Indien

„Das tägliche Überleben kostet all unsere Kraft“

Vor fast zwei Monaten hat der Wirbelsturm Aila Ostindien und die Küste Bangladeschs verwüstet. Über die Not der Überlebenden wird nicht mehr berichtet, dennoch ist sie nicht vorbei. Die Menschen kommen aufgrund der täglichen Überflutungen nicht zur Ruhe. Ärzte ohne Grenzen leistet in abgelegenen Dörfern im Distrikt Nord 24 Parganas humanitäre Hilfe. Es ist eines der am meisten betroffenen Gebiete in Westbengalen.

Die 23-jährige Usha Mondal zeigt auf ein Lehmhaus, das in den Fluten versunken ist. Es ist nur fünf Meter von den Uferdämmen entfernt, wo sie jetzt mit ihrem Ehemann und ihrem fünf Jahre alten Sohn in einer Behelfsunterkunft lebt. Sie haben sie aus Bambus und dem, was sie sonst noch finden konnten, gebaut. Das Dach des Hauses ragt aus dem trüben Wasser wie die Spitze eines Eisberges hervor. Das ist alles, was Usha nach dem Wirbelsturm geblieben ist.

Große Not in abgelegenen Gebieten

„Wie lange können wir so leben?“, fragte Usha Mondal. „Wir leben bereits seit über einem Monat ohne Hilfe in diesem Matsch. Wir haben von der Regierung Nahrung erhalten, in den letzten zehn Tagen gab es allerdings nichts mehr“, sagte sie. „Wir sind eigentlich Landwirte, da die Reisfelder aber noch immer unter Wasser stehen, können wir dort nicht arbeiten. Wir gehen jetzt fischen“, erklärte sie. „Es reicht aber nicht, um die ganze Familie zu ernähren.“

Usha stellt sich mit den Nachbarn in einer langen Reihe an. Sie hat einen Schein in der Hand, mit dem sie Decken, Wasserreinigungstabletten, Seife und Plastikplanen von Ärzte ohne Grenzen bekommt. Die Mitarbeiter planen, sich um die Bedürfnisse von 15.000 Menschen in den am meisten betroffenen Orten in der Region Sandheshkhali Block II im Distrikt Nord 24 Parganas zu kümmern. Gesundheitserzieher von Ärzte ohne Grenzen erzählen den Menschen, wie man die Plastikplanen benutzt, wie man Regenwasser sammelt und das Wasser reinigt und lagert.

„Wir konzentrieren uns auf die Gebiete, in denen die Bedürfnisse am größten sind und wo man nur schwer hinkommt“, erklärt Rivkah van Barneveld, Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Westbengalen. „Die Soforthilfe war nach dem Wirbelsturm ausreichend, in einigen Regionen brauchen die Menschen aber mehr. Wir haben zum Beispiel gesehen, wie mehrere Familien unter einer Plastikplane gelebt haben.“

Dürftige Bedingungen

Die Dorfbewohner sind gezwungen, in überfüllten Unterkünften zu leben. Die schlechte Hygiene und der Mangel an sauberem Trinkwasser bergen ein großes Krankheitsrisiko. Da der Monsun in Kürze beginnt, kann sich die Situation weiter verschlechtern.

Ärzte ohne Grenzen hat ein Überwachungssystem eingerichtet und kontrolliert Krankheitsausbrüche. Helfer und medizinisches Personal suchen die Dörfer nach Fällen von Malaria, Durchfall, Masern oder Cholera ab und treffen sich regelmäßig mit den Pflegern der lokalen Gesundheitszentren.

Der Langzeiteffekt des Wirbelsturms ist wahrscheinlich verheerend. „Das tägliche Überleben kostet all unsere Kraft. Wir hatten noch keine Zeit, Pläne zu machen“, sagte Usha Mondal. „Das Dorf ist mein Zuhause, und ich möchte es nicht verlassen. Wir können so aber nicht ewig weitermachen. Ich habe zwei Kinder zu ernähren. Wenn sich die Situation nicht bessert, werden wir nach Kalkutta gehen, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden.“

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