Chirurg Micheal Rösch arbeitet seit 2008 mit Ärzte ohne Grenzen in verschiedensten Ländern weltweit. Aber noch nie hat ihn ein Einsatz in ein Land gebracht, über das er selbst vorher so wenig wusste.
Kommentar von Michael Rösch
15.01.2024

Micheal Rösch in der Zentralafrikanischen RepublikUnd wieder einmal bin ich mit Ärzte ohne Grenzen auf Einsatz, diesmal in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Wie üblich schreibe ich einen kleinen Bericht, über das was ich hier sehe und erlebe. Diesmal - oder war es bisher jedes Mal so - erscheint es mir besonders wichtig, darüber zu berichten. 

Denn erstmals arbeite ich in einem Land, von dem ich bisher gar nichts wusste. Auch kann ich mich in Jahren an keinen Medienbericht über die Zentralafrikanische Republik erinnern. Ich nehme an, ich bin mit meiner Unwissenheit nicht ganz allein. 

Bürgerkrieg seit über 10 Jahren

Als ich mich im Internet nach der Impfempfehlung für die Zentralafrikanisch Republik umsehe, erscheint immer nur eine Empfehlung: Nicht hinfahren - Achtung Reisewarnung! Auf Wikipedia war dann etwas Erfreuliches zu lesen. Es gibt hier noch Flachlandgorillas und Waldelefanten. Leider ist dies das einzig Positive, das ich über dieses Land im Internet finden konnte. 

Seit 2012 herrscht Bürgerkrieg, verschiedene Rebellengruppen bekämpfen den amtierenden Präsidenten. Dieser hält die Hauptstadt, kleinere Städte und die Verbindungswege zu den wichtigen Mienen, in denen Uran, Diamanten und Gold abgebaut werden. Dazwischen ist Rebellengebiet, niemand weiß so recht, wie es den Menschen dort ergeht. 

Da Bangui derzeit nicht angegriffen wird, ist die Lage hier ruhig und für uns sicher. Nach der Arbeit können wir in der Gruppe einkaufen und in bestimmte Restaurants gehen. Vor und im Spital höre ich viele Menschen lachen und sobald irgendwo Musik erklingt, beginnen Hüften zu schwingen und man sieht sogar Patient:innen im Tanzschritt durch die Gänge gehen. 

Kein Geld für Behandlungen und Medikamente

Ich arbeite im Hopital Sica, ein Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen mit derzeit 70 Betten und zwei OPs. Versorgt werden allgemeinchirurgische Notfälle und offene Frakturen. Wir sind das einzige Spital in Bangui, das gratis medizinische Versorgung anbietet. In allen anderen Spitälern müssen die Menschen eine Aufnahmegebühr bezahlen und dann die Medikamente für die Behandlung in der Apotheke kaufen. 

Micheal Rösch im OP
Michael Rösch / MSF

Micheal Rösch im OP

Die Bevölkerung Zentralafrikas zählt zu den Ärmsten der Welt. 

Nur wenige können sich eine Behandlung leisten. Wer kein Geld hat, bleibt zu Hause und stirbt an Erkrankungen, die bei uns schon lange als Bagatellen gelten. Eine Blinddarmentzündung ist hier eine Todesursache. 

„Die Welt scheint nichts davon zu hören“

Jedes Mal, wenn ich im Krankenhaus zu einem Notfall gerufen werde, ist alles sehr ruhig. Auch Patient:innen mit großen Schmerzen klagen wenig. Und die, für die unsere Hilfe zu spät kommt, machen lautlos die Augen zu. 

Irgendwie habe ich den Eindruck, hier im Herzen Afrikas wird viel gelacht, still gelitten und lautlos gestorben. 

Die Welt scheint davon nichts zu hören. 

Die meisten Verletzungen werden hier durch Mopedunfälle verursacht. Da nur drei Prozent der Straßen in Zentralafrika asphaltiert sind, wird es mit dem Moped in der Regenzeit recht gefährlich. Im Vergleich zu Haiti, wo ich vorher im Einsatz war, gibt es hier aber weniger Schussverletzungen.

Trotzdem sind über 30 Prozent unser Patient:innen Gewaltopfer. 

Als das Telefon explodiert …

Zur Zeit meiner Ankunft in Zentralafrika haben in einer kleinen Stadt, rund 400 km nördlich von Bangui, drei Jugendliche in der Nähe einer Militärbasis einen großen Plastiksack gefunden. Dieser war gefüllt mit Mineralwasserflaschen, Plastikspielzeug und einem Telefon. Mineralwasser ist in Zentralafrika ein Luxusartikel. 

Deshalb wollten die Burschen die Flaschen verkaufen und haben den Sack zum Stand einer Wasserverkäuferin geschleppt. Dort angekommen, flog das Telefon in die Luft. Es war eine Bombe. Alle vier, die Verkäuferin und die drei Jugendlichen haben überlebt und wurden vier Tage später zu uns ins Hopital Sica gebracht. 

Seither ist fast kein Tag vergangen, an dem ich nicht einen von ihnen im OP behandelt habe. Ihre Beine waren schwer verletzt. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass sie alle gehfähig bleiben. Vor einer Woche war ich das nicht. 

Die Geschichte hat mir der Jüngste der Gruppe, ein 15-Jähriger, erzählt. Er hat den Sack getragen und dabei die halbe Hand verloren. Zudem musste ich ihm auch einen Vorfuß amputieren. 

In den Medien findet man solche Geschichten nicht. 

Das Richtige tun

Das Team des Hopital Sica in BanguiIch erzähle diese Geschichte nicht nur, um den Menschen hier symbolisch eine Stimme zu geben. Ich erzähle sie auch für mich selbst. Ich erzähle sie, um mir wieder einmal zu beweisen, dass ich hier mit Ärzte ohne Grenzen am rechten Ort bin und das Richtige tue.

Michael Rösch ist orthopädischer Chirurg und war seit 2008 sieben Mal im Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen.