Jahresbericht: 2014 mehr Einsatzkräfte denn je aus Österreich in Krisengebiete entsandt

Aus dem Versagen der Hilfe lernen – das forderte der Präsident von Ärzte ohne Grenzen Österreich, Reinhard Dörflinger, bei der Präsentation des Jahresberichts 2014 in Hinblick auf die viel zu langsam angelaufene internationale Reaktion auf die Ebola-Epidemie sowie die aktuelle Tragödie im Mittelmeer. Im von extremen humanitären Krisen geprägten Jahr 2014 flossen rund 19 Millionen Euro aus österreichischen Spenden direkt in die Hilfsprogramme der Organisation, 145 Einsatzkräfte wurden über das Wiener Büro in die Krisengebiete entsandt.

Wien, am 21. Mai 2015 – Bei der Präsentation des Jahresberichts 2014 zog die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) Bilanz über den Ebola-Einsatz in Westafrika. Aus den Fehlern bei der Bekämpfung der Epidemie müsse gelernt werden, fordert der Präsident von Ärzte ohne Grenzen Österreich, Reinhard Dörflinger. „Ebola ist nicht wegen fehlender Ressourcen außer Kontrolle geraten, sondern durch mangelnden politischen Willen“, kritisiert Dörflinger. „Die Welt muss schneller auf einen globalen medizinischen Notstand wie diesen reagieren können. Hilfe muss innerhalb von Tagen, nicht Monaten anlaufen.“ Die Verantwortung dafür liege bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und bei Regierungen – auch der österreichischen, deren Beitrag zur Bekämpfung der Krise bescheiden gewesen sei.

Teams in Krisengebieten stark gefordert

Auch abseits der Ebola-Epidemie in Westafrika waren die Teams von Ärzte ohne Grenzen im Jahr 2014 stark gefordert, vor allem durch Einsätze in Krisengebieten. Dazu zählten neben Syrien, dem Irak und der Ukraine auch der Südsudan, die Zentralafrikanische Republik oder der Jemen – Krisen, die auch im heurigen Jahr im Fokus der Hilfe stehen. Viel Aufmerksamkeit richtet sich derzeit auf die Rettungsaktion der Hilfsorganisation im Mittelmeer.

Teams von Ärzte ohne Grenzen sind aktuell auf zwei Schiffen im Mittelmeer unterwegs, um in Seenot geratene Bootsflüchtlinge zu retten und medizinisch zu versorgen. Seit 2. Mai wurden dabei 1.800 Menschen gerettet. Dörflinger: „Die Flucht über das Mittelmeer stellt eine tödliche Gefahr dar, als medizinisch-humanitäre Hilfsorganisation müssen wir da einfach tätig werden. Wir können nicht an der Küste stehen und zusehen, wie die Leichen an Land gebracht werden.“ Die Rettungsschiffe seien aber nur ein Teil der notwendigen Hilfe, betont Dörflinger: „Unsere Teams behandeln die Menschen in vielen der Herkunftsländer und auf den Stationen ihrer Reise, auch in Aufnahmezentren an den Küsten Europas. Wir sehen deutlich, dass die restriktive EU-Flüchtlingspolitik die Menschen auf immer gefährlichere Fluchtrouten treibt. Derzeit gibt es für Menschen, die vor Krieg und Bedrohung flüchten, keinen legalen Weg, in Europa um Schutz anzusuchen.“ Ärzte ohne Grenzen fordert daher neben humanen Aufnahmebedingungen an den Grenzen Europas auch sichere und legale Wege für Menschen, die um Asyl ansuchen wollen.

Jahresbericht: 145 Einsatzkräfte entsandt

Im Jahresbericht informiert Ärzte ohne Grenzen über die Hilfsprogramme, die 2014 mit Spenden aus Österreich unterstützt wurden. Schwerpunkte waren die Einsätze im Südsudan, in der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo und Haiti. Auch die langjährige Hilfe für Menschen mit HIV/Aids und Tuberkulose in Swasiland wurde fortgesetzt. Für die Ebola-Hilfe in Westafrika spendeten Privatpersonen und Firmen in Österreich rund eine Million Euro; davon wurden mehr als 800.000 Euro noch im Jahr 2014 eingesetzt. Insgesamt leisteten die Einsatzteams von Ärzte ohne Grenzen in 63 Ländern Hilfe für Menschen in Not und führten mehr als 8,2 Millionen medizinische Behandlungen durch.

Ermöglicht wird diese Hilfe durch das Engagement der vielen Fachkräfte, die für Ärzte ohne Grenzen tätig sind. „2014 war für uns in vielerlei Hinsicht ein schwieriges Jahr. Umso erfreulicher ist es, dass so viele Menschen aus Österreich bereit sind, in den Krisengebieten Hilfe zu leisten“, sagt Mario Thaler, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Österreich. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 145 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus Österreich und Zentraleuropa über das Wiener Büro in die Einsatzländer entsandt – so viele wie nie zuvor in der 21-jährigen Geschichte der österreichischen Sektion. 61 Prozent der Einsatzkräfte waren Angehörige medizinischer Berufe, 39 Prozent stammten aus nichtmedizinischen Bereichen. Sie leisteten zusammen 210 Hilfseinsätze in 38 Ländern; zusammengerechnet betrug ihre Einsatzzeit 610 Monate. Thaler: „Wir bedanken uns für das große Engagement. Zugleich appellieren wir weiter an Interessierte, sich für eine Mitarbeit zu bewerben. Aufgrund der vielen akuten Krisen sind wir auch jetzt auf der Suche nach qualifizierten Fachkräften.“

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Weiterhin hohe Spendenbereitschaft Österreichs

Ebenfalls erfreulich sei, dass die Spendenbereitschaft für die Hilfseinsätze von Ärzte ohne Grenzen seit Jahren ungebrochen hoch sei, so Thaler weiter. Insgesamt haben im vergangenen Jahr mehr als 240.000 Privatpersonen und Unternehmen aus Österreich Ärzte ohne Grenzen mit einer Gesamtsumme von knapp 23,5 Millionen Euro unterstützt. „Das zeigt deutlich, dass die unabhängige und unparteiische Hilfe, die Ärzte ohne Grenzen weltweit für Menschen in Not leistet, der österreichischen Bevölkerung ein wichtiges Anliegen ist“, so Thaler. Von den Spenden aus Österreich flossen knapp 18,9 Millionen Euro (75,8 Prozent) direkt in die medizinische und humanitäre Nothilfe in 28 Ländern. Weitere 1,2 Millionen Euro (4,9 Prozent) wurden für die Vorbereitung und Unterstützung der Hilfseinsätze aufgewendet. 594.000 Euro (2,4 Prozent) wurden für die Bewusstseinsarbeit in Österreich verwendet, 955.000 Euro (3,8 Prozent) flossen in den Verwaltungsaufwand und knapp 3,3 Millionen Euro (13,1 Prozent) in die Spendenwerbung. Pro ausgegebenem Euro wurden 7,2 Euro gespendet.

Der Jahresbericht 2014 von Ärzte ohne Grenzen Österreich steht als PDF-Download und im Publikationsarchiv zur Verfügung und kann auch bequem online gelesen werden:

 

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