Tschad

Ernährungskrise: Mobile Teams im Einsatz

Obwohl die Ernte fast eingeholt ist, muss Ärzte ohne Grenzen weiterhin viele Kinder in das Noternährungsprogramm im Osten des Tschad aufnehmen.

Es ist noch früh am Morgen, doch es ist bereits heiß, als zwei Geländeautos vor dem kleinen Gesundheitszentrum im Dorf Angara im Osten des Tschad halten. Unter einem kleinen Dach, vor der prallen Sonne geschützt, warten Frauen und ihre Kinder auf die wöchentliche Behandlung. Sie beobachten geduldig, wie das Team von Ärzte ohne Grenzen das mobile therapeutische Ernährungszentrum aufbaut.

„Es ist das zweite Mal, dass meine Tochter in das Ernährungsprogramm aufgenommen worden ist“, berichtet Maryoma Abdallah, die im Schatten eines Baumes hockt. Wie viele der anderen Mütter auch hat sie in der Früh bereits einen langen Marsch auf ihrem Esel zurücklegen müssen, um ihre mangelernährte Tochter Kadidja behandeln zu lassen.

Nur etwas Hirsebrei

„Dieses Jahr war nicht sehr gut, und das vergangene Jahr auch nicht“, erzählt Maryoma. „Zuhause kann ich ihr nur etwas Hirsebrei geben – ich kann es mir nicht leisten Milch oder Früchte zu kaufen.  Kadidja war schon sehr schwach, doch dank der therapeutischen Nahrung nimmt sie jetzt wieder zu.“

Die zweijährige Kadidja ist eines von mehr als 1.000 Kindern die derzeit im Not-Ernährungsprogramm von Ärzte ohne Grenzen im Bezirk Biltine, im Osten des Tschad, behandelt werden. Jede Woche besuchen die mobilen Teams hier elf abgelegene Gesundheitszentren wie jenes in Angara.

Mehr als 3.500 Kinder behandelt

In jedem Dorf ist die Prozedur dieselbe: Während die Mütter ihre Kinder einzeln vorbringen, wird  jedes Kind gewogen, gemessen und gründlich von einer Krankenschwester untersucht. Kinder, die zum ersten Mal gekommen sind, werden auf Malaria getestet. Wenn nötig, verschreibt die Krankenschwester Medikamente, die vom Apotheker des mobilen Teams ausgehändigt werden. Schließlich erhält jede Mutter eine Wochenration therapeutische Fertignahrung für ihr Kind. Diese Paste aus Erdnüssen und Milch enthält alle wichtigen Vitamine und Mineralien die unterernährte Kinder brauchen, um wieder zu Kräften zu kommen.

Seit das Ernährungsprogramm im April eingerichtet wurde, wurden mehr als 3.500 schwer mangelernährte Kinder ambulant behandelt, von denen schon über 1.200 geheilt aus dem Programm entlassen werden konnten.

Ein kleiner Schritt vorwärts

„Wir haben einen kleinen Schritt vorwärts gemacht“, sagt Marcus Bachmann, der Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Biltine. „Die Gesamtzahl der Kinder in unserem Ernährungsprogramm hat abgenommen, von 1.300 in Juni auf 1.000 im September. Durchschnittlich haben wir aber weiterhin 200 neue Aufnahmen pro Woche. Und das bedeutet, dass es immer noch viele schwer mangelernährte Kinder gibt.“

Kein sauberes Wasser

In Angara geht indes Krankenschwester Carole Antoine Riolobos durch die Reihen der wartenden Mütter und Kinder. Sie sucht akute Fälle, Kinder, die sofort versorgt werden müssen. „Wir sehen nicht nur viele mangelernährte Kinder, viele von ihnen sind auch krank“, sagt sie.  „Das größte Problem ist Dehydrierung aufgrund von Durchfallerkrankungen. Die Menschen hier haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, und die Kinder trinken oft direkt aus den Flüssen.“

Krankenschwester Riolobos bleibt vor einer Frau in einem hellgrünen Kleid stehen und untersucht das Kind auf ihrem Schoß. Der kleine Bub, Adil, ist ernsthaft dehydriert und braucht dringend Intensiv-Pflege. Während sie ihn versorgt, erklärt sie der Mütter, dass ihr Kind sehr krank ist und im Krankenhaus von Biltine behandelt werden muss. Eines der Fahrzeuge von Ärzte ohne Grenzen wird sie und ihren Sohn nach dem Behandlungstag in Angara mit in die Stadt nehmen.

Die Ernte wird eingeholt

Seit April mussten mehr als 500 schwer mangelernährte Kinder, die eine Intensiv-Behandlung brauchten, in das Ernährungszentrum von Ärzte ohne Grenzen im Bezirkskrankenhaus von Biltine aufgenommen werden. Das Team hofft jedoch, dass die Zahl der Aufnahmen sinken wird, da die Ernte eingeholt wird und die jährliche „Hunger-Saison“ zu Ende geht.

Da jedoch keine anderen Gesundheitsorganisationen in der Region tätig sind, wird Ärzte ohne Grenzen das Not-Ernährungsprogramm in Biltine noch bis Anfang Dezember fortsetzen.

Problem bleibt

Doch obwohl die „Hunger-Saison“ – die Periode zwischen dem Aufbrauchen der letzten Reserven und dem Einholen der nächsten Ernte – beinahe vorbei ist, warnt Projektkoordinator Bachmann, dass das eigentliche Problem weiterhin bestehen bleibt. „Auch wenn wir den diesjährigen Höhepunkt  der Mangelernährung überwunden haben, gibt es keinen Grund allzu optimistisch zu sein. Denn die strukturelle Ernährungskrise besteht weiterhin, und die ist nicht nur durch ein Nothilfeprogramm wie das unsere zu bewältigen.“

Die Bevölkerung im Tschad ist jedes Jahr mit wiederkehrenden Ernährungskrisen konfrontiert, die eine enorme Belastung für Familien und Gemeinden darstellen. Die Not-Programme von Ärzte ohne Grenzen retten zwar leben, doch auch die Ursachen, die dieser Krise zugrunde liegen, müssen jetzt angegangen werden.

Notfall-Modus

„Es besteht die Möglichkeit, dass dieselbe Krise nächstes Jahr dieselben Orte heimsucht, in denen wir in diesem Jahr Nothilfe-Programme haben“, sagt Stefano Argenziano, der Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen im Tschad. „Die wirkliche Herausforderung im Tschad ist es, aus dem Notfall-Modus heraus zu kommen.“

Andere Ernährungsprogramme von Ärzte ohne Grenzen im Tschad: In Am Timan, ebenfalls im Osten des Tschad, wurden seit Jänner 6.535 mangelernährte Kinder ambulant behandelt. 731 schwer mangelernährte Kinder wurden im Krankenhaus behandelt. In Massakory, in der Region Hadjer Lamis im Westen des Landes, betreibt Ärzte ohne Grenzen ein Kinderspital mit 160 Betten. Seit Jänner wurden rund 7.800 schwer mangelernährte Kinder behandelt. Davon mussten 2.012 in das Krankenhaus eingeliefert werden, und 5.725 wurden ambulant behandelt. Ärzte ohne Grenzen arbeitet in diesem Bezirk in sechs Gesundheitszentren und unterstützt zwei weitere. In Yao, im Zentrum des Landes, eröffnete Ärzte ohne Grenzen im April ein Ernährungsprogramm und hat hier 1.559 schwer mangelernährte Kinder behandelt. Weitere 388 Kinder, die an Mangelernährung und/oder Kinderkrankheiten litten wurden in einem Ernährungszentrum behandelt, das Ärzte ohne Grenzen in der Ortschaft N’djaména-Bilala betreibt. Das Programm wurde Ende September geschlossen. Im Mai hat Ärzte ohne Grenzen ein Programm in Abu Deia, im Nordosten des Tschad, eröffnet, in dem rund 1.400 Kinder behandelt wurden. Das Programm wurde Anfang Oktober an lokale Behörden übergeben. Im Juli hat Ärzte ohne Grenzen in Bokoro, im Osten des Landes, ein Programm eröffnet. Bisher wurden 2.702 Kinder in zehn ambulanten Ernährungszentren behandelt, und mehr als 230 schwer mangelernährte Kinder mussten stationär behandelt werden. Ärzte ohne Grenzen wird das Programm im Dezember den lokalen Behörden übergeben.

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