Antonia Zemp17.07.2017

Cholera im Jemen: Schnellere Hilfe nötig!

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„Mir stockt bei jeder Geschichte der Atem!“ Die Krankenschwester Antonia Zemp ist vor ein paar Tagen von ihrem Einsatz im Cholera-Behandlungszentrum in Abs, Jemen, zurückgekehrt. Seit Ende 2015 ist sie Teil unserer „Emergency Unit“, um bei Notfällen und Krisen schnell vor Ort zu helfen. Im Blog berichtet die gebürtige Schweizerin von ihren persönlichen Erlebnissen.

Ich versuche dem 10-jährigen Ali Ahmend eine Infusionsnadel zu legen. Er hat seit gestern Durchfall und Erbrechen. Er ist extrem dehydriert. Seine Augen sind schwarz umrandet und eingesunken, halb geöffnet und verdreht. Er reagiert kaum auf Stimulation. Er hat kalte Hände und Füße trotz der 42 Grad im Schatten, sein Puls rast und ist nur schwierig zu ertasten. Er atmet schnell. Seine Venen sind bereits kollabiert und daher ist dies ganz und gar keine leichte  Aufgabe. Ich rufe meine jemenitischen Arbeitskollegen dazu, sie haben mehr Übung in so einer Situation, doch noch eine geeignete Vene für die Infusion zu finden.

Wir alle wissen, dass Ali in Lebensgefahr schwebt und er abhängig davon ist, ob wir eine Vene für die Infusion finden oder nicht. Gemeinsam schaffen wir es, zwei Nadeln zu legen und wir pressen nun die Infusionslösung in Alis erschöpften Körper. Sein Kreislauf saugt die dringend  benötigte Flüssigkeit auf wie ein Schwamm. Glücklicherweise ist nach 20 Minuten bereits Besserung zu sehen. Ali beginnt sich zu regen und zu jammern. Seine Mutter weint vor Erschöpfung, Angst und Erleichterung. Sie bedankt sich überschwänglich bei uns. Ich brauche einen Moment um Durchzuatmen und Emotionen einzuordnen während meine Kollegen bereits beim nächsten Patienten sind, weitere Infusionsnadeln legen oder beim Trinken von ORS (Oral Rehydration Solution), einem oralen Redehydrationssalz, helfen.

Es gilt schneller zu sein als Cholera

Sei schneller bei der Zufuhr von Flüssigkeit als der Flüssigkeitsverlust, der durch Cholera mit akutem Durchfall und Erbrechen versursacht wird. Schneller!

Anfang Mai haben wir gegenüber vom  Spital von Ärzte ohne Grenzen in Abs ein Cholera- Behandlungszentrum eröffnet. Als Infrastruktur dient uns eine Grundschule, deren Schüler im Moment in den Ferien sind. Am Anfang der Epidemie, als die Anzahl der Patienten und Patientinnen noch übersichtlich war, konnten wir sie im Spital selbst behandeln und isolieren. Doch von Tag zu Tag stieg die Anzahl und erschöpfte die Kapazität des Spitals.

Die Epidemie droht außer Kontrolle zu geraten

Die Epidemie hat sie jedoch so rasant verbreitet, dass die Kapazität der 50 Betten des neu eröffneten Behandlungszentrums bereits nach der ersten Woche bei weitem erschöpft ist. Seit einigen Tagen überrascht es uns nicht mehr, wenn wir mehr als 200 Patienten und Patientinnen am Tag registrieren. Am Ende meines Einsatzes gar mehr als 400 Patienten  und Patientinnen pro Tag. Die Epidemie ist außer Kontrolle.

Es wird dringend mehr Hilfe benötigt, um dagegen anzukämpfen. Wir versuchen der Anzahl gerecht zu werden und funktionieren mehr und mehr Klassenzimmer um, damit sie als Krankenzimmer gebraucht werden können. Doch Platz ist wohl das am einfachsten zu lösende Problem. Mehr Patienten und Patientinnen bedeuten vor allem auch mehr benötigte Medikamente, mehr Personal, mehr Wasser, mehr Betten, mehr Toiletten. Das braucht seine Zeit, auch im Emergency-Highspeed-Modus. Im Koordinationsteam versuchen wir vorauszuplanen, doch die explodierenden Zahlen überwältigen uns.

Es ist nicht leicht, einen kühlen Kopf zu bewahren

Einen kühlen Kopf zu bewahren ist da keine einfache Aufgabe, nicht zu vergessen die bereits erwähnten 42 Grad im Schatten und das kulturell obligatorische Kopftuch für Frauen und die schwarze lange Abaya, ein traditionelles islamisches Kleidungsstück.

Als medizinische Teamleiterin versuche ich zusammen mit meinem Team Schichtarbeitspläne  zu schreiben für Personal, das noch nicht einmal rekrutiert ist. Schulungen zu organisieren, rechtzeitig Medikamenten zu bestellen, damit wir nicht plötzlich mit leeren Händen da stehen und bevor der ganze Markt erschöpft ist. Die Registrierung jedes einzelnen Patienten und jeder einzelnen Patientin zu garantieren, damit epidemiologische Daten heraus gelesen werden können und umliegenden Gesundheitszentren zu unterstützen, damit sie ebenfalls im Stande sind, Betroffene aufzunehmen.

Geschwächtes Gesundheitssystem im Jemen

Das alles wär eins in einem europäischen Industriestaat. Wir sprechen hier aber vom Jemen. Ein Entwicklungsland, in dem seit über zwei Jahren ein blutiger Krieg herrscht. Das Leid der Bevölkerung ist unbeschreiblich. Deren Alltag wird  von Angst, Hunger, Tod und Krankheit beherrscht. Auch wenn du nun versuchst dir vorzustellen, im Jemen zu Leben, wir sind nicht fähig dazu. Wir würden nicht einmal der Vorstellung standhalten.

Das Gesundheitssystem ist durch den Krieg bereits extrem geschwächt, weniger als 50% der Gesundheitsstrukturen funktionieren noch. Das Personal erhält seit fast einem Jahr keinen Lohn mehr. Medikamente sind eine Mangelware, Luft- und Seeblockaden ausgeliefert.

Fehlender Zugang zu medizinischer Versorgung

Wenn in unserem Behandlungszentrum bei Ankunft eines Patienten nur noch der Tod festgestellt werden kann und du nachfragst, warum die Familie nicht früher gekommen ist, lautet die Antwort oft, dass kein Geld für den Transport da war. Oder eine Bombe hat den Weg unpassierbar gemacht. Oder die Todesangst, unterwegs zu sein, während über dir Kampfflugzeuge kreisen und du einen weiteren Luftangriff erwartest, lässt dich bei deiner Familie bleiben. Alltag für die Menschen hier. Mir stockt bei jeder Geschichte der Atem.

Durch die Austrocknung des Körpers verlieren viele schwangere Frauen ihre Kinder noch vor der Geburt. Choleratote müssen speziell behandelt werden, damit sie bei der Bestattung nicht noch weitere Menschen anstecken. Wenn ich dann eine sieben- oder neunmonatige Totgeburt waschen musste, war das Schlimme daran nicht, dass da ein perfekter kleiner, aber lebloser Körper vor mir liegt. Das Schlimme daran war, das ich insgeheim gedacht habe, dass es so vielleicht besser ist für das kleine Lebewesen, denn die Zukunft wäre eine der unsichersten und schwierigsten der ganzen Welt gewesen.

Mein größter Respekt gilt meinen jemenitischen Arbeitskollegen und -Kolleginnen. Trotz allem kommen sie tagtäglich motiviert zur Arbeit und geben alles um gemeinsam gegen das Leid, dem sie selbst ausgeliefert sind, anzukämpfen. Danke.

 

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