Frankreich

Schließung des „Dschungels“ von Calais – doch was wird aus den Jugendlichen?

Im Norden Frankreichs liegt Calais, wo seit Frühjahr 2015 im so genannten „Dschungel“ rund 9.000 Flüchtlinge leben. Der nördliche Teil dieses Camps soll nun geschlossen und geräumt werden, gab Anfang September der französische Innenminister Bernard Cazeneuve bekannt. Für die betroffenen Menschen, die ihre Unterkünfte verlassen müssen, wurden zwar Lösungsvorschläge präsentiert. Doch bisher wurde noch in keiner Weise erwähnt, welchen Schutz die mehr als 600 unbegleiteten Minderjährigen erhalten, die von Ärzte ohne Grenzen im „Dschungel“ betreut werden.

Vor weniger als sechs Monaten, im März 2016, wurde der südliche Part des “Dschungels” gewaltsam evakuiert und abgebaut. Der erste Schritt der Räumung wurde von einer Atmosphäre der Gewalt begleitet, nachdem sich Flüchtlinge weigerten, ihre Unterkünfte zu verlassen – egal wie klein und schäbig sie auch waren – und protestierten. Nun schwebt die Gefahr einer neuerlichen Räumung über tausenden Menschen, die am restlichen Gelände des Camps zusammengepfercht die vergangenen sechs Monate verbracht haben. Laut Polizeiberichten handelt es sich um rund 7.000 Personen, während andere Organisationen mehr als 9.000 zählen (1).

Und immer noch kommen Menschen hier an. So auch Abdo, ein 25-jähriger Syrer. Er floh im Jahr 2012 vor dem Krieg in seiner Heimat nach Ägypten, dann weiter nach Libyen und überquerte das Mittelmeer – obwohl seit Anfang 2016 mehr als 3.000 Menschen während der gefährlichen Überfahrt verschwunden sind. Vor neun Tagen erreichte er Calais: „Es gibt viele Probleme hier im Dschungel wegen der vielen Menschen, die hier leben. Und jetzt will Frankreich auch noch das Camp schließen. Wo sollen wir denn hingehen? Sie können nicht einfach einen Knopf drücken und uns verschwinden lassen.“

Regierungen müssen ihre Verantwortung wahrnehmen

Welche Alternativen werden den Menschen geboten? Die regionalen Präfekten Frankreichs erhielten die Anordnung, bis zum Jahresende Unterkünfte für 9.000 bis 12.000 Menschen bereitzustellen – in Aufnahme- und Orientierungszentren (CAOs) im gesamten Land. „Viele Flüchtlinge in Calais trauen dieser Strategie nicht. Sie haben bisher nur lückenhafte Informationen erhalten, und nicht immer in einer Sprache, die sie verstehen. Sie müssen ihre Zukunftspläne ändern und in Frankreich um Asyl ansuchen, was sie eigentlich gar nicht vorhatten“, erklärt Franck Esnée, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in Frankreich. „Sie wollen schlussendlich nach Großbritannien – und Calais liegt immer noch auf der Hauptroute dorthin. Die Grenze zu schließen, das Camp zu räumen und die Bekanntgabe, dass eine Mauer gebaut werden soll – all das deutet darauf hin, dass die britische und französische Regierung ihre Verantwortung hinsichtlich der Bereitstellung von Unterkünften und Unterstützung für Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, weil sie dort schlichtweg nicht mehr bleiben konnten, nicht wahrnehmen.“

627 unbegleitete Minderjährige

Derzeit leben unter den Flüchtlingen in Calais 861 unbegleitete Minderjährige, davon 627 direkt im „Dschungel“ (2). Die meisten von ihnen stammen aus dem Sudan, Afghanistan, Eritrea oder Äthiopien. Der jüngste von ihnen ist gerade einmal zehn Jahre alt. „Soweit wir wissen, wurden keine speziellen Vorkehrungen für diese Kinder getroffen, für die Zeit nach der Räumung des Camps. Gar keine“, so Franck. „Wir haben jedes Recht, uns zu fragen: Wo sollen all diese unbegleiteten Minderjährigen leben? Werden sie bei Gleichaltrigen sein? Wie viele von ihnen werden beisammen bleiben? Werden sie bei Erwachsenen untergebracht? Welchen Schutz erhalten sie? Und was ist mit all den grundsätzlichen Leistungen wie Gesundheitsversorgung und Bildung?“

Laut der Organisation „Citizens UK“ sind 178 der unbegleiteten Minderjährigen in Calais berechtigt, mit ihren Familienmitgliedern in Großbritannien zusammengeführt zu werden: „Einem Land, das – nicht zu vergessen – offiziell zugesagt hat, 3.000 Kinder aufzunehmen“, ergänzt Franck. „Doch wenn sie erst einmal in der Bretagne, im südwestlichen und südöstlichen Frankreich verstreut sind, wie können wir sicherstellen, dass ihre Ansuchen tatsächlich bearbeitet werden? Das gilt sowohl für Minderjährige als auch für Erwachsene, die mit ihrer Familie wiedervereint oder um Asyl ansuchen wollen und deren Fälle momentan bearbeitet werden.“

Ismail (15) versucht verzweifelt, seinen Vater zu erreichen

Manche Flüchtlinge wie der 15-jährige Ismail aus Afghanistan können tatsächlich nirgendwo hin. Er kam erst diese Woche in Calais an, nachdem er den Iran, die Türkei, Serbien, Ungarn, Bulgarien, Österreich, Italien und Frankreich durchquert hatte: „Ich war drei Tage lang in einem bulgarischen Wald eingeschlossen, die Polizei schoss auf uns. Auch die türkische Polizei eröffnete Feuer. Im Iran wurde ich eingesperrt und gefoltert. In Serbien wurde ich von Einheimischen verprügelt. Für die Reise von Jalalabad nach Calais brauchte ich drei Monate“, berichtet Ismail. Jegliche Unschuld und Sorglosigkeit der Kindheit ist aus seinem Blick verschwunden. Nun versucht er verzweifelt, zu seinem Vater in London zu gelangen. Obwohl der ein britischer Staatsbürger ist, konnte er bisher keine sichere Zusammenführung für seinen Sohn erwirken. Denn Ismail ist zwar wie viele andere Flüchtlinge aus Konfliktregionen ein Minderjähriger, doch er besitzt keine Geburtsurkunde. „Ich habe in meinem Leben nichts anderes erlebt als Traurigkeit. Ich erinnere mich an keinen einzigen guten Tag in diesem Leben“, erzählt er, während er sein Zelt auf der rauen Erde des Camps aufschlägt.

Ärzte ohne Grenzen eröffnete Zentrum für Minderjährige

Um psychologische Hilfe, Bildungshilfe und Rechtsberatung für unbegleitete Minderjährige bereitzustellen, eröffnete Ärzte ohne Grenzen im Juli 2016 ein eigenes Zentrum im „Dschungel“. Täglich kommen 50-80 Kinder und Jugendliche dorthin. Gemeinsam mit der Organisation „Refugee Youth Services” bietet ein speziell ausgebildeter Lehrer auch Freizeitaktivitäten an. So haben sie etwas Raum, um wieder Sorglosigkeit zu spüren und die Freiheit, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, ihr Leben unter Kontrolle zu haben und nicht länger Opfer zu sein zu müssen. „Wir wissen nicht, was mit diesen Kindern passieren wird. Wir werden wahrscheinlich den Kontakt verlieren, sobald der nördliche Teil des Dschungels geräumt wurde. Niemand von uns wird es schaffen, ihnen weiterhin eine qualifizierte Unterstützung anzubieten – weder Ärzte ohne Grenzen noch eine andere Organisation, die sie dabei unterstützt, die bürokratischen Hürden zu überwinden.“

Unsere Teams sind auch um diejenigen Patienten und Patientinnen besorgt, die von Ärzte ohne Grenzen psychosoziale Unterstützung erhalten. Das Programm wurde eingeführt, um die vielen Flüchtlinge zu betreuen, die unter psychologischen Traumata leiden – die sie entweder in ihren Heimatländern, während ihrer Reise ins Exil oder dann im „Dschungel“ erleiden mussten. „Von den 91 Menschen, die wir versorgen, erhalten 18 eine Medikation. Wie können wir sicherstellen, dass sie weiterhin eine Behandlung bekommen? Wie wird sich die Räumung auf diejenigen auswirken, die jetzt schon unter Depressionen, Angstzuständen oder posttraumatischem Stress leiden?“, macht sich Franck Sorgen. „Die Behörden sollten demnächst nähere Details zu den verschiedenen Phasen der bevorstehenden Räumung bekannt geben. Bleibt zu hoffen, dass unsere Fragen und Sorgen rasch Aufmerksamkeit bekommen und die Antworten den Umständen entsprechend angepasst sind.“

(1) Laut einer Zählung durch "L’Auberge des Migrants and Help Refugees" von 6. bis 9. August 2016 leben 9.106 Menschen im Camp.
(2) Laut einer Studie von "FTDA", durchgeführt von 24. bis 26. August 2016

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