibstoff, Betten, medizinische Ausrüstung oder lebenswichtige Medikamente zurückgelassen. Als Ärzte ohne Grenzen am 11. Mai die Arbeit im Krankenhaus wiederaufnahm, hatte das Team einen großen Ansturm von Patient:innen zu bewältigen. In den ersten fünf Tagen wurden über 600 Patient:innen behandelt, und bis zum 14. Juni wurden 684 Patient:innen in dem Krankenhaus aufgenommen, das nur 30 Betten hat. Bis zum heutigen Tag hat Ärzte ohne Grenzen 5.106 ambulante Behandlungen durchgeführt und 30 Geburten begleitet. Die Zahl der Behandlungen an einem einzigen Tag entspricht inzwischen dem, was das Krankenhaus vor dem Konflikt in einer ganzen Woche geleistet hat.

Akobo steht vor Hungersnot

Die Ernährungssituation wird derzeit als Stufe 5 der Integrierten Klassifikation der Ernährungssicherheit (IPC) eingestuft. Damit steht Akobo unmittelbar vor einer Hungersnot. Monate ohne funktionierende Gesundheitsversorgung haben verheerende Auswirkungen auf Kinder: Zwischen 11. Mai und 14. Juni waren 36 Prozent der Kinder im Alter von 6 bis 59 Monaten, die bei Behandlungen in der Einrichtung von Ärzte ohne Grenzen untersucht wurden, mangelernährt. 15 Prozent davon hatten schwere akute Mangelernährung.

„Seit Beginn der Aktivitäten und bis Anfang Juni schliefen alle Patient:innen – auch Schwangere – auf dem Boden“, sagt Elizabeth Nyachin Koang, Hebamme von Ärzte ohne Grenzen in Akobo. „Wir haben nicht mehr die Ausrüstung, die wir früher zur gesundheitlichen Überwachung von Schwangerschaften genutzt haben. Wir können nicht mehr richtig beurteilen, wie sich ein Baby entwickelt oder ob es ihm im Mutterleib gut geht. Frauen bringen ihre Kinder unter sehr schwierigen Bedingungen zur Welt. Wir tun alles, was wir können, aber wir haben einen Großteil der Ausrüstung verloren, die uns eine bessere Versorgung ermöglicht hat.“

Verletzte und chronisch Kranke ohne Behandlung

Verletzte hatten oft wochenlang keine Behandlung bekommen, Therapien von Patient:innen mit chronischen Erkrankungen wie HIV waren unterbrochen worden, und Familien mussten sich von Blättern und Früchten ernähren.

Mangel an sauberem Wasser erhöht Krankheitsrisiko

Der Zusammenbruch der Wasser- und Sanitärversorgung hat das Risiko für Krankheitsausbrüche enorm erhöht – seit Februar breitet sich Cholera im Bundesstaat Jonglei aus. Vor dem Konflikt versorgten 17 Wassertürme und 35 Bohrbrunnen Akobo über ein unterirdisches Netzwerk – alle wurden im Krieg zerstört oder geplündert. Heute sind nur noch acht Handpumpen funktionsfähig – ausreichend für etwa 5.000 Menschen von über 100.000.

UN-Organisationen haben Nahrungsmittelverteilungen eingeleitet und verteilen Zusatznahrung für Kinder, Schwangere und stillende Frauen. Insgesamt reichen die Maßnahmen aller Organisationen nicht aus und entsprechen nicht der Dringlichkeit der Lage. Ärzte ohne Grenzen fordert daher eine systematische Ausweitung der humanitären Hilfe für die Menschen in Akobo.

Werner Reiter

Werner Reiter

Press Officer