23.02.2026
Kateryna und Damir, Zinaida und Liubov leben in einer Notunterkunft in Dnipro, nachdem sie ihr Zuhause verlassen mussten. Sie erzählen von Krieg, Vertreibung und der Trennung von ihren Familien.

Damir ist zwei Monate alt. Seine Mutter, Kateryna Murashkina, ist 17. Seit seiner Geburt wurde er zwei Mal gebadet – einmal im Krankenhaus und einmal an einem der wenigen Tage, an denen der Strom kurz funktioniert hat. „Wir benutzen Feuchttücher, weil es sehr kalt ist“, erzählt sie.

 

Der Raum wird nicht warm genug, um ihn zu baden. Ich habe Angst, dass sich mein Kind verkühlt.

Kateryna Murashkina

Kateryna und Damir leben in einem ehemaligen wissenschaftlichen Institut in Dnipro, das 2022 zu einer Notunterkunft umfunktioniert wurde. Etwa 270 Menschen aus besetzten Gebieten oder zerstörten Städten leben dort. Unsere Teams bieten den Bewohner:innen medizinische Beratungen an.

4-Year Mark Full Scale War
Julia Kochetova
Kateryna mit ihrem zwei Monate alten Sohn Damir. Ihr Bruder und ihre Mutter leben ebenfalls in der Notunterkunft.

Immer wieder gibt es russische Angriffe auf die Energieinfrastruktur. Dadurch gibt es oft tagelang keine Heizung, Wasser oder Strom – bei Temperaturen bis zu minus 20 Grad. Der Bedarf an humanitärer Hilfe ist enorm und steigt weiter an. Unsere Teams haben 2025 über 9.500 Patient:innen versorgt – mehr als doppelt so viele wie im Jahr davor.

Die schwere Entscheidung, zu fliehen

Menschen, die an der Front leben, überlegen lange, ob sie ihr Zuhause verlassen. Die Entscheidung ist äußerst schwierig und braucht Zeit – auch wenn die Kämpfe immer näher rücken. Vor allem Menschen mit chronischen Krankheiten, wenigen finanziellen Mitteln und ältere Menschen bleiben oft so lange in ihren Häusern, bis sie keine andere Wahl mehr haben. Anhaltender Beschuss, der Zusammenbruch der Infrastruktur und fehlende medizinische Versorgung zwingen sie zur Flucht.

4-Year Mark Full Scale War
Julia Kochetova
Bewohnerin Liubov Kuzmenko auf dem Weg zur Unterkunft. Weil es keinen Strom gibt muss sie eine Taschenlampe verwenden.

Auch unsere Teams sind davon betroffen: Wegen der Gefahr mussten wir sieben Krankenhäuser und über 40 Orte mit mobilen Kliniken verlassen – einer der Orte ist Lyman in der Region Donezk. Heute leben noch etwa 2.000 Menschen in der Stadt an der Front, die täglich unter Beschuss steht. 

Das Leben vor dem Krieg

Lyman war auch das Zuhause der 67-jährigen Zinaida Babisheva, die jetzt in der Notunterkunft in Dnipro lebt. Sie erinnert sich an das Leben vor der Eskalation und dem Einmarsch der russischen Truppen. Sie erinnert sich daran, wie sie an Feiertagen Tische auf die Straße gestellt hat um mit Nachbar:innen zu essen. Sie erinnert sich an ihren Garten.

4-Year Mark Full Scale War
Julia Kochetova
Zinaida mit ihrem Hund Toshyk in der Notunterkunft in Dnipro.

„Wir hatten Äpfel, Zwetschken, Kirschen, Birnen, Pfirsiche. So viele Rosen und Lilien“, erzählt sie. „Jetzt baut meine Tochter Blumen an, aber ich habe keine Kraft mehr, etwas zu selber zu machen.“ 

Familie unter Besatzung

Auch Liubov Kuzmenko, 65, aus Sjewjerodonezk lebt in der Notunterkunft. Sie erzählt, dass ihre Wohnung geplündert wurde, nachdem russische Streitkräfte die Kontrolle übernommen haben. Am schwersten ist für sie aber die Trennung von ihrer Familie.

Meine Eltern sind unter Besatzung geblieben. Mein Vater ist 2024 gestorben und ich konnte nicht zurück, um ihn zu beerdigen. Ich schicke meiner Mutter Videonachrichten – es tut weh, dass ich nicht bei ihr sein kann.

Liubov Kuzmenko
4-Year Mark Full Scale War
Julia Kochetova
Liubov Kuzmenko musste im März 2022 ihr Zuhause verlassen.

Der Krieg hält weiter an

Während sich der Krieg in die Länge zieht, werden Krankenhäuser, Apotheken, Schulen und Geschäfte zerstört oder geschlossen. Ganze Gemeinden sind unbewohnbar geworden. Mit den anhaltenden Kämpfen werden auch immer mehr Menschen vertrieben. Die humanitären Bedürfnisse werden komplexer und langwieriger.

Wir leisten weiterhin medizinische und psychologische Hilfe in der gesamten Ukraine. Wir unterstützen Krankenhäuser nahe der Front, betreiben Krankenwägen für kriegsverletzte Patient:innen und mobile Kliniken für Vertriebene. Wir helfen auch dort, wo Menschen ihr Zuhause nicht verlassen können, selbst wenn die Versorgung zusammenbricht und die Front näherkommt.