Emails aus dem Einsatz12.11.2014

Nichts als Ebola

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Thomas Rassinger aus Klagenfurt lebt in New York City und arbeitet derzeit als Human Ressource Officer für Ärzte ohne Grenzen. Er war in Liberia im Einsatz gegen die Ebola-Epidemie und schildert in der ZEIT, was ihn an der Reaktion der westlichen Welt stört.

Nachdem ich maturiert hatte, wusste ich lange nicht so recht, was ich mit meinem Leben machen will. Für eine Weile war ich Kassier in einer Bank. Einige Jahre habe ich als Shopmanager Handies verkauft. Als ich eines Tages erfuhr, dass Ärzte ohne Grenzen (MSF) Logistiker sucht, war klar: ich werde Logistiker. Ich habe in Wiener Neustadt Logistik und Supply Chain Management studiert und anschließend in Schlaining einen Master in Peace and Conflict Studies angehängt. Dann wurde ich gleich rekrutiert. 2008 war ich zum ersten Mal auf Einsatz, in Darfur im Nordsudan. Danach war ich in Uganda und Äthiopien, im Südsudan und in Pakistan im Feld.


Thomas Rassinger im Ebola-Behandlungszentrum von Ärzte ohne Grenzen in Monrovia, Liberia (c) Yann Libessart/MSF

Seit zwei Monaten beschäftigt mich nun nichts anderes als Ebola. Ich habe das Gefühl, dass ich tun muss, was immer ich kann, um da zu helfen. Diese Krankheit weckt Urängste, aber nur rationelles Verhalten der Menschen wird helfen, sie einzudämmen. Panik hilft gar nicht. Im September war ich vier Wochen lang als Projektkoordinator für MSF in Liberia. Ich habe Erfahrung, ich habe schon viel Leid gesehen, ich weiss, wie man sich auf unsicherem Terrain bewegt. Aber diese vier Wochen haben jeden Rahmen gesprengt. Bei MSF ist man es nicht gewohnt, eine Situation nicht in den Griff zu bekommen. Aber dieser Ebola-Ausbruch war anfangs einfach zu schnell und zu groß, um wirklich etwas bewirken zu können. Das alltägliche Leid zu beschreiben, fällt mir immer noch schwer. Anfangs hatten wir zu wenig Betten und mussten Ebola-Patienten abweisen. Zu wissen, dass ein Erkrankter seine Familie anstecken wird, wenn man ihn wegschickt, ist ein unerträglicher Gedanke - und doch konnte man nichts anderes tun. Trotz alledem ist es wichtig, dort zu sein, Zeuge zu sein und der Welt zu erzählen, was da passiert.

Es verstört mich massiv, wenn ich jetzt als Human Ressource Officer für MSF in New York mitansehen muss, wie selbstbezogen und irrational die westliche Welt reagiert. So lange im fernen Afrika täglich Tausende sterben, wird das ignoriert. Aber kaum taucht ein Fall in unserer Welt auf, wird total überreagiert. Wir unterschätzen immer noch, wie eng die Welt heute vernetzt ist. Afrika zu ignorieren, ist nicht nur aus ethischen Gründen falsch, es ist auch dumm, weil es das Risiko für den Rest der Welt erhöht. Richtigerweise müsste heute jeder Staat der Welt sein Möglichstes tun, um West-Afrika zu unterstützen. Medien und Politik könnten ganz einfach transparent und rational agieren, anstatt billig Panikmache zu betreiben. Wenn man schon nicht bereit ist, im großen Rahmen Hilfe zu leisten, dann soll man zumindest jenen Menschen, die helfen, das Leben nicht zusätzlich schwer machen. In den USA erleben wir gerade, wie unsere Kollegen stigmatisiert werden. Manche trauen sich nicht mehr in die U-Bahn oder ins Kino aus Angst, als unverantwortlich gebrandmarkt zu werden, obwohl sie gar nicht ansteckend sind, wenn sie symptomfrei sind. Stellen Sie sich einmal vor, wie das ist: Sie sind über Wochen hinweg im Einsatz, erleben dabei nur Dramatisches, geben Tag für Tag Ihr absolutes Maximum und dürfen während all dieser Zeit keinem anderen Menschen nahe sein. Dann kommen Sie völlig erschöpft und ausgelaugt zurück in Ihre Heimat und werden dort erst einmal 21 Tage lang in Isolation gehalten. Das ist unwürdig!

Dieser Text wurde aufgezeichnet von Ernst Schmiederer; veröffentlicht in: Die Zeit, Nr. 46/2014


Ärzte ohne Grenzen ist seit Ausbruch der Ebola-Epidemie im März 2014 in Westafrika tätig. Derzeit sind in den betroffenen Ländern mehr als 3.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Einsatz - Details zu den Hilfsaktivitäten auf www.aerzte-ohne-grenzen.at/ebola

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