Wir müssen uns weiter über Angriffe auf Krankenhäuser empören

03.10.2025
In der Nacht vom 3. Oktober 2015 wurde unser Spital in der afghanischen Stadt Kundus zum Ziel eines Angriffs der US-Luftwaffe. Dabei wurden 42 Personen getötet, darunter 14 Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen und 24 Patient:innen. Das ist bis heute der tödlichste Angriff, den es je auf eine unserer Einrichtungen gab. Leider verschlechtert sich die Sicherheit für Gesundheitseinrichtungen zusehends. Renzo Fricke, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen, teilt seine Gedanken dazu.

Findet ihr keine besseren Menschen, die ihr behandeln könnt?”

Das wurden wir als Ärzte ohne Grenzen vor einigen Jahren bei einem Treffen mit einer bewaffneten Gruppe gefragt. Wir sprachen über eines unserer Krankenhäuser an der Front und darüber, dass wir Menschen behandelten, die von unseren Gegenübern als Feinde gesehen wurden.

Es ist mittlerweile zehn Jahre her, dass US-Luftangriffe auf ein Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kundus, Afghanistan 42 Menschen töteten – darunter 14 meiner Kolleg:innen. Eine zentrale Gesundheitseinrichtung der Region war danach nicht mehr funktionsfähig. Die Reaktionen: Empörung, Wut und tiefe Trauer. Untersuchungen wurden gefordert und Kampagnen gestartet. Dennoch gab es in den Monaten danach weitere verheerende Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen in Syrien und im Jemen. Im Mai 2016 verabschiedete die UNO schließlich die historische UN-Resolution Nr. 2286, die Angriffe auf medizinische Einrichtungen und Personal scharf verurteilte und stärkeren Schutz einforderte.

Die Wirkung blieb gering. Mit Kriegen und gewaltsamen Auseinandersetzungen in Ländern wie der Ukraine, in den besetzten palästinensischen Gebieten Sudan und Haiti haben Angriffe auf das Gesundheitswesen zugenommen. Die Organisation „Safeguarding Health in Conflict Coalition“ schätzt, dass im Jahr 2024 im Schnitt täglich zehn Angriffe auf das Gesundheitswesen in Konfliktregionen verübt wurden

Wenn ein Krankenhaus nicht mehr funktionsfähig ist oder medizinische Teams nicht mehr arbeiten können, leiden die Menschen. In den Tagen vor der Bombardierung war das Krankenhaus in Kundus überfüllt. In dieser Woche wurden fast 400 Männer, Frauen und Kinder mit Verletzungen behandelt, die von Kämpfen herrührten. – Danach war diese lebenswichtige Versorgung einfach weg. Über Nacht war über eine Million Menschen im Nordosten Afghanistans weitgehend von hochwertiger chirurgischer Versorgung abgeschnitten. Es dauerte fast sechs Jahre, wieder aufzubauen, was in wenigen Minuten zerstört worden war.

Kunduz Hospital After the Attack
Andrew Quilty

Noch immer sind Angriffe auf das Gesundheitswesen Teil militärischer Strategien. Bestimmten Bevölkerungsgruppen wird ihr Menschenrecht – das Recht auf Gesundheitsversorgung – vorenthalten. Und damit sind wir wieder bei der Frage: Findet ihr keine besseren Menschen, die ihr behandeln könnt?“ – Es gibt keine Menschen, die keine Behandlung verdienen. Patient:innen werden nach medizinischer Notwendigkeit behandelt, ohne Diskriminierung aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, politischen Überzeugung, Religion oder Geschlecht. Das ist ein Kernprinzip des humanitären Völkerrechts. Ein weiteres: Medizinische Hilfe darf niemals zu einem Angriffsziel werden. 

Es wird immer schwieriger, für den Schutz von Krankenhäusern und medizinischer Versorgung einzutreten, wenn Angriffe so alltäglich geworden sind. Es scheint, als hätten immer mehr Menschen die Empörung darüber verloren, wie abscheulich ein solcher Akt eigentlich ist. Heute reicht es, wenn ein Staat wie Israel sagt, er hat ein Krankenhaus in Gaza angegriffen, aber die Menschen darin hätten es „verdient“. Selbst in Ausnahmefällen, in denen ein Krankenhaus seinen Schutz verloren hätte – was in Kundus nicht der Fall war –, heißt das nicht, dass man die Mitarbeiter:innen und Patient:innen im Inneren einfach angreifen darf. Die internationale Kontrolle ist so schwach, dass Rechtfertigungen für solche Taten kaum gefordert werden. Ein Krankenhaus kann nicht “versehentlich” dem Erdboden gleichgemacht werden. Und wenn ein Krankenhaus bombardiert wird, sollten nicht die darin befindlichen Personen argumentieren müssen, warum es nicht hätte passieren dürfen.

Ist es heute noch möglich, an einer Frontlinie sicher medizinische Versorgung zu leisten? Wenn wir den aktuellen Weg fortsetzen, könnte die Antwort bald nein lauten. In Kundus lag das Krankenhaus an einer sich schnell verändernden Frontlinie und war dennoch funktionsfähig. Es behandelte Verwundete, selbst als die Taliban von der afghanischen Armee die Kontrolle der Region übernommen hatten. Das war verhandelt worden, so soll es auch sein. Doch heute in der Ukraine funktioniert ein Krankenhaus oft nicht mehr, wenn es auf die andere Seite der Front gerät.

Die Menschen kamen ins Krankenhaus Kundus, weil sie dachten, sie seien dort sicher.

Manche brachten sogar ihre Familien mit. Niemand konnte den schrecklichen Angriff vom 3. Oktober 2015 voraussehen. Heute suchen Menschen nach wie vor Zuflucht in Krankenhäusern und hoffen verzweifelt, dass sie dort sicher sind.

Medizinisches Personal leistet weltweit Tag für Tag Hilfe in unsicheren und konfliktbelasteten Situationen. Es muss mehr getan werden, um sie und die Menschen, die sie behandeln, zu schützen. Staaten, die das Gesundheitswesen angreifen, müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Die Beweislast darf nicht bei den Angegriffenen liegen, sondern bei den Angreifern.

Am wichtigsten aber ist, dass wir uns weiterhin über solche Angriffe empören.

Die Bombardierung von Krankenhäusern darf niemals Normalität werden. Angriffe auf das Gesundheitswesen sind abscheuliche Akte. Es gibt keine „besseren“ Menschen, die behandelt werden könnten.