Internationale Partnerschaft führt erste klinische Studien für Ebola-Medikamente durch

Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) wird gemeinsam mit drei internationalen Forschungsinstitutionen klinische Studien für Ebola-Medikamente durchführen. Die Studien werden von der Universität Oxford (UK), dem Nationalen Institut für Gesundheit und medizinische Forschung INSERM (Frankreich) und dem Institut für Tropenmedizin Antwerpen ITM (Belgien) geleitet und in drei Ebola-Behandlungszentren von Ärzte ohne Grenzen in Westafrika stattfinden. Sie sollen im Dezember beginnen und werden voneinander unabhängig durchgeführt. Die Studien sollen schnell zu einer wirksamen Therapie führen, die gegen die Epidemie eingesetzt werden kann, die in der Region bereits mehr als 5.000 Menschenleben gefordert hat. Bislang gibt es keine Medikamente gegen Ebola. Erste Studienergebnisse könnten im Februar 2015 vorliegen.

Das französische Nationale Institut für Gesundheit und medizinische Forschung (INSERM) wird eine Studie mit dem antiviralen Wirkstoff Favipiravir im Behandlungszentrum in Guéckédou (Guinea) durchführen, unter der Leitung des Instituts für Tropenmedizin Antwerpen (ITM) wird im Behandlungszentrum Donka in Conakry (Guinea) eine Studie mit dem Blutplasma geheilter Patienten stattfinden und unter der Leitung der Universität Oxford – im Auftrag des International Severe Acute Respiratory and Emerging Infection Consortium (ISARIC) - wird eine vom Wellcome Trust finanzierte Studie mit dem antiviralen Wirkstoff Brincidofovir durchgeführt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Gesundheitsbehörden der betroffenen Länder beteiligen sich ebenfalls an dieser Zusammenarbeit.„Es handelt sich hier um eine einzigartige internationale Partnerschaft, die für die Patienten Hoffnung auf eine wirksame Therapie gegen eine Krankheit bedeutet, die heute zwischen 50 und 80 Prozent der Infizierten tötet“, sagt Dr. Annick Antierens, die diese Forschungspartnerschaft für Ärzte ohne Grenzen koordiniert. „Ärzte ohne Grenzen ist einer der Hauptanbieter medizinischer Versorgung für Ebola-Patienten in Westafrika und nimmt daher an diesen beschleunigten klinischen Studien teilt, um den vom aktuellen Ausbruch betroffenen Menschen eine größere Überlebenschance zu bieten.“

Mit Ethikausschüssen besprochen

Das Studienprotokoll ist in der Endphase der Entwicklung mit dem vereinfachten Ziel einer 14-Tage-Überlebensrate und breitgefassten Einschlusskriterien. So soll das Verfahren sicherstellen, dass die Patientenversorgung nur minimal gestört wird, dass international anerkannte ethische Standards respektiert werden, die in den Bereichen Medizin und Forschung gelten, und dass solide wissenschaftliche Daten produziert und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Prinzipien und Aufbau der Studien wurden mit den Ethikräten der betreffenden Länder besprochen. Die beiden Medikamente Brincidofovir und Favipiravir sind von der WHO als potenzielle Ebola-Medikamente gelistet. Sie wurden für die Studien sorgfältig geprüft auf Sicherheit, Wirksamkeit, Verfügbarkeit und Benutzerfreundlichkeit für die Patienten.  Professor Peter Horby, der Leiter der ISARIC-geführten Studie: "Klinische Studien für Medikamente, die erst erprobt werden, inmitten einer humanitären Krise durchzuführen ist eine neue Erfahrung für uns alle. Aber wir sind entschlossen, die Menschen in Westafrika nicht aufzugeben. Es war ein Privileg, die außergewöhnliche Bereitschaft aller Partner in dieser Initiative zu erleben, so schnell wie möglich diese immens wichtigen Studien voranzutreiben."

Plasma von genesenen Patienten

"Diese drei Studien sind Teil einer ersten Untersuchungsphase mit dem Ziel, die beste Behandlung zu finden, um Ebola-Patienten zu heilen", sagt Professor Denis Malvy, der die INSERM-Studie in Guinea leiten wird. „Die drei Testreihen werden daher so koordiniert, dass auf alles reagiert werden kann. Jedes neue Ergebnis wird schnell diskutiert und die Forschungsverfahren können dann entsprechend angepasst werden. Darum ist umso wichtiger, die Verbindung zwischen unseren Teams zu stärken, damit bei positiven Testergebnissen in der nächsten Phase möglicherweise verschiedene Eingriffe kombiniert werden."Bei der Vollblut- und Plasma-Therapie wird dem Patienten Blut oder Plasma verabreicht, das Antikörper von Menschen enthält, die Ebola überlebt haben. Diese Herangehensweise wird auch von der WHO in Betracht gezogen. „Plasma von genesenen Patienten, das Antikörper gegen Erreger enthält, wurde bereits bei anderen Infektionskrankheiten sicher verwendet“, sagt Johan van Griensven vom ITM, der die Studie koordiniert. „Wir wollen herausfinden, ob es bei Ebola funktioniert, ob es sicher ist und ob es für einen umfangreichen Gebrauch geeignet ist, um die Zahl der Todesopfer im derzeitigen Ausbruch zu verringern. Eine enge Kommunikation mit genesenen Ebola-Patienten und den Gemeinden ist entscheidend für den Erfolg der Studie. Wir hoffen, dass die Tatsache, dass genesene Patienten Erkrankten Blut und Plasma spenden, der Bevölkerung die Angst vor der Krankheit nimmt und auch die Stigmatisierung der Überlebenden verringert.“Wenn andere experimentelle Arzneimittel oder solche im Off-Label-Gebrauch verfügbar werden, die hinsichtlich Wirksamkeit und Sicherheit Erfolg versprechen, werden diese für potenzielle weitere Studien in Ebola-Behandlungszentren von Ärzte ohne Grenzen evaluiert.

Endprodukte in ausreichender Menge gefordert

Bei allen drei Studien wird großer Wert auf die Einbindung der betroffenen Gemeinden und die Einverständniserklärung der Patienten oder deren Vertreter gelegt. Jeder Patient, der einwilligt, an der Studie teilzunehmen, wird über die Risiken aufgeklärt, die neue Therapien mit sich bringen können. „Wir müssen uns bewusst sein, dass es keine Garantie gibt, dass diese Behandlungen Wundermittel sein werden“, sagt Dr. Antierens. „Aber wir müssen unser Bestes tun, um die Produkte, die derzeit verfügbar sind, zu testen. Nur so erhöhen sich die Chancen, eine wirksame Therapie gegen Ebola zu finden.“Parallel zu den klinischen Studien drängt Ärzte ohne Grenzen die Medikamentenhersteller, schon jetzt die Produktion zu steigern. So soll verhindert werden, dass eine Lücke zwischen dem Ende der Studien und der großflächigen Einführung von Produkten, die  sich als sicher und wirksam erwiesen haben, entsteht. Weiter bittet Ärzte ohne Grenzen die Arzneimittelhersteller dringend, die Endprodukte zu erschwinglichen Preisen und in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen, um den Ausbruch in Westafrika zu bekämpfen. Der Vertrieb dieser Medikamente sollte von den Bedürfnissen bestimmt werden, ungeachtet dessen, wo die Menschen leben oder welche finanziellen Möglichkeiten ein betroffenes Land hat.

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