Kommentar von Marcus Bachmann
04.04.2024
Die Mitglieder der WHO – darunter auch Österreich - verhandeln gerade über einen Pandemievertrag. Marcus Bachmann, humanitärer Berater bei Ärzte ohne Grenzen, erklärt die Bedeutung des Vertrags und warum es globale Lösungen zur Bekämpfung von Pandemien braucht.

Eines hat uns die COVID-19-Pandemie klar gezeigt: Der Zugang zu lebensrettenden medizinischen Produkten ist global ungleich verteilt. Menschen in humanitären Krisengebieten im globalen Süden haben oft keinen oder einen unzureichenden Zugang zu Impfstoffen, Medikamenten, Diagnostika und Schutzausrüstungen.  

Als Ärzte ohne Grenzen haben wir diese Ungerechtigkeit hautnah erlebt. In Ländern wie Indien, Malawi und Südafrika sind Menschen, während der COVID-19-Pandemie gestorben, weil es an medizinischen Produkten sowie grundlegenden medizinischen Gütern wie Sauerstoff und Schutzausrüstung mangelte. Ich selbst habe in Nigeria erlebt, wie im März 2021 die ersten COVID-19 Impfstoffdosen eingetroffen sind. Das war vier Monate später als in den Industrieländern des globalen Nordens - wie auch in Österreich - und in geringer Menge.

Nur ein Prozent der Bevölkerung konnte damit immunisiert werden.

Eine Studie zeigt, dass allein im ersten Jahr der Verfügbarkeit von COVID-19 Impfstoffen mehr als eine Million Todesfälle im Globalen Süden hätten vermieden werden können, wenn Impfstoffe gerechter verteilt worden wären.

Diese Ungerechtigkeit hat Auswirkungen auf das globale Gesundheitssystem. Denn eine Pandemie kann nur enden, wenn sie weltweit besiegt wird. 

Der Pandemievertrag: Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft

Die Mitglieder der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verhandeln derzeit über einen wegweisenden Vertrag zur Pandemieprävention, -vorsorge und -bekämpfung: den Pandemievertrag. Dieser Vertrag soll ein rechtsverbindliches Instrument schaffen, um Pandemien besser vorzubeugen und schnell und bedarfsgerecht darauf reagieren zu können. 

Für uns ist der Pandemievertrag nicht nur ein juristisches Dokument, sondern eine Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft. Es ist eine Möglichkeit, die globale Gesundheit nach Bedarf der Patient:innen und nicht primär nach den Profitinteressen von Pharmaunternehmen zu gestalten. 

Solidarität vs. Eigeninteresse

Trotz dieser Hoffnungen gibt es bei diesen Verhandlungen über den Pandemievertrag einige Knackpunkte. Besonders die gerechte Verteilung von medizinischen Produkten wie Diagnostika, Medikamenten und Impfstoffen stellt eine Herausforderung dar. 

Werden die reichen Länder beim nächsten Ausbruch einer Pandemie bereit sein, das Wissen und die Technologie zu teilen, die für die Produktion dieser lebenswichtigen Ressourcen benötigt werden? Oder werden weiterhin die Interessen von Pharmaunternehmen über die Bedürfnisse der Menschen gestellt? 

Österreich als Mitglied der EU trägt die Verantwortung, sicherzustellen, dass die Verhandlungen über den Pandemievertrag auf der Grundlage von Solidarität und Gerechtigkeit geführt werden.

Es ist an der Zeit, dass Österreich seine Verantwortung wahrnimmt und sich für eine gerechtere und solidarischere Welt einsetzt. 

Ein Aufruf zur Handlung

Die COVID-19-Pandemie hat uns gezeigt, dass wir nur gemeinsam gegen globale Gesundheitskrisen vorgehen können. Der Pandemievertrag bietet die Chance, einen wichtigen Schritt in Richtung einer gerechteren und solidarischeren globalen Gesundheitsversorgung zu gehen. 

Es liegt an uns allen, sicherzustellen, dass diese Chance genutzt wird und echter Wandel stattfindet, der auf den Bedürfnissen der Menschen basiert, nicht auf Profitaussichten für Pharmaunternehmen.