COVID-19: "Viele kommen, wenn es zu spät ist"

18.02.2021
Iraq : Treating COVID-19 in Baghdad
Hassan Kamal Al-Deen/MSF
MSF Nurse, Mahmood Mohammed, checking up on the condition of a COVID-19 patient who is admitted to the MSF-run ward of the Al-Shifaa 13 COVID-19 centre at Al-Kindi Hospital, Baghdad.

Ende Juli 2020 geschah in Bagdad, der Hauptstadt des Irak, etwas Seltsames. In Krankenhäusern in der ganzen Stadt bemerkten die Ärztinnen und Krankenpfleger, die in der irakischen Sommerhitze schwitzten, dass ihre COVID-19-Intensivstationen zwar immer voll waren, die Stationen für Menschen mit weniger schweren Fällen jedoch leer. 

„Die Krankenhäuser in Bagdad waren überlastet und die Menschen hatten Angst, so dass sie auf häusliche Pflege zurückgriffen“, erklärt Omar Ebeid, Projektkoordinator in Bagdad für Ärzte ohne Grenzen. „Die Leute gingen nicht mehr in Krankenhäuser. Sie kamen erst, als es so spät war, dass sie fast sicher sterben würden. “ 

Die Krankenhäuser in Bagdad sind plötzliche Zuströme von Verletzten, durch die Bombenanschläge nach der US-Invasion und den folgenden langen Jahren des Konflikts, gewöhnt. Als sich COVID-19 im letzten Sommer auf den Straßen der Stadt ausbreitete, wurden – wie fast überall auf der Welt – jedoch schnell Schwächen im überlasteten Gesundheitssystem sichtbar. 

"Krankenhaus war das allerletzte, woran ich dachte"

"Wir haben versucht, ihr einen COVID-Test zu organisieren, aber wir konnten nicht", sagt Hiba über ihre Mutter Neamat, die im November krank wurde. "Wir haben einen CT-Scan durchgeführt und festgestellt, dass ihre Lungen alle weiß waren und durch das Coronavirus stark geschädigt wurden." 

"Als Pharmazeutin dachte ich, wir könnten es zu Hause schaffen", fährt Hiba fort. "Das Krankenhaus war das allerletzte, woran ich dachte." 

Schließlich verschlechterte sich jedoch Neamats Zustand erheblich und Hiba musste ihre Mutter in ein öffentliches Krankenhaus bringen. 

"Es gab jeden Tag einen anderen Arzt, und jeder Arzt schrieb ein anderes Rezept", sagt Hiba. "Es gab nur zwei oder drei Krankenschwestern für etwa 20 Patientinnen und Patienten. Sie waren vollkommen überfordert mit der vielen Arbeit." 

Eigene COVID-19-Station eröffnet 

Ärzte ohne Grenzen unterstützte von Juni bis August die Atemstation des Al-Kindi-Krankenhauses. Unsere Teams sahen aus erster Hand, wie das Krankenhaus nicht in der Lage war, die Flut von COVID-19-Patientinnen und Patienten zu bewältigen. 

COVID-19 in Bagdad, Irak
Hassan Kamal Al-Deen/MSF

Eine COVID-19-Patientin erhält die lebensnotwendige Sauerstofftherapie.

"Es war verständlich, dass viele Mitarbeitende Angst vor COVID-19 hatten und deswegen nicht arbeiten wollten", sagt Gwenola Francois, Missionsleiterin von Ärzte ohne Grenzen im Irak. "Schwieriger war, dass die leitenden Ärztinnen häufig nicht im Krankenhaus waren und die Assistenzärzte oft nicht in der Lage waren, wichtige Entscheidungen ohne sie zu treffen." 

In Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden wurde eine eigene COVID-19-Behandlungsstation im Al-Kindi-Krankenhaus eingerichtet. Sie wurde im September mit 24 Betten eröffnet und später auf 36 Betten erweitert. 

Sterblichkeitsrate bei 50 Prozent 

Die Zahl der Todesopfer spiegelt die Schwere der eingegangenen Fälle wider: Zwischen September 2020 und dem 7. Februar 2021 wurden 168 Personen aufgenommen, von denen 86 starben. 

COVID-19 in Bagdad, Irak
Hassan Kamal Al-Deen/MSF

COVID-19-Erkrankungen sind auch für Angehörige nicht leicht: Ein junger Mann steht seiner Mutter am Krankenbett bei. Die Angst sich anzustecken bleibt trotzdem gegenwärtig.

"Medizinisch gesehen war die Situation hier sehr schwierig", sagt Dr. Aurelie Godard, die Intensivberaterin von Ärzte ohne Grenzen, die im September und Oktober in Al-Kindi gearbeitet hat. "Da die Patientinnen und Patienten zögern ins Krankenhaus zu gehen, kommen sie sehr spät, mit sehr niedrigem Sauerstoffgehalt und vielen Komplikationen." 

"Als wir anfingen, lag die Sterblichkeitsrate für kritische Patienten bei fast 100 Prozent, und obwohl wir sie gesenkt haben, ist sie immer noch sehr hoch", fährt Dr. Godard fort. "Aber in Zusammenarbeit mit unseren irakischen Kollegen haben wir schnell neue Wege der Zusammenarbeit entwickelt und begonnen, einige Patienten zu entlassen, die zuvor gestorben wären." 

Die Angst sich anzustecken 

„In den ersten Tagen meiner Arbeit war ich etwas zögerlich“, erinnert sich Mahmoud Faraj, eine Krankenschwester aus der Nähe von Mosul, die mit Ärzte ohne Grenzen in Bagdad arbeitet. "Ich dachte darüber nach, fünf oder sechs Stunden zu fahren, um mit Corona-Infizierten zu arbeiten, während andere Menschen vor dieser neuen gefährlichen Krankheit flohen." 

COVID-19 in Bagdad, Irak
Hassan Kamal Al-Deen/MSF

Ärztinnen, Krankenpfleger und Physiotherapeutinnen tauschen sich die Zustände der Patientinnen und Patienten aus und beraten über weitere Behandlungsmöglichkeiten im Al-Kindi Krankenhaus.

"Aber als ich schließlich mit den Patientinnen und Patienten zusammengearbeitet habe, sah ich, wie sehr sie sich freuten, wenn sich ihr Zustand verbesserte. Seitdem habe ich das Gefühl, dass ich das Richtige tue", sagt Faraj. 

Die Situation im Auge behalten 

Der Kontrast zwischen den zwei Welten ist groß: Auf der einen Seite die COVID-Station, wo viele Erkrankte Schwierigkeiten haben zu atmen oder bewusstlos sind und Maschinen für sie atmen. Und auf der anderen Seite die Welt draußen, in der das Leben ohne große Anzeichen dafür weiterzugehen scheint, dass COVID-19 einen schmerzhaften Tribut im Irak gefordert hat. 

Unternehmen bleiben offen. Da sich das Land in einer Wirtschaftskrise befindet und keine staatliche Unterstützung verfügbar ist, hatten viele Irakerinnen und Iraker keine andere Wahl, als trotz der Pandemie normal weiterzuarbeiten. Auch Masken sieht man nicht allzu oft in der Öffentlichkeit, obwohl diese offiziell vorgeschrieben sind. 

Die Zahlen steigen weiter

Seit der ersten Februarwochen ist ein besorgniserregender Anstieg der Corona-Infizierten im Land zu verzeichnen. Auch die Anzahl der Menschen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, steigt stetig.  

„Wir beobachten die Situation genau, weil dieser Anstieg uns wirklich beschäftigt“, sagt Francois, der Missionsleiter. "Wir sind bereit, die irakischen Gesundheitsbehörden weiterhin zu unterstützen, falls die Krankenhäuser wieder überfordert sind." 

Francois betont, dass das Tragen von Masken, Händewaschen und Social Distancing eine Rolle bei der Verringerung der Schwere einer möglichen zweiten Welle spielen. 

"Diese Dinge könnten dazu beitragen, die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten und zu verhindern, dass Krankenhäuser so schnell wieder überfordert werden", sagt Francois. 

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