Myanmar

Erstmals Tablette gegen HIV-bedingte Blindheit eingesetzt

Melbourne/Wien, am 23. Juli 2014 – Bei der 20. Welt-Aids-Konferenz im australischen Melbourne hat die medizinische Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) bekannt gegeben, in Myanmar erstmals Patienten oral gegen Zytomegalievirus-Retinitis (CMV-Retinitis) zu behandeln. Es handelt sich dabei um eine vernachlässigte opportunistische Erkrankung, die mit HIV/Aids in Verbindung steht und zu dauerhafter Erblindung führen kann. Obwohl das Medikament in den Industrieländern bereits seit 2001 verfügbar ist, bestand in Myanmar die einzige verfügbare Behandlungsmethode bisher darin, den Patienten einmal wöchentlich eine Injektion ins Auge zu spritzen – eine höchst unangenehme Prozedur, die nur von gut ausgebildeten und geschulten Ärzten durchgeführt werden kann.

Nach jahrelangen Preisverhandlungen mit dem Arzneimittelhersteller Roche behandelt Ärzte ohne Grenzen Patienten in Dawei im südlichen Myanmar nun mit Valganciclovir, einer einfachen Tablette, die bis zu sechs Monate lang täglich eingenommen werden muss. Es ist das erste Mal, dass diese Tablette in einem der HIV/Aids-Programme von Ärzte ohne Grenzen zum Einsatz kommt. Bis 2015 sollen alle Patienten von Ärzte ohne Grenzen in Myanmar, die an CMV-Retinitis leiden, das Medikament erhalten.

 

Preis für Medikament zu hoch

 

Ärzte ohne Grenzen drängt nun auf eine weitere Senkung des Medikamentenpreises, insbesondere durch einen Wettbewerb zwischen Generikaherstellern. „Dies ist ein sehr positiver Schritt, der die Behandlung für die Patienten und auch für die medizinischen Helfer leichter macht. Dennoch müssen wir noch viel tun, um die Preise weiter zu senken und den Zugang zu diesem wichtigen Medikament auszuweiten“, sagt Dr. Jennifer Cohen, die medizinische Leiterin der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen. „Der mit Roche ausgehandelte Preis beträgt rund 280 US-Dollar (207 Euro) für eine Flasche mit 60 Tabletten. Eine 27-wöchige Therapie beläuft sich somit pro Patient auf 1.960 Dollar (1.452 Euro). Für die meisten Patienten in den Ländern, in denen CMV-Retinitis verbreitet ist, ist dies noch immer eindeutig zu viel.“

 

Tablette ist in Industrieländern Standard

 

Vor der Einführung der antiretroviralen Behandlung in den Industrieländern litt rund ein Drittel der Menschen mit HIV/Aids an CMV-Retinitis. Heute ist diese Krankheit bei HIV/Aids-Betroffenen in Europa und in den USA nur noch selten anzutreffen. Für diejenigen, die in wohlhabenderen Ländern dennoch an CMV-Retinitis erkranken, ist Valganciclovir seit Langem die Standardtherapie, die sich darüber hinaus auch als wirksamer erwiesen hat als die Injektionsmethode.

In einigen Entwicklungsländern ist die Infektionsrate mit CMV-Retinitis jedoch nach wie vor hoch, da nicht überall systematisch auf HIV getestet wird und nicht immer ein Zugang zu antiretroviralen Medikamenten besteht. In Myanmar beträgt die Rate bei schwer kranken HIV/Aids-Patienten immer noch 25 Prozent.

 

"Unmenschliche" Injektionen

 

„Wir verfügen über die nötigen Medikamente, um das Leid durch CMV-Retinitis in einkommensschwachen und von HIV betroffenen Ländern zu lindern und eine Erblindung zu verhindern“, sagt Marcelo Fernandez, der medizinische Koordinator von Ärzte ohne Grenzen in Myanmar. „In den reichen Ländern gilt die gegenwärtige Behandlungsmethode als unmenschlich. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass sie auch in armen Ländern bald der Vergangenheit angehört.“

 

Appell an WHO

 

Die Therapie gegen CMV-Retinitis ist noch immer nicht Teil der aktuellen oder der kommenden Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) über die Behandlung von HIV in ärmeren Regionen. Ärzte ohne Grenzen appelliert an die WHO, diese Richtlinien zu überarbeiten und eine Übernahme in die nationalen Behandlungsprotokolle voranzutreiben.

Ärzte ohne Grenzen hat bisher vier Patienten in Dawei mit Valganciclovir behandelt und hervorragende Ergebnisse erzielt. Bis 2015 sollen alle Patienten in Myanmar, bei denen CMV-Retinitis diagnostiziert wird, das Medikament erhalten. In Myanmar kämpft Ärzte ohne Grenzen seit 2006 gegen die Krankheit und hat rund 1.130 Patienten mit intraokularen Injektionen behandelt. Darüber hinaus hat Ärzte ohne Grenzen in Myanmar mehr als 40 Ärzte für die Diagnose und Behandlung der Krankheit geschult.

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