Griechenland

„Es gibt keine andere Hoffnung.“ – auf der Flucht nach Europa

Tausende Menschen sind auf ihrem Weg von Griechenland nach Nordeuropa in der Grenzregion Idomeni gestrandet, wo unsere Teams Hilfe leisten. Die meisten von ihnen sind auf der Flucht vor Krieg und Gewalt in ihren Heimatländern. Mangels sicherer Reiserouten versuchen sie auf verschiedenen Wegen, Europa zu erreichen – manche von ihnen legen dabei auch weite Strecken zu Fuß zurück. Drei von ihnen berichtet von ihren Erlebnissen auf der gefährlichen Reise in ein besseres Leben:

Muhammed aus Syrien: „Sie sagten mir, alles würde gut werden.“

Muhammed* ist 18 Jahre alt und floh aus Syrien, nachdem er bei einer Bombenexplosion verwundet worden war. Er hat Angst vor der Reise, die noch vor ihm liegt:

„Der Schmuggler hat uns angelogen. Er sagte: ‚Sobald du in Griechenland bist, wird es leichter, in die anderen EU-Länder zu kommen. Du holst dir einfach ein Ticket und verlässt das Land, es wird ganz einfach.‘ Doch als ich hier her kam, wurde mir klar, dass das nicht stimmt. Ich muss zu Fuß gehen, es gibt keine andere Möglichkeit.

Die Grenzüberquerung macht mich sehr nervös, denn ich habe viele Geschichten von Menschen gehört, die geschlagen wurden. Doch am meisten belastet mich gerade, dass es meine Familie nicht erfahren wird, falls mir etwas Schlimmes zustößt.

Mir wurde gesagt, dass man Mazedonien durchqueren muss, und sobald man in Serbien ist, alles besser wird. Dort bekommt man Papiere, mit denen man weiter nach Ungarn gehen kann. Dann kommt man nach Österreich, und alles wird gut.

Ich bereue nicht meine Entscheidung, Syrien zu verlassen. Wenn ich noch dort wäre, müsste ich entweder in der Armee kämpfen oder ich wäre jetzt schon tot. Ich kann nicht zurück in die Türkei gehen – es gibt dort Nichts für mich.“

* Name geändert.

Sarah aus Uganda: „Wir können jetzt nicht mehr zurück.“

Die 20-jährige Sarah kommt aus dem Bezirk Wakiso in Uganda. Sie reist gemeinsam mit ihrer Schwester Barbara, deren Baby sowie einem weiteren Freund aus Uganda. Sarah ist im sechsten Monat schwanger und hat bereits eine lange und gefährliche Reise hinter sich:

„Unser Vater wurde in Uganda von einem benachbarten Stamm bei einem Streit über ein Grundstück umgebracht. Ein paar Menschen halfen uns, nach Kenia zu kommen, weil sie unseren Vater kannten und befürchteten, dass der Stamm uns ebenfalls umbringen würde. Jemand riet uns dann, in die Türkei zu gehen und von dort aus nach Griechenland.

In der Türkei bestiegen wir ein kleines aufblasbares Boot gemeinsam mit 45 anderen Leuten. Nachdem wir eine kurze Strecke zurückgelegt hatten, bemerkten wir, dass sich langsam Wasser im Boot sammelte. Wir versuchten, die Küstenwache zu rufen, doch sie kamen nicht. Das Wasser hatte bereits begonnen, in das Boot zu laufen, und wir wurden alle nass, sogar die Babies. Wir dachten, unser Leben wäre jetzt zu Ende. Niemand wusste, was man tun könnte. Wir beteten und alle weinten, weil das Boot sank. Ein Passagier hatte einen Herzinfarkt. Doch plötzlich sahen wir eine große Taschenlampe – die Griechen waren gekommen, um uns zu retten. Es war, als würden wir Gott persönlich sehen.

Danach brachten sie uns in ein Krankenhaus. Sie gaben mir Medikamente und dem Baby meiner Schwester ein paar neue Kleider. Wir bekamen sogar Essen. Dann nahmen wir ein großes Schiff nach Athen und dann den Zug nach Thessaloniki. Von dort ist es nicht einfach, ein Transportmittel zu finden, daher gingen wir den ganzen Weg nach Idomeni zu Fuß. An der Grenze kam dann die Polizei – sie fanden uns und verhafteten meine Schwester und unseren gemeinsamen Freund. Sie ließen mich laufen, weil ich schwanger bin. Nach einer Weile wurden auch meine Schwester und der Freund wieder freigelassen.

Wir reisen gemeinsam mit ein paar Leuten aus Syrien. Sie sind sehr nett, manche sprechen auch Englisch, also können wir uns verständigen. Sie geben uns Wasser und helfen mit dem Baby. Wir haben große Angst davor, die mazedonische Grenze zu überqueren, denn uns wurde erzählt, dass dort Frauen vergewaltigt werden. Aber wir können jetzt nicht mehr zurück nach Afrika.“

Ahmed aus dem Irak: „Es gibt für mich keine andere Hoffnung.“

Ahmed stammt aus Mosul im Irak. Er beschloss, in die Türkei zu fliehen, als die Sicherheitslage in seiner Heimatstadt immer angespannter wurde. Doch in der Türkei konnte er für sich und seine Familie kein Leben aufbauen. Also entschied er sich dazu, es nochmals zu probieren und in Europa um Asyl anzusuchen. Doch die Reise stellte sich als sehr viel schwieriger heraus, als er angenommen hatte:

„Meine ursprüngliche Idee war, einen Schmuggler zu bezahlen, um von der Küstenstadt Mersin auf einem Schiff nach Italien zu gelangen. Wir mussten alle eine sehr steile Böschung hinabrutschen zu einem kleinen Boot, das auf uns wartete. Es brachte uns zu einem größeren Boot. Doch dort waren wir bald von der türkischen Küstenwache umringt, die uns sagten, dass wir zurückkehren mussten. Als das Boot weiterfuhr, beschossen sie die Menschen an Bord mit Gummigeschossen. Wenig später tauchte ein türkisches Armeeschiff auf und schoss echte Kugeln auf den Motor. Der Kapitän gab daraufhin auf und das Boot wurde zurück nach Istanbul eskortiert.

Danach versuchte ich, über die türkische Grenze zu Bulgarien nach Europa zu gelangen. Doch meine Gruppe wurde von der türkischen Polizei gestoppt, bevor wir die Grenze erreicht hatten.

Danach zahlte ich einen Schmuggler, um mich von der Türkei aus zur griechischen Insel Chios zu bringen, doch das Boot wurde zwei Mal von der türkischen Küstenwache aufgehalten und zurück in die Türkei geschickt. Beim dritten Versuch befand ich mich gemeinsam mit 50 anderen Leuten zusammengepfercht auf einem kleinen Schlauchboot. Auf hoher See kenterten wir beinahe, doch die griechische Küstenwache rettet uns in letzter Minute und brachte uns nach Chios. Dort war ich fünf Tage lang, fast ohne Essen, und schlief unter freiem Himmel. Dann bekam ich endlich die Genehmigung, die Insel Richtung Athen zu verlassen.

In Athen versuchte ich fünf Mal, ein Flugzeug nach Deutschland zu besteigen – doch ich wurde jedes Mal an der Sicherheitskontrolle abgewiesen, weil ich nicht die richtigen Dokumente hatte. Jetzt versuche ich, die Reise nach Deutschland zu Fuß über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich zu schaffen. Ich weiß, dass der restliche Weg weiterhin sehr schwierig sein wird. Doch es gibt für mich keine andere Hoffnung als endlich Deutschland zu erreichen und dort Asyl zu beantragen, damit ich dann den Rest meiner Familie dorthin bringen kann.“

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