Der andere Schmetterlingseffekt: Ärzte ohne Grenzen behandelt Frauen mit Geburtsfisteln

Geburtsfisteln_2011.flv

Weltweit sind zwei Millionen Frauen von Geburtsfisteln betroffen, die meisten davon in Afrika. Diese Verletzung ist wegen der einhergehenden Inkontinenz mit viel Scham verbunden. Ein besserer Zugang zur Gesundheitsversorgung könnte dieses Leid verhindern.

„Die Sonne darf nicht zwei Mal über einer gebärenden Frau auf- oder untergehen.“ Trotz dieses Sprichworts dauern die Wehen auf dem afrikanischen Kontinent, wo die meisten Frauen zuhause gebären, oft zu lang. Wenn sie bei Problemen dann endlich im Krankenhaus ankommen, ist es für das Neugeborene oft zu spät, und manchmal auch für die Mutter.

Viele Frauen, die eine solche Geburt überleben, haben danach mit einer Beeinträchtigung zu kämpfen. Geburtsfisteln gehören zu den schwersten Folgen von Komplikationen bei der Entbindung. Die Verletzung entsteht durch den anhaltenden Druck des kleinen Köpfchens auf das Beckengewebe. Die betroffenen Frauen können den Urin und/oder den Stuhl nicht mehr halten – und schämen sich dafür. Hinzu kommt, dass sie deswegen oft von der eigenen Familie oder der Gemeinschaft verstoßen werden.

Zwei Millionen betroffene Frauen

Schätzungsweise leben zwei Millionen Frauen weltweit mit einer solchen Geburtsfistel, die meisten davon in Afrika. Das Problem bleibt meist unbemerkt, da vor allem junge Frauen in armen und abgelegenen Regionen davon betroffen sind, die keinen Zugang zur Geburtshilfe haben.So auch im Fall von Zanaba, einer jungen Frau, die Ärzte ohne Grenzen 2010 in der Zentralafrikanischen Republik behandelt hat. Nach drei Tagen Wehen rief die Mutter der 16-jährigen eine traditionelle Hebamme. Erst am siebten Tag wurde Zanaba ins nächste Spital gebracht. Die Reise, hinten auf einem Motorrad, dauerte einen ganzen Tag. Bei ihrer Ankunft war das Baby tot. Die junge Mutter lebte, aber die langen Wehen hatten eine Geburtsfistel verursacht, die einen chirurgischen Eingriff nötig machte. „Ich wusste nicht, was eine Fistel ist und wie sie entsteht, aber jetzt bin ich froh, dass ich operiert wurde“, sagt sie.

Ein besserer Zugang zur Geburtshilfe

Die Operation zum Verschluss einer Fistel ist heikel und verlangt spezialisiertes Fachwissen. Je nach Schwere des Falls kann der Eingriff mehrere Stunden dauern. Die Behandlung der Fisteln beschränkt sich aber nicht allein auf die Chirurgie. Nach der Operation erhalten die Patientinnen bei einer Rest-Inkontinenz eine Physiotherapie. Und zur Wiedereingliederung in die Gemeinschaft ist oft psychosoziale Betreuung nötig.

Geburtsfisteln können vermieden werden, wenn die Frauen Zugang zur allgemeinen Geburtshilfe erhalten. In den entwickelten Ländern ist das Problem mittlerweile gänzlich verschwunden.

Zentren zur Behandlung von Fisteln

Schon immer sind Teams von Ärzte ohne Grenzen in ihren Einsätzen rund um den Globus Frauen begegnet, die unter Geburtsfisteln litten. Im Jahr 2003 baute Ärzte ohne Grenzen die ersten temporären Fistel-Zentren in der Elfenbeinküste und im Tschad auf, und in den folgenden Jahren auch in Sierra Leone, in Somalia, in der Demokratischen Republik Kongo (DRK), in der Zentralafrikanischen Republik und in Mali. Diese punktuellen Einsätze zur Behandlung von Geburtsfisteln werden in der DRK und der Zentralafrikanischen Republik heute noch weitergeführt.

Außerdem betreibt Ärzte ohne Grenzen heute drei fortwährende Zentren zur Behandlung von Geburtsfisteln, und zwar in Burundi, im Tschad und in Nigeria.

Fachzentrum in Burundi

Im Juli 2010 wurde das letzte der drei Zentren, Urumuri, im Herzen Burundis vor dem Regionalspital von Gitega eröffnet. Als landesweit erste Einrichtung dieser Art steht dieses Zentrum den Frauen während sieben Tagen in der Woche zur Verfügung. Ärzte ohne Grenzen hat vier Pavillons errichtet, wo die Patientinnen vor der Operation und während der darauf folgenden Physiotherapie untergebracht werden.

Nebst dem Fachzentrum für Fisteln in Gitega hat die medizinische Hilfsorganisation in einer weiteren Region Burundis eine Entbindungsstation aufgebaut. So trägt Ärzte ohne Grenzen dazu bei, die Geburtshilfe im Land auszubauen und das Auftreten neuer Fisteln zu verhindern.

Schmetterling im Tschad

In Abéché im Osten des Tschads startete Ärzte ohne Grenzen im Jahr 2008 das Projekt „Schmetterling“. Der Schmetterling symbolisiert die Verwandlung der Frauen, die aufgrund ihrer Fistel isoliert waren und die dank der Operation einen neuen Start ins Leben wagen. 2009 errichtete Ärzte ohne Grenzen ein Frauendorf, wo Patientinnen mit Fisteln für mehrere Wochen aufgenommen werden. In den ersten Sprechstunden erfolgt eine Aufnahme, damit insbesondere Mangelernährung erkannt und vor dem chirurgischen Eingriff behandelt werden kann. Nach der Operation erhalten die Frauen eine Physiotherapie. Dank einer psychologischen Unterstützung können sie schließlich wieder ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen.

In Abéché unterstützt Ärzte ohne Grenzen auch die Entbindungsstation des Regionalkrankenhauses, das direkt neben dem Zentrum „Schmetterling“ liegt. Hier geht es darum, gute Bedingungen für die Entbindung zu schaffen und damit zu verhindern, dass es zu neuen Fällen mit Fisteln kommt.

Hunderte Operationen in Nigeria

In Nigeria arbeitet Ärzte ohne Grenzen in einem Spital in Jahun im Norden des Landes eng mit dem Personal des Gesundheitsministeriums zusammen. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen bieten der Lokalbevölkerung Geburtshilfe und Neugeborenenpflege an. Ziel ist es, die Kinder- und Müttersterblichkeit zu verringern, aber auch Fisteln vorzubeugen und sie zu behandeln. 2010 operierte das Team von Ärzte ohne Grenzen 400 betroffene Frauen. Nach dem Eingriff werden die Patientinnen während sechs Monaten medizinisch betreut, damit sichergestellt werden kann, dass die Fisteln gut verheilt und die Frauen nicht mehr inkontinent sind.

2010 haben Teams von Ärzte ohne Grenzen etwa 1000 Frauen mit Geburtsfisteln operiert.

Teilen

Vervielfältigen