Ärzte ohne Grenzen ist beunruhigt über die medizinische Lage von Migranten nach Vertreibung durch die marokkanische Polizei

Marokko/Wien, 30. September 2010. Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) ist nach den verstärkten Angriffen der marokkanischen Polizei und den Vertreibungen der Migranten über die Verschlechterung der medizinischen und humanitären Lage von Migranten aus Sub-Sahara-Afrika in Marokko zutiefst beunruhigt. Hunderte Migranten, einschließlich Frauen und Kinder wurden in das Niemandsland an der Grenze zwischen Marokko und Algerien verschleppt und dort in der Nacht ohne Lebensmittel und Wasser abgesetzt.

Die Polizei griff zwischen 19. August und 10. September in Städten in ganz Marokko – einschließlich Oujda, Al-Hoceima, Nador, Tanger, Rabat, Casablanca und Fez – durch. Oft kamen dabei Planierraupen – in Nador sogar Helikopter – zum Einsatz. Dabei wurden Zelte und Häuser, in denen die Migranten wohnten, zerstört.

Zwischen  600 und 700 Migranten wurden während der Übergriffe verhaftet und an die Grenze zwischen Marokko und Algerien verschleppt. Dort wurden sie sich selbst überlassen – ohne Nahrungsmittel oder Wasser. Unter ihnen befanden sich auch schwangere Frauen, Frauen mit Kindern und Menschen mit gesundheitlichen Problemen oder Verletzungen, die direkt oder indirekt mit den Polizeiübergriffen in Zusammenhang standen. Sie hatten die Wahl, entweder zu Fuß nach Oujda zurückzukehren oder zu versuchen, die algerische Seite der Grenze zu überqueren. Dort waren sie mitten in der Nacht sich selbst überlassen, waren dem Risiko ausgesetzt, von Banditen oder Schmugglern überfallen zu werden, die in dieser Gegend aktiv sind. Jene, die es geschafft haben, bis in die Stadt Oujda vorzudringen, sind völlig mittellos, ohne Geld, Unterkunft oder persönlichen Habseligkeiten.

„Unser Team erlebt die direkten Auswirkungen dieser massiven Übergriffe und Vertreibungen auf den Gesundheitszustand und die mentale Gesundheit der Migranten“ erklärt Jorge Martin, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in Marokko. „Wir haben einer Frau medizinische Hilfe geleistet, die erst vor sechs Tagen ihr Kind zur Welt  gebracht hatte. Sie wurde von der Polizei verhaftet und verbrachte fünf Tage in einer Polizeizelle mit ihrem neugeborenen Kind. Dann wurde sie zur Grenze gebracht. Sie hat es geschafft, nach Oujda zurückzukehren, leidet jetzt aber unter akuten Magen- Darmstörungen.“

Viele Gewaltverletzungen

Im Laufe der vergangenen Wochen haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen einen alarmierenden Anstieg bei der Zahl von Patienten beobachtet, deren medizinische Probleme auf Gewalttaten zurückzuführen sind. Von den 186 Patienten und Patientinnen, die von Ärzte ohne Grenzen medizinisch behandelt wurden, hatten 103 Wunden und Verletzungen, die direkt oder indirekt mit Gewaltanwendung während ihres Arrests in Zusammenhang standen. Die schlechten Lebensbedingungen und die unangemessene Unterbringung haben die medizinischen Probleme zusätzlich verschärft. Fast die Hälfte der Migranten, die medizinische Hilfe bei den Teams suchten, hatten medizinische Symptome, die auf die schwierigen und unhygienischen Bedingungen, unter denen sie leben, zurückzuführen sind. 18 Prozent von ihnen litten an Hauterkrankungen, 10 Prozent an Atemwegsinfekten und 11 Prozent hatten Verdauungsstörungen.

“Diese Intensivierung der restriktiven Maßnahmen zur Kontrolle der Migration in Marokko hat direkte Auswirkungen auf die Gesundheit und die Würde der Migranten und Flüchtlinge“, sagt Jorge Martin. Massenrazzien und Ausweisungen ins Grenzgebiet erhöhen die Verwundbarkeit und setzen die Betroffenen großen Risiken aus. Ärzte ohne Grenzen fordert die marokkanischen Behörden auf, ihre Verpflichtungen durch nationale und internationale Gesetze zu erfüllen, wenn Maßnahmen zur Kontrolle der Migration durchgeführt werden. Die Behörden müssen die Würde und Integrität von Migranten respektieren und sie nicht Situationen aussetzen, die ihre Verwundbarkeit und Unsicherheit erhöhen. Wie im marokkanischen Gesetz festgeschrieben, dürfen schwangere Frauen, Kinder und andere besonders schutzbedürftige Migrantengruppen nicht an der Grenze ausgewiesen werden.

Ärzte ohne Grenzen betreibt seit 2000 medizinische Projekte in Tanger, Casablanca, Rabat und Oujda in Marokko, wo die Teams Migranten aus Süd-Sahara-Afrika medizinische und humanitäre Hilfe leisten und sich für einen besseren Zugang zu Gesundheitsversorgung und die Wahrung der Menschenwürde einsetzen. Aktuell betreibt Ärzte ohne Grenzen ein Projekt in Oujda, in dem Migranten und Flüchtlinge medizinisch und psychologisch versorgt werden.

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